Eilmeldung

Eilmeldung

Syrien versinkt in Finsternis

Sie lesen gerade:

Syrien versinkt in Finsternis

Schriftgrösse Aa Aa

Ein Land versinkt in Finsternis. Sogar aus dem Weltall ist das Ausmaß der Zerstörung in Syrien zu sehen. Seit Beginn des Konfliktes vor vier Jahren liegen inzwischen mehr als 80 Prozent des Wüstenstaates nachts in Dunkelheit. Dazu wurden Satellitenbilder aus einer Entfernung von 800 Kilometern ausgewertet. Am schlimmsten betroffen ist die einstige Wirtschaftsmetropole Aleppo. Dort ging die Zahl der sichtbaren Lichter um 97 Prozent zurück.

Ein Ende des Krieges ist nicht absehbar. Hier im Bild vermutlich Regierungsjets, die einen Vorort von Damaskus vergangene Woche angegriffen haben. Ein anderes Video tauchte auf, das einen Helikopter zeigt, der offenbar explosive Kanister über einem Stadtviertel von Aleppo abwirft. So würden ganze Viertel ausrasiert, erklärte die aus 130 Hilfsorganisationen bestehende “WithSyria”-Koalition. Getroffen werden meist Zivilisten, auch Kinder werden von den Angriffen nicht verschont.

2014 war das blutigste Jahr im syrischen Bürgerkrieg. Nach Angaben von Hilfsorganisationen starben 76.000 Menschen. Seit Beginn des Konfliktes 2011 kamen mehr als 210.000 Menschen ums Leben.

Ein seltenes Bild im April vergangenen Jahres: Ein Hilfskonvoi dringt bis Aleppo vor und versorgt zwei Stadtviertel mit Lebensmitteln. Transporte in das Kriegsgebiet sind rar. Laut Hilfsorganisationen sind inzwischen fast acht Millionen Syrer von dringend benötigter Hilfe abgeschnitten. Das Leid habe untragbare Ausmaße erreicht. Zudem fehlen Hilfsgelder, hieß es weiter.

Eine Ausstellung im UN-Hauptquartier in New York enthüllt ein anderes Gräuel des Krieges: die Foltermethoden. Auf den Bildern sind entstellte Opfer zu sehen, aufgenommen von einem syrischen Gerichtsmediziner. Mithilfe der Opposition war er aus dem Land geflüchtet.

Der Repräsentant der Syrischen Nationalen Allianz in den USA, Najib Ghadban unterstrich: “Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen folterte das Regime allein im Februar 84 Gefangene zu Tode. Die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, muss Teil der politischen Lösung sein. Das ist bisher nicht passiert und deshalb wurden diese Verbrechen möglich. Exremistische Gruppen wie die IS-Miliz wurden zu solchen Taten erst ermutigt.”

Vergangene Woche verurteilte der UN-Sicherheitsrat in einer Resolution den Einsatz von Chlorgas. Zahlreiche Hilfsorganisationen werfen dem Sicherheitsrat völliges Versagen vor. Keine der drei Resolutionen im vergangenen Jahr habe etwas bewirkt. Die Organisationen riefen nun die UN dazu auf, den Resolutionen “endlich durch Taten Geltung zu verschaffen”.

euronews: Seit vier Jahren herrscht Bürgerkrieg in Syrien. Sie kennen die Lage im Land sehr gut und besonders die der Kinder. Sie sind für UNICEF in Jordanien stationiert. Können Sie noch in Syrien arbeiten?

Laurent Chapuis, regionaler Kinderschutzbeauftragte im Nahen Osten und in Nordafrika des Kinderhilfswerks UNICEF:
“Es ist extrem schwierig, aber wir kümmern uns heute um die Bedürfnisse von 14 Millionen Kindern, die von der Krise betroffen sind, ob das in Syrien oder den Nachbarländern ist. 2014 haben UNICEF und seine Partner drei Millionen Kinder in Syrien gegen Polio geimpft. Das wurde hauptsächlich in den Zonen, die von der Regierung kontrolliert wurden, durchgeführt. Wir haben aber auch Kinder in den Zonen, die von der Opposition kontrolliert wurden, geimpft. Zudem haben wir 800.000 Kinder gegen Masern geimpft. Wir unterstützen der Zugang zur Bildung von 2,8 Millionen Kindern in Syrien.”

euronews: Wie hat sich die Situation in diesen vier Jahren entwickelt? Ich denke da an Baschar al-Assads Bomben, seit einigen Monaten dann auch der Terror der IS-Miliz?

Laurent Chapuis, regionaler Kinderschutzbeauftragte im Nahen Osten und in Nordafrika des Kinderhilfswerks UNICEF:
“Die Lebensbedingungen für Kinder in Syrien haben sich verschlechtert. Sie werden extremer Gewalt ausgesetzt, sie werden ja auch von den Truppen und bewaffneten Gruppen rekrutiert. Aber sie sind auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Ihre Schulen werden angegriffen und die Krankenhäuser ebenfalls. Die Gewalt hat sich in den vergangenen vier Jahren verschlimmert.”

euronews: Wir haben nur wenige Informationen darüber, was in Syrien vor sich geht. Gibt es Gebiete, in denen die Zivilisten verschont bleiben und die Kinder ein fast normales Leben führen können?

Laurent Chapuis, regionaler Kinderschutzbeauftragte im Nahen Osten und in Nordafrika des Kinderhilfswerks UNICEF:
“In Syrien gibt es Gebiete, in denen die Schulen und Kliniken immer noch geöffnet sind. Aber man darf nicht vergessen, dass auch wenn die Lage dort normal scheint, die Bevölkerung trotzdem unter Belagerung ist, auch in Damaskus. Nehmen wir zum Beispiel das große Palästinenserlager Yarmouk in Damaskus. Die Regierungstruppen und Aufständischen liefern sich erbitterte Kämpfe um das Lager. 20.000 Palästinenser versuchen dort zu überleben. Humanitäre Hilfe kommt dort nur tröpfchenweise an.”

euronews: Gibt es Kinder, die flüchten, die auch alleine die Flucht wagen?

Laurent Chapuis, regionaler Kinderschutzbeauftragte im Nahen Osten und in Nordafrika des Kinderhilfswerks UNICEF:
“In der Tat leben heute zwei Millionen syrische Kinder in den Nachbarländern. Zwei Millionen Flüchtlingskinder, davon haben 8.000 die Grenze ganz allein überquert, ohne Eltern, ohne Begleitung. Sie erhalten Unterstützung von UNICEF. Diese Art Programme sind sehr komplex und verlangen enorme Ressourcen, und wenn die UNICEF seine laufenden Programme erfolgreich beenden will, werden 900 Millionen Dollar benötigt. Damit kann den Kindern in Syrien und denen, die in die Nachbarländer geflüchtet sind, geholfen werden. Aber auch den libanesischen, jordanischen, türkischen und irakischen Kindern. Leider hat UNICEF bis heute nur 100 Millionen Dollar mobilisieren können und wir haben nun schon März.”