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Die neuen Berliner

25 Jahre nach der Wende scheint Berlin unaufhaltsam erwachsener zu werden. Zu verdanken hat die Stadt das wohl auch dem Image als Partyhauptstadt. Ganz vorne mit dabei: Eine neue Garde junger Kreative

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Die neuen Berliner

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25 Jahre nach der Wende wird in Berlin wieder alles anders. Längst ist die Stadt eine der wichtigsten positiven Imageträgerinnen Deutschlands. Zu verdanken hat sie das nicht zuletzt ihrem Ruf als Partyhauptstadt. Nun aber scheint Berlin unaufhaltsam erwachsener zu werden. Ganz vorne mit dabei: Eine neue Garde junger Kreativer.

Meinung

Berlin wächst noch. Das ist es, was die Leute lieben.

Getrieben wird auch der neue Wandel wieder von alten Faktoren: Nach dem Fall der Mauer fanden dort Tausende aus aller Welt den sonst so raren Platz für ihre Ideen. Berlin war ein Sonderfall, das Leben billig, frei und bei Bedarf abenteuerlich.

Das kann der DJ Luca Torre nur bestätigen: “Es gibt ja diesen Satz: Berlin ist arm, aber sexy. Und das ist der Grund für Berlin. Es ist wirklich arm. Du kannst überall in Europa gucken, die Hauptstädte sind nicht wie Berlin.”

Schon vor 14 Jahren ging Samuel Severino aka DJ Luca Torre aus dem französischen Teil der Schweiz nach Berlin, der elektronischen Musikszene wegen. Die fand dort den perfekten Nährboden. “Aber jetzt ist es total vorbei”, sagt Severino. “Das hat mit der Weltmeisterschaft 2006 angefangen. Die Preise sind hoch gegangen, wegen der Weltmeisterschaft, weil die Leute aus dem Ausland kamen. Und die Preise sind hoch geblieben.”

Über die hohen Preise klagt auch Amelie Fischer: “Na für mich ist es teuer, ich muss erst noch einen anständigen Job finden.” Die studierte Architektin kam nach Berlin auf der Suche nach interessanten Jobangeboten, Spaß und niedrigen Kosten. Mit Qualität ließen sich die Wohnungspreise bei neuen Mietverträgen nicht mehr erklären: “Ich hatte drei Monate lang keine Dusche im Sommer. Die Heizung ging letzten Winter nicht, die hatten die falschen Rohre angeschlossen oder warm und kalt vertauscht. Mir fehlt ein Fenstergriff, deswegen gefriert meine Scheibe immer mal wieder. Im Großen und Ganzen: schöne Wohnung aber kann nix.”

Um Raum, der früher leer stand, wird heute gestritten. Die Künstlerin Betty Stürmer erinnert sich: “Man konnte ganz leicht Sachen einfach nutzen. Man brauchte vor allem kein Geld dazu. Man musste nur anfragen oder hat nur 50 Mark im Monat bezahlt und konnte dann da Kunst ausstellen oder Parties veranstalten.”

Den Wilden folgte bald das Geld. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Mieten um 56 Prozent gestiegen. Club, Bars und Partymacher haben sich professionalisiert. Heute gehört das Berlin der 90er und 2000er ziemlich der Vergangenheit an, meint Betty Stürmer. “Hier sind wir ja in der Innenstadt und da wird es schon sehr eng jetzt, also für Projekte die low-budget sind.”

Zunehmend kommt nun einen neue Gruppe Zuzügler mit ganz anderen Ideen und größeren finanziellen Mitteln in die Hauptstadt. Cat Noone aus New York ist eine von ihnen: “Von den großen Startup- und Technologie-Szenen, die gerade existieren oder wachsen – San Francisco, New York, Berlin… London wächst… aber Berlin ist die, die besonders schnell reift und für mich auch die schönste.”

Die Jungunternehmerin baut ein Onlinebusiness für die Erstellung von E-Books auf und hat sich dafür Berlin ausgesucht. “Es gibt wirklich jede Menge Hype darum und berechtigterweise, wie ich finde. Die Kultur, diese spezielle Schönheit von Berlin und vor allem, dass es noch wächst: ich glaube, das ist es, was die Leute lieben. Die Tatsache, dass sie Teil einer Stadt sein können, die reift, dass sie gemeinsam mit der Stadt wachsen können. Das ist Teil des Charmes und auch warum ich selbst Berlin so mag,” so Noone.

Andere kommen wegen der inzwischen großen Zahl an Talenten und Fachkräften. Tom Kirschbaum will die vielen Möglichkeiten des Personentransports in der Stadt intelligent per Smartphone-App verknüpfen. Die Firma beschäftigt inzwischen rund 30 Programmierer, Designer und Marketing-Entwickler aus 20 Ländern, darunter EU-Staaten, Brasilien und Russland. Schwierigkeiten gebe es meist nur wegen der zu hohen bürokratischen Hürden, sagt Kirschbaum.

“Ich glaube Berlin hat die stärkste Strahlkraft im Moment, was die internationale Community angeht, weil so viele Dinge zusammen kommen”, so Kirschbaum. “Es treffen sich einfach ganz viele ähnliche Talente hier, die Stadt ist sehr attraktiv kulturell und die Lebensbedingungen sind insgesamt einfach spannend. Es ist noch nicht so teuer wie London und gleichzeitig eine unheimlich hohe Lebensqualität. Und das führt dazu, dass die Leute, die sich bei uns bewerben, gerne nach Berlin wollen und nicht irgendwo anders hin.”

Für die Stadt sei der neue Unternehmergeist ein Segen, so der Vorsitzende des Verbands Deutsche Startups Florian Nöll : “Die Startups sind mittlerweile enorm wichtig für Berlin. Mit mehr als 60.000 Beschäftigten schon im vorletzten Jahr sind sie bei der Wirtschaftsleistung auf Augenhöhe mit dem Tourismus, einer sehr starken Branche. Das zeigt, dass die Startup-Industrie eine ganz große Chance für die Hauptstadt ist.”

Mitte 2014 floss gut die Hälfte des Venture-Kapitals in Europa nach Deutschland und dort zu einem großen Teil nach Berlin, erklärt Nöll. Dort drängten sich inzwischen rund 2500 meist digitale Startups.

An der Stadt geht das nicht spurlos vorbei: “Einerseits stelle ich fest, dass Teile der Stadt jetzt wirklich international geworden sind. Sie finden Cafés, gerade hier im Umfeld [Berlin-Mitte], wo nur noch englisch kommuniziert wird”, sagt Nöll. “Andererseits stellen wir fest, dass plötzlich eine Kultur des Scheiterns erlaubt ist. Man erkennt an, dass man auch mal hinfallen dürfen muss, wenn man innovativ sein möchte. Das ist sicherlich kaum irgendwo in Deutschland so. In Berlin funktioniert das mittlerweile.”

Eine amerikanischere Unternehmenskultur und der Ruf Berlins als offene Stadt lassen die internationale Gemeinde weiter wachsen. Migration verändert Berlin zwar schon seit Jahrzehnten: Die türkische Gemeinde allein zählt rund 100.000 Menschen, gerne beansprucht die Stadt auch für sich, Erfindungsort des Döner Kebabs zu sein.

Aber der Wettbewerb wird anders. Neu Zuziehende sind zunehmend erstklassig ausgebildet und umworbene Talente auf ihrem Gebiet. Längst bildet die Szene ihren eigenen Nährboden. Schon seit 2002 gibt es ein eigenes Magazin für die Zugezogenen, auf Englisch: den Exberliner. “Das ist eine gut verkaufte Zeitschrift hier an der Ecke, kann ich nicht meckern”, erzählt eine Kiosbesitzerin. “Exberliner und dann kommen die beiden: Economist und Time.”

Der willkommene Boom stelle Politik und Verwaltung aber auch vor Herausforderungen, so Frank Jahnke, Wirtschaftssprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Vorsitzender des Kulturausschusses: “Wir haben mit dem enormen Zuzug – Berlin wächst ja jedes Jahr um 40 bis 50.000 Einwohner – natürlich auch all die Infrastrukturfragen zu klären, die sich damit verbinden. Angefangen bei der Wohnung, über Kitas, über Krankenhäuser bis hin zum Verkehr. Überall muss man ja für die zusätzlichen Einwohner Infrastruktur schaffen.”

Das Geld, das dem Boom folgt, hat die Modernisierung der Stadt schnell vorangetrieben. Kaum eine Wohnung, die nicht saniert worden und im Preis deutlich gestiegen wäre. An der prekären finanziellen Lage der Stadt hat das aber nichts geändert.

Jährlich erhält Berlin mehr als 3,3 Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich, mehr als ein Drittel der deutschlandweit verteilten Summe. Auch viele Berliner schaffen es nicht, aus eigener Kraft mitzuschwimmen, fast jeder Fünfte erhält dort Hartz IV, die Minimalversorgung für Arbeitslose. Jeder Siebte gilt als armutsgefährdet – immerhin Bundesdurchschnitt.

Viele haben die Stadt verlassen oder beklagen zumindest die Verdrängung ihres Berliner Lebensgefühls: “Es war… wow! Die Leute waren ganz entspannt, mit einem Lächeln. Es war ruhiger und ganz cool, es war nicht so stressig wie die ganzen anderen europäischen Hauptstädte”, sagt DJ Luca Torre. “Aber jetzt ist es total anders geworden. Die Leute haben nicht mehr dieses Lächeln, es ist ein bisschen stressiger, auch in der U-Bahn. Früher war das überhaupt nicht so.”

Amelie Fischer bringt es auf den Punkt: “Ob das jetzt irgendwie noch groß sexy ist? Ich glaube, die Frage oder die Tatsache ist: Berlin ist arm und reich. Und das geht irgendwie immer weiter auseinander.”