Eilmeldung

Eilmeldung

Griechische Wirtschaft: Tourismus als einzige "Boom-Industrie"

Sie lesen gerade:

Griechische Wirtschaft: Tourismus als einzige "Boom-Industrie"

Schriftgrösse Aa Aa

20 Prozent, das ist die Zielmarke der EU – auf 20 Prozent der Wirtschaftsleistung soll die Industrie in den kommenden fünf Jahren wieder kommen. Zur Zeit sind es gut 15 Prozent (2013) – Griechenland erreicht ganze 12,6 Prozent. Fünf Jahre Rezession, mehr als jeder vierte Erwachsene arbeitslos – das hat Spuren hinterlassen.

Eine Zementfirma in der Nähe von Athen erwischte es nach fast 90 Jahren Existenz – zu wenig Nachfrage.

Stelios Fotias, Mitarbeiter:

“Das ist eine Massen-Entlassung. Sie trifft alle 226 Mitarbeiter. Da ging es nicht um 50, 60, 70 oder 80 Leute. Jeder muss verschwinden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir warten nur, in diesem Monat, dem nächsten oder einen später und wir stehen alle auf der Straße.”

Für die Eigentümer, die französische Lafarge-Gruppe, war eine Modernisierung vergebene Liebesmüh. Es sei nicht möglich, die Fabrik wettbewerbsfähig und damit lebensfähig zu machen.

Symela Touchtidou, euronews:

“Bis vor vier Jahren war Evia eines der blühenden Industriezentren Griechenlands. Jetzt ist das in eine von der Krise verwüstete Region, mit mehr als 35% Arbeitslosenquote.”

Für Experten wie Athanasios Syrianos, Vize-Präsident der Deutsch-Griechischen IHK auch eine Folge der Wirtschaftsstruktur: “Die Mehrzahl der großen Industriebetriebe gehört ausländischen Konzernen.” Und die hätten oft wenig Interesse an mehr Export, wenn es im Inland nicht läuft.

Maria Smirneou, Generalsekretärin des Arbeitsamts Evia:

“Seit 2010 erleben wir eine Deindustrialisierung der Region ohne Ende, eine Serie von großen, wichtigen Fabriken, die leistungsfähig waren mit hunderten Mitarbeitern und abgewickelt werden.”

Geraucht wird aber immer. Doch selbst Griechenlands führender Tabakkonzern Papastratos hat schon bessere Zeiten gesehen.

Der Anteil der Landwirtschaft an der Wirtschaftsleistung sei in den letzten Jahren stetig gesunken, so das deutsche Auswärtige Amt in seinen Länderinformationen. (2011: 2,75 Prozent). Ehemals traditionelle Produkte wie etwa Tabak, Baumwolle und Zuckerrüben spielten kaum noch eine Rolle.

Nikitas Theophilopoulos, Papastratos:

“Wir haben 7 Steuererhöhungen in 5 Jahren erlebt. Heute besteht der Preis für unsere Produkte zu 90% aus Steuern. Für Herstellung, Groß-und Einzelhandel bleiben ganze 10% . Dazu kam der Rückgang der Kaufkraft als großes Problem. Das Ergebnis: Es wurde immer mehr geschmuggelt.”

“Die Schuld an der fehlenden Zukunftsperspektive und der Reformschwäche liegt einzig und allein bei der politischen Elite des Landes”, meint Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Und an sie appellieren verzweifelt die Vertreter der einzigen Wachstumsindustrie weit und breit: Der Tourismus ist ein stärkerer Wirtschaftsfaktor (16,4 % Anteil an der Wirtschaftsleistung) als die Industrie.

Yiannis Retsos, Präsident der Griechischen Vereinigung der Hotelbesitzer:

“2014 war für uns ein Rekordjahr mit 24 Millionen Ankünften. Das Letzte, was wir wollen, ist das Image von Griechenland in den internationalen Medien in die Krise zurückfallen zu sehen. Also bitten wir rund um die Wahlen alle Parteien um Zurückhaltung und Ruhe.”

.

Für den DIW-Wirtschaftsexperten Fratzscher wäre das aber genau der verkehrte Reflex. Griechenland habe nur dann eine Chance, wenn es sich politisch fundamental erneuere. Das erfordere nicht weniger als ein politisches Erdbeben.”

su mit dpa