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Andrea Bocelli: "Die Genetik hat sich einen Scherz erlaubt"

Frauen werden bei seiner Stimme schwach, Männer haben Tränen in den Augen und seine Regale biegen sich unter der Last seiner Auszeichnungen. Ein Weltstar, der bislang rund 80 Millionen Alben weltweit

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Andrea Bocelli: "Die Genetik hat sich einen Scherz erlaubt"

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euronews: “Andrea Bocelli, vielen Dank für Ihren Besuch bei Τhe Global Conversation. Sie haben eine Auszeichnung für Ihre humanitäre Arbeit erhalten. Würden Sie sagen, dass es ebenso wichtig ist, auf der Welt etwas zu verändern, wie Musik zu machen?”

Meinung

Ich war immer sicher, dass es Raum für klassische Musik gab und geben wird

Andrea Bocelli

  • Andrea Bocelli wurde 1958 in der Toskana in Italien geboren.
  • Seit seiner frühen Kindheit liebte er die Musik, vor allem Opern.
  • Er wurde teilweise blind geboren und verlor sein restliches Augenlicht im Alter von 12 Jahren.
  • Opernstar Luciano Pavarotti entdeckte Bocelli: Er hörte 1992 ein Demoband von ihm.
  • Andrea Bocelli ist der Tenor mit den weltweit meistverkauften klassischen Tonträgern, aber er ist auch für seine Popinterpretationen bekannt.
  • 2011 gründete er die Andrea-Bocelli-Stiftung, die den Kampf gegen Armut unterstützt und medizinische Forschung unterstützt.

Andrea Bocelli: “Es ist ein wenig schwierig, diese Frage zu beantworten. Es handelt sich hier wahrscheinlich um zwei Dinge, die Hand in Hand gehen. Musik zu machen bedeutet für mich, einer Leidenschaft nachzugehen, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben, weil ich weiß, dass Musik Freude und Frieden bringt. Und in gewisser Weise hilft sie, die Welt zu verbessern. Meine Kollegen werden sich dessen auch bewusst sein. Also stehen beide Dinge in gewisser Hinsicht Seite an Seite.”

euronews: “Sie haben die Leidenschaft erwähnt: Gibt es ein Projekt, in dem besonders viel Leidenschaft steckt?”

Andrea Bocelli: “Normalerweise stecke ich dieselbe Leidenschaft in jedes Projekt, das ich unterstütze. Von Anfang an hat sich meine Stiftung mit zwei Hauptprojekten beschäftigt, die man folgendermaßen zusammenfassen könnte: Das erste ist der Kampf für Selbstbestimmung, das zweite ist die Technologie. Damit verbunden ist die Hoffnung, ein Hilfsmittel zu schaffen, das die Probleme von blinden Menschen löst. Es gibt viele Menschen, die alleine in Großstädten leben und täglich vor der Schwierigkeit stehen, ihre Wohnung zu verlassen, sich zu bewegen, einzukaufen oder zur Arbeit zu gehen – mit all den Dingen, die damit zusammenhängen. Also: Ein solches Hilfsmittel zu schaffen, wäre großartig.”

euronews: “Gehen wir zeitlich einen Schritt zurück, in Ihre Kindheit. Ihre Eltern waren nicht musikalisch, woher stammt diese erstaunliche Gabe?”

Andrea Bocelli: “Die Genetik hat sich einen Scherz erlaubt. Mein Vater war in Sachen Musik fast talentlos, er hatte keine besondere musikalische Veranlagung. Meine Mutter: nur ein bisschen besser (lacht). Ich weiß wirklich nicht, durch welche merkwürdige genetische Verbindung diese Leidenschaft entstanden ist. Aber so ist es. Seit meiner Kindheit hat mich Musik fasziniert. Anscheinend war das mein Schicksal.”

euronews: “Und wie hat Sie die Musik fasziniert. Erinnern Sie sich?”

Andrea Bocelli: “Ich erinnere mich genau. Ich erinnere mich insbesondere daran, dass meine Eltern mir den Plattenspieler ans Bett stellten, als ich krank war. Ich habe dann Momente voller metaphysischer Erfahrungen erlebt.”

euronews: “Als unser Publikum hörte, dass ich Sie zum Interview treffe, haben sie mir Fragen geschickt. Nicholas Andrew möchte von Ihnen wissen: Wer hat Sie in der Musik am meisten inspiriert – und ich möchte hinzufügen auch im Leben?”

Andrea Bocelli: “In musikalischer Hinsicht, oder in gesanglicher Hinsicht besser gesagt, hat mich Franco Corelli inspiriert: ein großartiger italienischer Tenor aus Ancona. Er hat mich total fasziniert. Ich habe ihm zugehört, und es war sofort Liebe. Ich meine, dass er hauptverantwortlich für meine Karriere ist. Im Laufe des Lebens gibt es dann natürlich auch andere Vorbilder: Leute, die einen mit dem beeindrucken, wer sie sind. Gewissermaßen beeinflussen die einen auch alle als Sänger, weil wir die Summe unserer Erfahrungen, unseres Wissens sind. In meinem Gesang steckt also mein gesamtes Wesen.”

euronews: “In Ihren Gesang beziehen Sie auch die Popmusik ein. Sie haben beispielsweise mit Celine Dion und Jennifer Lopez gesungen. Was gibt Ihnen Popmusik, was Ihnen die Oper nicht gibt?”

Andrea Bocelli: “Popmusik bringt Leichtigkeit, würde ich sagen. Es gibt Momente, in denen ein Lied die Stimmung hebt – und genau das ist seine Aufgabe.”

euronews: “Mit Blick auf diese Fähigkeit von Musik, die Stimmung zu heben: Gibt es ein Lied, das Sie bei jedem Konzert singen können und das die Zuhörer ausrasten lässt?”

Andrea Bocelli: “Die Arie ‘Nessun dorma’ aus Turandot ist sicherlich eines der Stücke, das etwas mehr Begeisterung in den Herzen der Leute auslöst.”

euronews: “Einer unserer Netzwerk-Nutzer, Petro Brits, fragt, welches Ihr Lieblingslied ist?”

Andrea Bocelli: “Ich habe kein Lieblingslied. Gott sei Dank mag ich jede Menge Musik. Normalerweise ist die Musik, die ich mag, diejenige, die ich noch nie gesungen habe, mit der ich mich beschäftige und die ich dann singe.”

euronews: “Wenn Sie mit jedem singen könnten, mit wem würden Sie dann singen?”

Andrea Bocelli: “Ich liebe Stimmen – schon immer. Ich habe das Glück, dass ich mit den wichtigsten Stimmen unserer Zeit singen kann. Ich erinnere mich gern daran, als ich das erste Mal mit Celine Dion und anderen sang. Die Welt ist voller großer Stimmen, und ich kann’s nicht abwarten, mit anderen gemeinsam aufzutreten und mit anderen die Emotionen zu teilen, die das Singen mit einer anderen großen Stimme unserer Zeit auslöst.”

euronews: “Wer hat Ihrer Meinung nach die beste Stimme aller Zeiten?”

Andrea Bocelli: “Die Stimme, die mich am meisten beeinflusst hat, war die von Franco Corelli. Aber sicher, im Laufe des vergangenen Jahrhunderts gab es viele große Stimmen wie Caruso, Beniamino Gigli, Mario del Monaco, Aureliano Pertile und viele andere.”

euronews: “Offenbar sind Sie sehr nervös, bevor Sie die Bühne betreten, machen aber einen sehr entspannten Eindruck. Was ist Ihr Geheimnis?”

Andrea Bocelli: “Weiß ich nicht. Lampenfieber hat mit dem Charakter zu tun. Man kann nichts dagegen tun. Aber es hängt auch mit dem Konzert zusammen, das man gibt, und von der Musik, mit der man auftritt. Ich hatte schon immer enormen Respekt vor der Oper und ihrem Publikum, also spüre ich jedes Mal meine große Verantwortung, wenn ich auf die Bühne trete. Denn ich weiß, dass ich Tausende Menschen vor mir habe, die sich die Zeit genommen haben, zum Konzert zu kommen und mir zuzuhören – die dafür sogar Geld ausgegeben haben. Deshalb muss ich unbedingt mein Bestes geben. Und zwar immer.”

euronews: “Sie sind vor einigen der bekanntesten Menschen der Welt aufgetreten. Gibt es einen Auftritt, bei dem Sie besonders nervös waren, nervöser als bei anderen?”

Andrea Bocelli: “Das würde ich verneinen. Für diejenigen, die unter Lampenfieber leiden, ist es jedes Mal das Gleiche. Sogar wenn man vor Vorschulkindern auftritt. Sie haben immer diese Verantwortung. Natürlich gab es Momente, die mich berührt haben. Als ich zum Beispiel Päpste oder Präsidenten getroffen habe. Ich erinnere mich besonders an meine Begegnung mit Muhammad Ali. Das war ein sehr bewegender und emotionaler Moment für mich, weil Muhammad Ali einer der Helden unserer Zeit ist – der Mann, der den Weltmeistertitel für eine gute Sache niedergelegt hat. Ihm gegenüberzustehen, in seinem Haus zu sein – dieser Mann, der so stark, aber gleichzeitig so krank ist. Ein Mann, der nach Tagen der Stille zu mir sagte: Singen Sie für mich. Das war sehr emotional.”

euronews: “Ich kann mir vorstellen, dass es auch ein sehr emotionaler Moment war, vor dem Papst zu singen. Können Sie mir den ebenfalls beschreiben?”

Andrea Bocelli: “Ich muss zunächst sagen, dass ich schon immer sehr gläubig war. Mit gläubig meine ich, dass ich mich schon immer gefragt habe, was das Leben und was der Sinn des Lebens ist. Die Antworten, die ich gefunden habe, haben immer dazu geführt, dass ich gen Himmel geblickt habe. Deshalb ist der Heilige Vater für mich die höchste Autorität auf Erden. Ihm zu begegnen, war ein Moment, den ich mit Worten nicht beschreiben kann. Natürlich hatte jeder Papst, den ich getroffen habe, seine eigene Persönlichkeit. Ich erinnere mich an die Menschlichkeit von Johannes Paul II., die Ausstrahlung von Benedikt XVI. und ich erinnere mich, weil es noch nicht so lange her ist, an die überwältigenden Emotionen meines Treffens mit Papst Franziskus. Er ist ein wirklich heiliger Mann. Und ich übernehme die Verantwortung für die Aussage, bevor die Kirche ihn heiliggesprochen hat.”

euronews: “Ich möchte noch einmal eine Stimme aus den sozialen Medien einbringen. Unter der Adresse @moyawamubane fragt jemand, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie nicht diese wunderbare Stimme gehabt hätten?”

Andrea Bocelli: “Es ist schwierig, eine Geschichte zu schreiben, indem man immer fragt: Was wäre, wenn? Ich habe Jura studiert. Ich habe meinen Abschluss in meiner Heimatstadt Pisa gemacht und hätte wohl versucht, eine Karriere als Anwalt einzuschlagen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es so gekommen wäre.”

euronews: “Können Sie mir drei Adjektive nennen, die Ihr Leben beschreiben?”

Andrea Bocelli: “Das ist nicht leicht. Es ist immer schwierig, Dinge mit Etiketten zu versehen. Bis jetzt war mein Leben in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Unbeschwert. Ich habe mich immer als einen glücklichen Menschen erachtet, weil ich etwas hatte, wonach sich andere sehnen. Ich meine damit die Zuneigung derjenigen, die neben einem leben, der Nachbarn.”

euronews: “Und wir haben eine weitere Frage: Wie haben Sie es so weit geschafft. Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben?”

Andrea Bocelli: “Die Hindernisse, auf die ich getroffen bin, sind für jeden, der in seinem Leben etwas erreichen will, dieselben. Denn etwas zu tun, bringt Entbehrungen, Mühe und gleichzeitig große Zufriedenheit mit sich. Zu meinen persönlichen Hürden gehörte, Verantwortliche der Musikindustrie zu überzeugen, dass die Oper und Stimmen wie meine auch in unserer Zeit einen Platz haben. Ich habe die Zeit der Rockmusik, von Soul und Pop erlebt: Musik, die Schlagzeilen macht. Aber ich war immer sicher, dass es Raum für klassische Musik gab und geben wird.”

euronews: “Andrea Bocelli, vielen Dank, dass Sie uns ein wenig Ihrer Zeit geschenkt haben.”