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Ärzte ohne Grenzen: "Brauchen neue Strategie gegen Ebola"

Sie gehen dorthin, wo sich die meisten von uns nicht hintrauen würden. Sie kämpfen gegen Ebola, arbeiten dort, wo Konflikte wüten: in Syrien, Irak

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Ärzte ohne Grenzen: "Brauchen neue Strategie gegen Ebola"

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Sie gehen dorthin, wo sich die meisten von uns nicht hintrauen würden. Sie kämpfen gegen Ebola, arbeiten dort, wo Konflikte wüten: in Syrien, Irak, Nigeria, der Zentralafrikanischen Republik und der Ukraine, um nur einige Orte zu nennen.

Joanne Liu

  • Doktor Joanne Liu arbeitet seit 1996 für die “Ärzte ohne Grenzen”. Sie ist seit 2013 Internationaler Präsident der Organisation.
  • Sie ist ein ausgebildeter Arzt mit dem Schwerpunkt Notfallversorgung von Kindern.
  • Joanne Liu verfügt über umfangreiche praktische Erfahrungen aus der Arbeit für “Ärzte ohne Grenzen”.
  • Schon als Kind wollte sie für eine solche Organisation arbeiten.
  • Joanne Liu stammt aus der kanadischen Provinz Quebec.

“Ärzte ohne Grenzen” sind an vorderster Front, wenn es um die medizinische Versorgung in Krisengebieten geht. Ich möchte über einige dieser Regionen mit der Internationalen Präsidenten der Organisation, Joanne Liu, sprechen Vielen Dank für ihren Besuch.

euronews:

Ärzte ohne Grenzen hat die Internationale Gemeinschaft kürzlich scharf kritisiert, wegen ihrer Reaktion auf die Ebola-Krise und vor einem doppelten Fehler gewarnt.Man habe anfangs zu langsam reagiert und anschließend möglicherweise mangelhafte und lückenhafte Massnahmen ergriffen.

Wie ist es jetzt? Sind sie zufrieden mit der Reaktion der Internationalen Gemeinschaft?

Joanne Liu:

Wenn man sagt, man ist zufrieden, dann klingt das sehr generös. Ich würde sagen, die Menschen haben unsere Botschaft gehört und es wurde jetzt einiges auf den Weg gebracht. Was wir uns wünschen würden ist etwas mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Denn viele Maßnahmen beziehen sich auf Anforderungen von gestern. Sie sind darauf zugeschnitten. Wir sagen, die Dinge haben sich geändert, man muss darauf reagieren. Wir bauen keine Krankenstationen mehr mit 100 oder 200 Betten. Wir brauchen jetzt kleinere Zentren auf dem Land. Das ist die Herausforderung.

euronews

Sie waren vor Ort. Wie fühlt es sich an, Ebola zu haben?

Joanne Liu:

Ich werde nie wieder vergessen, was ich da sah. Während meines letzten Aufenthalts, besuchte ich eine Krankenstation mit sieben Patienten. Bei drei von ihnen war die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten. Sie waren bewusstlos und hatten Blut im Stuhl. Wir waren besorgt über die medizinische Situation. Aber was am erschreckendsten und nur schwer mit anzusehen war: Die Kranken waren völlig allein. Keine geliebten Menschen um sie herum und wir steckten in unseren Raumanzügen und kümmerten uns um sie. Ich sage mir immer, Menschen sollten nicht allein sterben.

euronews

Wie viele Menschen müssen noch sterben bis sich die Situation verbessert? 6000 Menschen sind bereits gestorben, Tausende sind infiziert. Wie wird sich das weiterentwickeln?

Joanne Liu

Es ist sehr schwer eine Prognose abzugeben. Es wurden schon viele Vorhersagen getroffen. Es gab die Worst-Case-Szenarien, da wurde gesagt 2015 werden wir 1.4 Millionen Fälle haben. Ich glaube nicht, dass es so viele werden. Die wichtigste Botschaft ist derzeit für mich, dass, obwohl die Infektionsfälle in einigen Regionen rückläufig sind, wir uns nicht hinstellen und von einem Sieg sprechen sollten. Wir haben vielleicht einige Schlachten gewonnen aber nicht den Krieg gegen Ebola.

euronews

Sie probieren in ihren Kliniken neue Behandlungsmethoden aus. Können Sie uns etwas darüber erzählen? Wie kommen Sie voran? Wann können wir mit ersten Ergebnissen rechnen?

Joanne Liu

Wir hoffen noch in diesem Monat mit mindestens zwei Tests beginnen zu können. Es geht um antivirale Medikamente für infizierte Patienten. Die Tests finden in zwei unserer Stationen in West-Afrika statt und werden einige Wochen dauern. Wir hoffen im ersten Drittel des kommenden Jahres auf die ersten Ergebnisse.

Isabelle Kumar

Bezüglich eines Impfstoffs, meiner Information nach gibt es da auch Tests in den USA, ist das die beste Möglichkeit das Virus einzudämmen? Oder kann das auch technisch, physisch vor Ort geschehen?

Joanne Liu

Wenn ich in die Zukunft blicke, dann ist das Einzige, was bei einer Ebola-Epedemie hilft, eine Impfung. Und wir hoffen, dass der Impfstoff so bald wie möglich verfügbar ist.

Isabelle Kumar

Was heißt: So bald wie möglich?

04:11 Joanne Liu

Wir hoffen, dass wir 2015 eine Impfung bereitstellen können, für diejenigen, die sie am nötigsten haben.

euronews

Wir haben unsere Online-Community aufgefordert, sich an diesem Interview zu beteiligen und jede Menge Fragen erhalten. Diese Frage kommt von Jen Schradie. Sie möchte wissen, ob Sie die Hilfe erhalten, die sie brauchen? Sie haben das schon zum Teil beantwortet. Aber welches Land bietet die beste und hilfreichste Unterstützung im Kampf gegen Ebola?

Joanne Liu

Die Vereinigten Staaten haben sich sehr stark in Liberia engagiert und einige Stationen errichtet. Wenn wir das allerdings mit dem vergleichen, was Präsident Obama zunächst versprochen hatte, dann ist es nicht ganz das, was er im September zugesichert hatte. Aber die Stationen sind errichtet und ausgestattet worden. Wir bitten jeden, der Geld aus amerikanischen Fonds erhalten hat, flexibel zu sein. Denn jetzt brauchen wir nicht die siebzehn Zentren mit 100 Betten aber wahrscheinlich einige Stationen mit 25 Betten. Wir müssen das auf die Bedürfnisse zuschneiden.
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euronews:

Was sind die langfristigen Folgen der Epidemie? Schulen werden geschlossen, Volkswirtschaften sind eingebrochen. Wie sehen die Folgen aus?

Joanne Liu:

Es wird Jahre dauern, um darüber hinweg zu kommen. Es gibt Verluste von Menschenleben, die Infrastruktur geht verloren. Wir können das ganze Ausmaß an Schäden noch nicht völlig abschätzen. Wir sollten uns nicht zu sehr darauf konzentrieren, denn es gibt auch einige positive Ergebnisse. Wir sollten nicht all unsere Energie auf die Herausforderungen in der nahen Zukunft richten, so lange wir in der Gegenwart solche riesigen Probleme haben.

euronews:

Das ist einer der großen Katastrophen, wo sie im Einsatz sind. Aber Ärzte ohne Grenzen engagiert sich in 67 Ländern auf der Welt. Ich weiß, sie sind auch in Syrien. Es war sehr schwer für sie, in dem Land zu bleiben. Die Regierung, Präsident Bashar al Assad, hat ihren Teams die Arbeit untersagt. In einigen von den Aufständischen gehaltenen Gebieten konnten sie aber verhandeln. Was erleben sie dort? Was beobachten ihre Teams?

Joanne Liu:

Wir verfügen derzeit nur über sehr wenige Informationen, denn wir arbeiten dort unter sehr eingeschränkten Bedingungen. Das ist sehr erschreckend und verstörend. Wir wissen, Syrien ist eines der größten humanitären Krisengebiete und für uns ist es eines der wichtigsten Einsatzgebiete. Aber wir können nicht auf das riesige Ausmaß der Krise reagieren. Das ist die traurige Realität.

euronews:

Warum werden ihre Teams nicht ins Land gelassen?

Joanne Liu:

Die Sache ist die, wir kriegen keine Sicherheitsgarantien für ein sicheres Umfeld, um dort ein Team einsetzen zu können.

euronews:

Ihre Organisation sieht sich auch immer wieder mit moralischen Dilemma konfrontiert. Ärzte ohne Grenzen musste in der Vergangenheit Steuern an militante Gruppen entrichten, die mit Al-Qaida in Verbindung stehen, um in bestimmten Gebieten arbeiten zu können. Wie beurteilen Sie solche Situationen?

Joanne Liu

Die Wirklichkeit sieht so aus, dass wir überall, wo wir arbeiten, Steuern zahlen. Wenn wir mit einer Regierung zusammenarbeiten und Waren einführen wollen, beispielsweise antiretrovirale Medikamente in ein afrikanisches Land, dann können wir das nicht zollfrei tun. Überall zahlen wir etwas. Einmal ist die Regierung die Autorität, ein anderes Mal jemand anders. Das ist die Realität vor Ort.

euronews

Es muss für Sie sehr schwer sein, zu entscheiden, was ist gut und was ist schlecht. Denn Sie wissen, dass das Geld, das von Gruppen wie ihnen kommt, wahrscheinlich nicht für die besten Zwecke eingesetzt wird.

Joanne Liu

Wir wägen immer genau ab, was wollen wir und was sind die Folgen. Und wenn wir denken, wir können wirklich etwas bewirken und Leben retten, dann verhandeln wir über eine Präsenz vor Ort.

euronews

“Ray likes a boss” ist ebenfalls Mitglied in unserer Online-Community. Er fragt, wie gelangen sie in die Konfliktgebiete?

Joanne Liu

Wir müssen zunächst die geopolitische Situation verstehen und dann gehen wir dorthin. Ich habe in der Vergangenheit an solchen Erkundungs-Missionen teilgenommen. Man ist dann vor Ort, spricht mit jedem und versucht zu erklären, wer man ist. Man versucht Sicherheitsgarantien für die Mission zu bekommen und klärt ab, ob die Arbeit auch wirklich etwas bewirkt und wirklich so hilft, wie es gebraucht wird. So läuft das meistens ab.

euronews

Sie sind auch in Europa tätig, direkt vor unserer Tür, beispielsweise in der Ukraine. Was haben Sie bewirkt, seit die Regierung die medizinische Hilfe in der Ostukraine eingestellt hat?

Joanne Liu

Seit der Maßnahme der Regierung und dem Beginn des Konflikts im Mai haben wir verschiedene Einrichtungen beider Konfliktparteien unterstützt – vor allem auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen. Denn eine der Tatsachen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, ist die, dass die Bevölkerung dort hoch traumatisiert ist, durch das was sie erlebt hat, durch die verschiedenen Angriffe.

euronews

Wenn Sie eine Botschaft für Präsident Poroschenko hätten, wie würde die lauten?

Joanne Liu

Er sollte zulassen, dass Hilfe in die Gebiete gelangt und ermöglichen, dass die Bürokratie erleichtert wird, die notwenidg ist um …

euronews

… ihre Arbeit wird behindert?

Joanne Liu

Ein wenig, ja.

euronews

Die Verantwortung, die sie tragen muss enorm sein. An dieser Stelle möchte ich noch eine passende Frage stellen. Sie kommt von Lulu Nurrahmah. Sie fragt, was war das bisher größte Problem, vor dem sie standen und wie haben sie es gelöst?

Joanne Liu

Am schwersten ist es, wenn wir in einigen Gebieten keine Akzeptanz bei der Bevölkerung finden. In West-Afrika kam es manchmal vor, dass die Menschen nicht verstanden warum wir kommen und was wir machen. Bei den Ebola-Einsätzen dachten sie, wir bringen das Virus dorthin, und die Menschen haben uns zurückgewiesen. Sie haben uns physisch zurückgewiesen. Das ist schwierig, und wir verstehen, dass es Zeit braucht, damit wir akzeptiert werden. Aber im Fall von Ebola zum Beispiel, einer Krankheit mit einer 50 prozentigen Sterblichkeitsrate, will man schnell handeln. Da kann man sich diesen Luxus nicht erlauben und lange warten. Aber wir wissen, dass die Akzeptanz durch die Bevölkerung der Schlüssel dafür ist, dass wir erfolgreich arbeiten können.

euronews

Dr Joanne Liu, vielen Dank für ihren Besuch bei “The Global Conversation”.

Doktor Joanne Lio arbeitet seit 1996 für die “Ärzte ohne Grenzen”. Sie ist seit 2013 Internationaler Präsident der Organisation.

Sie ist ein ausgebildeter Arzt mit dem Schwerpunkt Notfallversorgung von Kindern.

Joanne Lio verfügt über umfangreiche praktische Erfahrungen aus der Arbeit für “Ärzte ohne Grenzen”.

Schon als Kind wollte sie für eine solche Organisation arbeiten. Joanne Lio stammt aus der kanadischen Provinz Quebec.