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EZB-Anleihekäufe - Finanzmärkte jubeln, Deutsche maulen

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EZB-Anleihekäufe - Finanzmärkte jubeln, Deutsche maulen

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Die neue Billionen-Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) hat für heftigen Andrang am
europäischen Anleihemarkt gesorgt. Einen Tag, nachdem die EZB Anleihekäufe für rund 1.100 Milliarden Euro angekündigt hat, zogen die Kurse von Staatsanleihen in vielen Euroländern stark an.
Im Gegenzug fielen die Renditen auf neue historische Tiefstände. Die Rendite – das ist der Preis, den Staaten für frisches Geld am Kapitalmarkt bezahlen müssen – und der Lohn, den Anleger bekommen, wenn sie einem Staat Geld leihen.

Mit dem Ankauf von Anleihen will die EZB eine drohende Deflation im Euroraum verhindern und die Inflationsrate mittelfristig wieder auf knapp unter zwei Prozent anheben.

Das viele, viele frische Geld kommt im Idealfall über die Banken, denen die Zentralbank Anleihen abkauft und dadurch Mittel freimacht, als Kredit bei Unternehmen und Verbrauchern an. Das könnte Konsum und Investitionen anschieben und so die maue Konjunktur in Schwung bringen. Die Kapitalmärkte jedenfalls freuen sich erst mal über die Gelddusche.

Mark Haefele, Chefstratege der Schweizer Großbank UBS:

“Der Umfang war größer als erwartet, aber noch wichtiger ist – das Ende ist offen, so dass die EZB mehr tun kann, wenn sie das für notwendig hält. Kommt die Risikoteilung dazu. Das ist in mehreren Aspekten eine historische Ankündigung”.

Die Staatsanleihenkäufe sollen sich nach dem Anteil der Euroländer am EZB-Kapital richten. Damit wird die Zentralbank vor allem deutsche Staatsanleihen kaufen, gefolgt von französischen und italienischen. Eine gemeinsame Risikohaftung gibt es nur bei Anleihen europäischer Institutionen, sie machen zwölf Prozent des Programms aus.

Das kommt Bedenken vor allem aus Deutschland entgegen, das EZB-Programm könnte vor allem die Problemländer aus der Reformzwinge freikaufen.

“Vermögensvernichtungswaffe”, “Inflationsmaschine” oder “Lizenz zum Gelddrucken”, schimpft es trotzdem aus dem akademischen und politischen Deutschland. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte als erstes weitere Reformen in den EU-Schuldenländern.

Zwar könnten Wirtschaft und Verbraucher jetzt billiger Geld leihen. Für Sparer sei die Geldschwemme aber keine gute Nachricht, findet der Präsident des Verbands der Versicherungsbranche (GDV), Alexander
Erdland – vor allem für die private Altersvorsorge.

Und keiner kann wirklich garantieren, dass die Banken mit dem freien Geld Kredite vergeben – und noch weniger, dass die Kunden sie auch nehmen.

“Der Einfluss des Programms auf die Konjunktur und die Inflation im Euroraum ist zu vernachlässigen,
da die Zinsen ohnehin schon Rekordtiefs erreicht haben”, kritisiert auch DZ-Bank-Experte Jan Holthusen. Vielmehr würden die Preise für Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien noch weiter steigen: “Die Gefahr, dass spekulative Übertreibungen entstehen, hat sich erhöht.”

Im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte es bis zuletzt Widerstand gegeben, unter anderen von den deutschen Vertretern in dem 25-köpfigen Gremium. Denn die EZB flutet die Märkte bereits seit Jahren mit billigem Geld.

Was ähnliche Programme in den USA, Japan und Großbritannien genau gebracht haben, können Fachleute bisher schwer einschätzen. Scheint vor allem eine Vertrauens-Frage zu sein.

su mit dpa