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Juden in Frankreich nach den Anschlägen: Gehen oder bleiben?

Nach dem Terrorangriff auf den koscheren Supermarkt bei dem vier Menschen getötet wurden, ist die Pariser jüdische Gemeinde in Trauer. Dazu kommt

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Juden in Frankreich nach den Anschlägen: Gehen oder bleiben?

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Nach dem Terrorangriff auf den koscheren Supermarkt bei dem vier Menschen getötet wurden, ist die Pariser jüdische Gemeinde in Trauer. Dazu kommt auch die Angst vor steigendem Antisemitismus. Sie fürchten in Frankreich nicht mehr sicher zu sein.

Meinung

Wenn es ein Land gibt, in dem die Juden nicht in Sicherheit sind, dann ist das Israel

In einem anderen koscheren Geschäft des Viertels meint eine Frau: “In Europa gibt es auf jeden Fall eine Bewegung, die uns das Gefühl gibt, dass der Antisemitismus steigt. Das ist nicht nur in Frankreich der Fall. Ich hätte nicht gedacht, dass es in Frankreich so schnell gehen würde. Seit der Geschichte mit Ilan Halimi war ich traumatisiert, wirklich traumatisiert. Danach gab es den Terrorangriff in Toulouse. Meine Tochter ist mit einem Mann aus Toulouse verheiratet. Und wenn sie nach Toulouse gehen, werden sie sehen, fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ist weggezogen. Vor allem die Jungen. Die Jungen wollen nicht in Toulouse bleiben. Sie haben Angst.”

2006 ist Ilan Halimi entführt, gequält und getötet wurden, weil er ein Jude war. 2012 ein Terrorangriff auf eine jüdische Schule in Toulouse – immer mehr Juden in Frankreich fragen sich, ob es nicht besser wäre nach Israel auszuwandern. Die verschärften Sicherheitsmaßnahmen, um jüdische Schulen und Synagogen zu schützen, schüren bei vielen die Angst, denn das erinnert sie ständig an die Bedrohung.

Diese Agentur berät Juden, die nach Israel auswandern wollen. Allein vergangenes Jahr entschieden sich rund 7.000 Juden dazu, Frankreich zu verlassen. Doppelt so viele wie 2013. Daniel Benhaim, dem Direktor der Agentur, zufolge wandern viele aus wirtschaftlichen und familiären Gründen aus. Aber die jüngsten Anti-Israel-Proteste und die Angriffe spielen auch eine Rolle. “Nach solchen Ereignissen geht die Zahl der Anmeldungen für unsere Informationsabende immer nach oben. Das war in diesem Sommer der Fall. Die Ereignisse von Sarcelles, der Vorfall in der Synagoge de la Roquette, und die Rufe “Tod den Juden” auf dem Platz der Republik in Paris sind nicht unbemerkt geblieben. Man kann immer sagen, dass diese Vorfälle mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zusammenhängen, aber ich glaube, dass dieser Konflikt heute für viele Juden nur ein Vorwand ist. Es gibt einen Hass auf Juden, der in die Öffentlichkeit getragen wird, oder zumindest wird der Hass viel öfter geäußert, und das verursacht ein Unbehagen,” so Benhaim.

Aber ist dieses Unbehagen Grund genug die Koffer zu packen und nach Israel auszuwandern? Olivia kennt Israel gut. Sie lebte dort ein Jahr und ist immer wieder zurückgekehrt für einen Urlaub oder geschäftlich. Olivia lebt in der Provence, im Süden Frankreichs. Ihre Kinder gehen in eine jüdische Schule. Ihr Mann und sie haben immer wieder mal darüber geredet, nach Israel oder in die USA zu ziehen. Jetzt, nach den Angriffen in Paris, hat sie das Gefühl, dass sie schnell eine Entscheidung treffen muss: “Wenn es ein Problem gibt, werde ich eine Lösung finden. Meine Kinder haben ein Problem, ich finde eine Lösung. Wenn bei der Arbeit etwas nicht funktioniert, finde ich eine Lösung. Jetzt habe ich auch das Gefühl, dass ich eine Lösung finden muss. Ich habe keinen Einfluss darauf, was auf Regierungsebene passiert, in den Institutionen oder den Sicherheitsbehörden. Was kann ich schon machen? Ich muss eine Lösung finden. Es kann einem einfach vorkommen, wenn man sagt, die Lösung ist es, zu gehen, nach Israel auszuwandern. Aber ein paar Tage später ist man wieder bei der Arbeit und man merkt, dass es doch nicht so einfach ist. Das wird das Problem nicht lösen und außerdem bin ich Französin.”

Stolz darauf Franzose zu sein. Dieses Gefühl teilen viele der rund 600.000 Juden in Frankreich – die größte jüdische Gemeinde nach Israel und den USA. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lud die französischen Juden dazu ein, nach Israel zu kommen. Kritiker werfen ihm politischen Opportunismus vor.

Andere verweisen auf die Zahl der antisemitischen Taten, die sich in Frankreich im vergangenen Jahr verdoppelt hat. Roger Cukierman, der Präsident des Dachverbands für Juden in Frankreich (CRIF), erklärt: “Ich kann verstehen, dass viele Juden weggehen wollen. Die Zahlen steigen und werden auch weiter steigen. Denn wenn sie Kinder haben, können sie sie entweder in die Staatsschulen schicken, wo sie von Kindern mit Migrationshintergrund beschimpft werden, oder in Privatschulen, wo sie von der Polizei und der Armee beschützt werden. Es ist nicht angenehm mit einer ständigen Bedrohung zu leben und umgeben von Menschen mit Maschinengewehren, die sie schützen sollen.”

Pierre Stambul ist Vorsitzender des Friedensverbands der französischen Juden. Er macht die ultrakonservativen Politiker in Israel für den Anstieg des Antisemitismus und die Panikmache verantwortlich. Für ihn es schon fast ironisch, dass die französischen Juden ausgerechnet nach Israel gehen wollen: “Es gibt eine Menge Propagandisten, die behaupten, dass die Juden in Gefahr sind. Dass es erneut zu einer Kristallnacht kommen wird. Sie sagen: “Ihr seid nicht in Sicherheit, wandert nach Israel aus.” Also erstens, wenn es ein Land gibt, in dem die Juden nicht in Sicherheit sind, dann ist das Israel. Und das wird so bleiben, solange das palästinensische Volk ignoriert und grausam behandelt wird. Wir stehen nicht kurz vor einer neuen Kristallnacht. Der Antisemitismus in Frankreich steigt nicht rapide an. Es gibt in Frankreich Rassismus. Es gibt rassistische Bewegungen in gewissen Milieus. Bis jetzt trifft der Rassismus vor allem die Araber, die Schwarzen und die Sinti und Roma. Er trifft heute auch die Juden und das ist extrem gefährlich. Wir müssen gegen diese Rassismusformen ankämpfen, alle zusammen.”

Elie Buzyn ist ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz. Viele Jahre lang besuchte er mit Gruppen das Vernichtungslager, um zu erklären und das Unfassbare in Worte zu fassen. Jetzt 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers bereitet ihm die Häufung der antisemitischen Vorfälle Sorge: “Ich glaube die Mehrheit der französischen Bevölkerung ist nicht antisemitisch. Sie ist offen und demokratisch. Der aktuelle Antisemitismus entwickelt sich in kleinen Gruppen, die sehr organisiert und strukturiert sind. Wenn wir keinen Weg finden, um gegen sie vorzugehen, wird sich der Antisemitismus ausbreiten.”

Mehr als eine Million Menschen haben in Paris an dem Solidaritätsmarsch für die Opfer teilgenommen. Vereint gegen Terrorismus, vereint für Freiheit und Demokratie. Elie Buzyns Tochter ging auch auf die Straße und war tief berührt: “Bei der Demonstration am Sonntag trug ich eine riesige französische Flagge und plötzlich ist mir klar geworden: Das geht doch nicht. Wir werden ihnen nicht dieses schöne Land überlassen. Das ist unmöglich. Meine Großeltern mütterlicherseits sind vor dem Krieg aus Polen nach Frankreich gekommen. Mein Vater ist hierher gezogen. Jetzt gab es diesen Aufstand für die Meinungsfreiheit und ich war auf dem Platz der Bastille in Paris. Noch nie hatte ich so wenig Lust, Frankreich zu verlassen. Diesen Terrorangriffen ist es nicht gelungen die Meinungsfreiheit mundtot zu machen. Man hat es gesehen mit dem internationalen Aufstand nach der Ermordung der Zeichner und Journalisten von “Charlie Hebdo”. Die Juden haben Angst, aber zugleich sind sie Frankreich sehr verbunden. Daran habe ich keinen Zweifel. Meine Liebe zu Frankreich ist jetzt fast noch stärker als vorher.”

Trotz dieser Zeichen der Einheit und Brüderlichkeit fragen sich viele Juden, wie sie weiterhin in Frankreich und mit der Angst leben sollen.