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Sacharow-Preisträger Mukwege: "Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe"

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Sacharow-Preisträger Mukwege: "Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe"

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Seit mehr als 15 Jahren behandelt er Genitalverstümmelungen von kongolesischen Frauen. Denis Mukwege ist Gynäkologe und hat sich auf Opfer sexueller Kriegsgewalt spezialisiert.

Das Europaparlament zeichnete ihn 2014 mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit aus. Wir haben den Arzt im St-Pierre Krankenhaus in Brüssel getroffen, einer Einrichtung, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt.

Audrey Tilve, euronews :
“ Denis Mukwege, vielen Dank dass Sie bei uns sind. Der Sacharow-Preis ist bei weitem nicht der erste, den Sie erhalten haben. Aber was bringen diese ganzen Auszeichnungen, diese Medaillen, wenn man wie Sie jeden Tag mit dem Schlimmsten konfrontiert wird? “

Denis Mukwege :
“ Wir brauchen die Solidarität der europäischen Staaten um das Übel, dass wir vorhersehen konnten, zu bekämpfen. In Konflikten breiten sich Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen tendenziell immer weiter aus. Ich denke, dass Vergewaltigung eine extrem gefährliche Waffe ist, denn sie zerstört unsere Menschlichkeit.”

Audrey Tilve, euronews:
“Über 40.000 Frauen und Mädchen wurden seit der Gründung 2015 in Ihrem Krankenhaus bereits behandelt
Was war ihnen passiert?”

Denis Mukwege :
“Es handelt sich um Frauen, die vergewaltigt wurden, oft auch in der Öffentlichkeit, vor ihren Ehemännern oder Kindern.
Bei diesen Gruppenvergewaltigungen gibt es oft Genitalverstümmelungen. Die Frauen, die zu mir kommen, haben oft schwerste Unterleibsverletzungen.”

Audrey Tilve, euronews:
“Diese Verbrechen werden oft mit einem surrealen Sadismus begangen, mit Pfählen, abgebrochenen Flaschen oder Gewehrläufen. Wer tut so etwas Abscheuliches und warum?”

Denis Mukwege :
“Leider gibt es im östlichen Kongo, vor allem in der Provinz Orientale, viele bewaffnete Gruppen, die aus Burundi, Ruanda oder Uganda kommen, und die sich mit lokalen jungen bewaffneten Gruppen vereinigen, den Maï-Maï. Diese regionalen Milizen wurden oft einer Gehirnwäsche unterzogen, damit sie bereit sind zu zerstören. Und sie zerstören tatsächlich die Gemeinschaften, damit diese fliehen und ihnen das Land überlassen, das sie anschließend bewirtschaften können.”

Audrey Tilve, euronews:
“Sie reden von Kivu, der Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo, wo seit über 20 Jahren Gewalt herrscht. Dort gibt es bewaffnete Gruppen die aufeinanderprallen, im Kampf um die Kontrolle bestimmter Gebiete. Warum? Weil es dort Bodenschätze gibt. Können Sie uns sagen, welche Bodenschätze es dort gibt und wie das mit dem Drama um die Frauen in Kivu zusammenhängt?

Denis Mukwege :
“In dieser Region Kongos gibt es viele Erze, vor allem Coltan und Zinnoxid. Diese Erze werden in allen elektronischen Spielzeugen verwendet, die stark nachgefragt sind. Wenn die bewaffneten Gruppen ein Gebiet besetzen, werden sie nicht nur Landbesitzer, sondern ihnen gehören auch die unterirdischen Bodenschätze, die sie je nach Belieben nutzen können.
Und ich kann sagen, die Art, Frauen zu zerstören, ihren Unterleib zu verstümmeln, und das auf aufsehenerregende Weise zu tun, in der Öffentlichkeit, ist ein Weg, die Gemeinschaften zu terrorisieren.”

Audrey Tilve, euronews:
“Und wo ist der Staat? Die Armee ist doch vor Ort, genau wie eine Einheit der Vereinten Nationen mit mehr als 20.000 Männern. Sind sie etwa Komplizen?”

Denis Mukwege :
“Wir stellen fest, dass die Regierung selbst 12 Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens nie die Kontrolle über diese Gebiete hatte. Die bewaffneten Gruppen töten, vergewaltigen, zerstören und die Armee sollte eigentlich da sein, um die Bevölkerung zu beschützen. Aber auf diesen Schutz warten die Frauen und Kinder schon lange. Ich dachte immer, dass die Vereinten Nationen zum Frieden beitragen könnten. Aber es wäre sehr sehr schwierig, einen Soldaten der Vereinten Nationen hinter jede Frau oder jedes Baby zu stellen, denn die Vergewaltigungen betreffen sogar Babies.”

Audrey Tilve, euronews:
“Aber werden die Täter verurteilt, werden sie verfolgt, gibt es ein Gericht in Kivu?”

Denis Mukwege :
“Leider muss ich sagen, dass dort Straflosigkeit herrscht.”

Audrey Tilve, euronews:
“Viele, vor allem Frauen, fordern die Gründung eines Internationalen Strafgerichts im Osten Kongos, damit diese Straflosigkeit aufhört. Stimmen Sie dem zu?”

Denis Mukwege
“Ich stimme dem nicht nur zu, ich habe sogar schon eine Petition für einen Internationalen Strafgerichtshof für den Kongo unterzeichnet. Wenn man von Millionen Toten, von Tausenden vergewaltigten Frauen spricht, kann man diese Zahlen nicht immer wieder aufsagen, ohne dabei einen Prozess in Gang setzen zu wollen, der dazu führt, dass die Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit geübt wird. Die Welt von heute kann eine rote Linie ziehen und sagen: in bewaffneten Konflikten sollen Frauen nie wieder als Schlachtfeld dienen, und wenn es doch jemand tut, dann sollte er sich vor der Menschheit verantworten”

Audrey Tilve, euronews:
“Sie selbst wurden schon Opfer eines Mordversuchs, vor zwei Jahren, bei Ihnen zu Hause. Danach sind Sie nach Belgien gegangen, doch schon nach zwei Monaten haben Sie beschlossen, wieder heimzukehren und zu bleiben. Auch wenn Sie fünf Kinder haben und immer noch bedroht werden. Ein Leben woanders als in Kivu ist für Sie nicht denkbar?”

Denis Mukwege :
“Die kongolesischen Frauen sind aktiv geworden. Zuerst haben sie alle Autoritäten angeschrieben, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, den Präsidenten der Republik, und gefragt, ob ich zurückkommen könnte. Sie sagten, wenn die Behörden meine Sicherheit nicht gewährleisten können, würden sie selber dafür sorgen, aber sie wollten um jeden Preis, dass ich in den Kongo zurückkehre.
Zuerst dachte ich, das sei nur Gefühlsduselei, doch einen Monat später, als sie gemerkt haben dass keine Reaktion kam, haben diese Frauen sich organisiert. Jede Woche kamen sie mit ihrer Ernte, Obst und Gemüse, und verkauften es an das Krankenhaus, um mein Flugticket zu zahlen.
Das hat mich sehr berührt, ich sagte mir: was für eine Stärke. Diese Frauen leben mit weniger als einem Dollar am Tag, aber sie sind in der Lage sich zu mobilisieren, damit ich zurückkomme.
Als ich alle Möglichkeiten abgewogen hatte, habe ich mir nur gedacht, dein Leben ist nicht mehr wert als das dieser Tausenden Frauen, und ich habe mich entschieden, heimzukehren.”

Audrey Tilve, euronews:
“Aber warum ziehen Sie es nicht bis zum Ende durch und engagieren sich politisch? Solange dieser politische Kampf andauert, wird es weiterhin Opfer geben.”

Denis Mukwege :
“Ja, es ist schlimm was ich im OP-Saal gesehen habe. Wenn ich verletzte Babies in diesem Zustand behandele, dann werde ich wütend. Ich sage mir, dass das einfach nicht sein darf. Deshalb denunziere ich die Täter auch. Aber zwischen dem, was ich mache, nämlich die Täter öffentlich zu benennen, und in die Politik zu gehen, ist es ein weiter Weg, und da sind wir noch nicht.”

Audrey Tilve, euronews:
“Wieso können Sie noch immer lachen?

Denis Mukwege :
“Es liegt an diesen Frauen. Schon so oft war ich selbst bei einer Behandlung verzweifelt, und habe mich gefragt: wie wird sie es nur wieder auf die Beine schaffen. Aber diese Frauen stehen nie um ihrer selbst Willen wieder auf, sie machen das für ihre Kinder, ihre Familien. Ich denke, dass wir von diesen Frauen noch sehr viel lernen können.”

Audrey Tilve, euronews:
“Denis Mukwege, Sacharow-Preisträger 2014, vielen Dank, dass Sie unsere Fragen beantwortet haben. Alles Gute.”