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Russland und das Kapital - Geschichte einer turbulenten Beziehung

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Russland und das Kapital - Geschichte einer turbulenten Beziehung

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Der russische Finanzminister Anton Siluanow hat die
Herabstufung der Kreditwürdigkeit Russlands auf “Ramschniveau” als “übertrieben pessimistisch” kritisiert. Die US-Ratingagentur Standard &
Poor’s (S&P) habe die starken Seiten der russischen Wirtschaft nicht berücksichtigt. Als Beispiele nannte er hohe Währungsreserven des Landes und
eine niedrige Staatsverschuldung.

Zuvor hatte Vizeregierungschef Igor Schuwalow gesagt, die Bewertung Russlands durch internationale Ratingagenturen habe oft auch politische Gründe.

Seit Monaten verstärken sich Ölpreisverfall, schwacher Rubel und Furcht vor einer tiefen Rezession in Russland gegenseitig. Seit der Finanzkrise flieht Kapital aus dem Land – 2014 waren es alarmierende 151 Milliarden Dollar (133 Milliarden Euro).

Die Ratingagentur S&P hatte die Note für die Kreditwürdigkeit am Montag von “BBB-” auf “BB+” gesenkt. Die Herabstufung auf dieses “Ramschniveau” bedeutet, dass Geldanlagen in Staatstitel Russlands als hochspekulativ eingestuft werden.

Nachdem der Rubel zum Dollar in Reaktion auf die S&P-Schelte gut sieben Prozent eingebrochen war, ging es an der Moskauer Börse bergab. Gleichzeitig verteuerten sich die Versicherungen gegen einen Zahlungsausfall Russlands.

Dem einst boomenden Schwellenland machen insbesondere die westlichen Sanktionen wegen der Ukraine-Krise und der stark fallende Ölpreise zu schaffen – bisher brauchten Anleger und Investoren nach jeder Krise Jahre, um wieder Vertrauen zu schöpfen.

Ökonom Wladimir Tichomirow sagte in Moskau:
“Selbst wenn sich die Lage geopolitisch und wirtschaftlich stabilisiert, wird die Erhöhung des Ratings eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.” Und Kollege Oleg Kusmin warnte: “Wenn der Erdölpreis weiter sinkt und die Ukrainekrise eskaliert, könnten die anderen Ratingagenturen nachziehen.”

su mit dpa, Reuters

Natalia Marshalkovich, euronews:

Alexander Knobel, Leiter des International Trade Department beim Gaidar Institut für Wirtschaftspolitik in Moskau, S&P hat Russlands Rating auf Ramsch-Status herabgestuft, zum erstenmal seit 11 Jahren. Was bedeutet das?

Alexander Knobel, Gaidar Institut für Wirtschaftspolitik:

“Natürlich ist das eine schlechte Nachricht für die russische Wirtschaft. Investoren hatten damit gerechnet, da der Ausblick davor negativ war. Die Kapitalmärkte waren ja für russische Unternehmen schon seit März-April 2014 nicht mehr zugänglich.

Die Herabstufung wird natürlich formell das Verhalten einiger Investoren verändern – vor allem von denen, die Investment-Portfolios mit Werten der russischen Wirtschaft aufgebaut haben. Sie werden wohl russische Titel aus ihren Portfolios werfen.

Bei den Direktinvestitionen dürfte sich nicht viel ändern. Für diese Art von Investitionen ist die allgemeine wirtschaftliche Lage wichtig – und deren Zustand ist kein Geheimnis…

Der Rubel wird weitere 3 bis 5 Prozent verlieren.”

euronews:

“Was die Sanktionen angeht… es gibt sie jetzt seit einiger Zeit und es könnten bald noch mehr werden. Russlands Rating ist jetzt “Junk”. Wo könnten die Unternehmen nun Geld hernehmen, um ihre Schulden zu bezahlen?”

Alexander Knobel:

“Das kommt auf die Unternehmen an. Stimmt aber, dass die internationalen Märkte für russische Unternehmen kein Weg sind, ihre Schulden zu refinanzieren.

Einige Kreml-nahe, privilegierte Unternehmen könnten erschwingliche und billige Kredite in der Landeswährung bekommen und sie danach in Dollar umwandeln. Oder sie könnten einen Teil ihrer Exporterlöse nutzen, um ihre Auslandsschulden zu bezahlen.”

euronews:

“Theoretisch bedeutet die Rating-Herabstufung, dass sich Russland der Pleite nähert. Noch ist das kein Thema, aber vielleicht in Zukunft?”

Alexander Knobel:

“Nun, mittelfristig ist alles möglich. Zumindest, wenn die Ölpreise weiter so niedrig bleiben und keine echten Veränderungen in Wirtschafts- und Haushaltspolitik kommen.

In diesem Fall könnte das Ausfallrisiko ab 2016 oder 2017 real werden. Aber 2015 sehe ich da kein Risiko. Die Staatsschulden sind nicht so hoch.

Natürlich gibt es große Aktiengesellschaften, die meist Staatsunternehmen sind. Sie sind belasten den Staat schon. Aber wenn man Geld aus dem Rest der Wirtschaft abzieht und wegen der Abwertung des Rubels scheint es möglich, ihre kurzfristigen Kreditprobleme zu meistern.”

euronews:

“Könnte die Geldentwertung da eine Schlüsselrolle spielen?”

Alexander Knobel:

“Ja, teilweise. Aber wie es weitergeht und welche Mechanismen eingesetzt werden, um die Krise zu bewältigen, das hängt von zwei unberechenbaren Faktoren ab – was passiert mit dem Ölpreis und mit der außenpolitischen Lage.”