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Diabetes verstehen und bekämpfen

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Diabetes verstehen und bekämpfen

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Französische Forscher bauen Beta-Zellen im Labor nach und ihre belgischen Kollegen setzen auf eine Bakterie in der menschlichen Darmschleimhaut.

Die Segel hissen, allein in See stechen und vor allem, mit der Zuckerkrankheit besser zurechtkommen, all das lernen die Teilnehmer eines ganz besonderen Segelturns unter der Anleitung des belgischen Skippers und Diabetes-Experten Philippe Pirard. Zuckerspiegel messen lautet auch an Bord die goldene Regel, wie ein junger Typ-1-Diabetes-Patient erklärt.

Timothée: “Wenn man Diabetiker ist, muss man regelmäßig den Zuckerwert im Blut messen. Unsere Ärzte empfehlen das vier Mal am Tag. Dafür muss man in die Fingerkuppe stehen und einen Bluttropfen auf das Testgerät tupfen, nach 5 Minuten hat man das Ergebnis.”

Im Prinzip reguliert die Bauchspeicheldrüse den Zuckergehalt im Blut. In den Beta-Zellen wird das für den Transport des Blutzuckers in die Zellen benötigte Insulin hergestellt. Beim Diabetes mellitus liegt eine Störung der Insulinwirkung vor. Man unterscheidet zwischen zwei Diabetes-Typen.

Miriam Cnop, Diabatologin, Université libre de Bruxelles (ULB): “Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich körpereigene Abwehrkräfte gegen die Insulin produzierenden Beta-Zellen richten und diese zerstören, bis es keine Insulin herstellenden Zellen mehr gibt. Beim Typ-2-Diabetes gibt es zwar Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die jedoch nicht richtig funktionieren und nicht genügend Insulin herstellen.”

Um die Funktionsstörung der Beta-Zellen besser zu verstehen, versuchte man viele Jahre vergeblich, sie im Labor nachzubauen, bis es einem Pariser Forscherteam gelang, eine solche Zelllinie aus menschlichem Gewebe zu erzeugen.

Raphaël Scharfmann, INSERM, Paris: “Wir haben, wie man auf dem Bildschirm erkennt, menschliche Beta-Zellen erzeugt, die Insulin enthalten und herstellen, das zeigen diese roten Stellen. Wir hatten bereits bewiesen, dass man anhand von humanem fetalem pankreatischen Gewebe, das man Mäusen implantiert, die gewünschten Beta-Zellen erhält, allerdings nicht in ausreichender Menge.

Deswegen haben wir den Zellen ein sogenanntes immortalisierendes Gen hinzugefügt, das die Entwicklung menschlicher Beta-Zellen bei der Maus verstärkt. Diese Zellen konnten wir entnehmen und dann Zellkulturen anlegen.
Die Zellen helfen zu verstehen, warum die pankreatischen Beta-Zellen bei Diabetes-Patienten zerstört werden oder schlecht funktionieren, um eines Tages vielleicht neue Medikamente gegen unterschiedliche Diabetes-Typen zu entwickeln.”

Rund 85 Prozent aller Betroffenen haben Diabetes vom Typ 2. Die Neigung ist genetisch bedingt. Außerdem begünstigen vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel, dass die Krankheit entsteht.

Neue Hoffnung versprechen sich belgische Forscher von einem Keim in der menschlichen Darmschleimhaut.Patrice Cani von der katholischen Universität Louvain in Brüssel und seine Kollegen haben das zumindest bei Mäusen gezeigt:

Patrice Cani, UCL, Brüssel: “Auf diese Bakterie sind wir ganz zufällig gestoßen. Im menschlichen Darm gibt es etwa 100.000 Milliarden Bakterien. Und wir wissen schon seit Langem, dass sie uns zum Beispiel bei der Verdauung helfen. In diesem konkreten Fall konnten wir nachweisen, dass die sogenannte Akkermansia-Bakterie mit den menschlichen Zellen einen regelrechten Dialog aufbaut, auf gewisse Weise die Aufnahme von Zucker in den Organismus beeinflusst und bei Typ-2-Diabetes zu einer Verbesserung führen kann.”

Derzeit untersuchen wir die Möglichkeit, diese Bakterien übergewichtigen Patienten, die Typ-2-Diabetes haben, zu verabreichen. Und wir hoffen, in ein paar Jahren eine Antwort auf die Frage zu bekommen: Kann die Bakterie als Zusatz bei einer Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden oder nicht?”

Diabetes ist eine Krankheit, die viel Disziplin verlangt. Und genau das lernen diese jungen Patienten auf ihrem Segelturn.