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Krieg in der Ukraine: Die Kinder hinter den Fronten

Chermalyk im Osten der Ukraine. Das Dorf mit seinen gut 2000 Einwohnern liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Mariupol, die Armee hat hier die

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Krieg in der Ukraine: Die Kinder hinter den Fronten

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Chermalyk im Osten der Ukraine. Das Dorf mit seinen gut 2000 Einwohnern liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Mariupol, die Armee hat hier die Kontrolle. In den vergangenen Monaten gab es auch hier heftige Kämpfe gegen die Separatisten. Die Folgen: zerstörte Häuser und Kinder, die Krieg spielen.

Für die Kleinen hier ist klar, wer die Bösen sind: die Separatisten. Auf sie zielen sie mit ihren Stöcken, und manchmal auch mit echten Waffen: Ukrainische Soldaten sind in der Nähe stationiert.

Bei den Kämpfen um Chermalyk kamen auch Raketenwerfer zum Einsatz. Die Geschosse schlugen Krater in die Landschaft. Krater, die den Kindern nun als Abenteuerspielplatz dienen.

Die Kämpfe haben sie selbst miterlebt. Den elfjährgen Tolik Tokar hätte es beinahe erwischt. Er erzählt: “Das Geschoss ging durch den Stoff auf meiner Schulter und flog weiter. Ich bin eben ein Glückskind.”

Die Vereinten Nationen schätzen, dass gut 1,7 Millionen Kinder beiderseits der Front von den Folgen des Kriegs betroffen sind. Es fehlt an Wohnungen, Medizin, Nahrung, Schulunterricht.

In der Stadt Popasna haben die Kämpfe zahlreiche Häuser zerstört und Wohnraum vernichtet. Viele Menschen haben den Ort verlassen oder leben in Schutzunterkünften.

Tatiana Belasch ist eine von ihnen. “Meine Tochter ist drei Jahre alt und weiß schon, was ein Panzer ist, das ist nicht normal. Die Kinder haben schon in diesem Alter psychische Probleme. Was kommt als nächstes? Sie sagen, die Kinder aus den Neunzigern seien unerträglich, aber was soll aus diesen hier mal werden? Sie wachsen zwischen Ruinen auf. Es gibt keine Kindergärten, keine Schulen, nichts.”

Ein Kinderheim im von den Separatisten kontrollierten Charzysk. Auch hier spielen die Kinder Krieg. Allerdings sind diesmal die ukrainischen Soldaten die Bösen. Einige der Kinder hier wurden von ihren Pflegefamilien abgegeben, nachdem die Regierung in Kiew die Sozialleistungen für Pflegeeltern in Rebellengebieten eingestellt hatte. Weil weite Teile der Verwaltung zusammengebrochen sind, können die Kinder derzeit nicht weitervermittelt werden.

Im Fernsehen des Heims laufen russische Programme. In vielen werden die Separatisten als Helden dargestellt, die Ukrainer dagegen als Nazis und Faschisten. Ukrop ist eine häufig benutzte, abwertende Bezeichnung für die ukrainische Seite, und die Kinder sprechen nach, was sie im russischen Fernsehen hören.

Die 12-jährige Julia sagt, ihr Großvater habe erzählt, wie Separatisten beim Kampf um das Dorf, in dem sie lebte, neun ukrainische Soldaten verschleppt und in einem Wald erschossen hätten. Mitleid habe sie keines empfunden: “Für die Ukrops – nein. Sie sind zwar auch Menschen, aber sie bringen andere um. Das hat mir mein Großvater erzählt.”

Viele Kinder hätten ein gefährliches Schwarz-Weiß-Denken, so Elena Nikulenko, die Leiterin des Heims.

“Diese Kinder erhalten ihre Informationen nur von einer Seite. Sie sehen, dass die Regierungstruppen auf uns schießen und dass ihre Väter und Brüder zu den Waffen greifen, um uns zu beschützen. Kinder hören die Gespräche der Erwachsenen mit. Auf der einen Seite sind die Ukrainer, die abwertend als Ukrops bezeichnet werden, und auf der anderen die Terroristen und Aufständischen, und manche Kinder nennen sich selbst Terroristen.”