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Andorra: Vertreibung aus dem Steuerparadies

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Andorra: Vertreibung aus dem Steuerparadies

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Statistisch hat jeder Andorraner gut eine halbe Million Euro auf der Bank, so jedenfalls Schätzungen in den Medien – die jüngsten Geldwäsche-Vorwürfe aus den USA werfen ein Schlaglicht auf den Banksektor in dem Zwergstaat zwischen Frankreich und Spanien in den östlichen Pyräneen. In den fünf Jahren bis 2013 stieg die Summe der dort verwalteten Vermögen um fast zwei Drittel auf 40 Milliarden Euro. Inzwischen macht das Bankgeschäft 20 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) aus. Die fünf Banken mit 40 Filialen unterhalten beste Geschäftsbeziehungen zu Finanzinstituten auf den Bahamas und in Panama, in den Vereinigten Staaten, Mexiko, Dubai und Brasilien.

Viele Andorraner verstehen nur, dass sie bei der Banca Privada d’Andorra (BPA) nur noch 2.500 Euro pro Woche abheben können, wenn überhaupt. Nationale und internationale Überweisungen wurden eingeschränkt.

Kunden der Banca Privada d’Andorra:

“Ja, ich habe Angst, das Geld auf dem Konto muss bis zum Ende des Monats reichen. Sie haben uns nicht informiert, haben sie uns nicht angerufen, gar nichts.”

“Wir wissen noch nicht, was los ist. Aber heute waren wir einkaufen und die Kreditkarte ging nicht.”

Nach dem Verdacht der Geldwäsche in Milliardenhöhe hatte die Bankaufsicht Inaf die Kontrolle über die Banca Privada D’Andorra (BPA) an sich gezogen. Kurz darauf übernahm in Spanien die Zentralbank und die Führung der Banco Madrid, einer Tochter der BPA.

Kunden der Banco Madrid:

“Ich sage Ihnen jetzt mal was: 740.000 Euro. Das ist alles, was ich habe. Und wir können nicht ran!”

“Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin doch kein Geldwäscher. Ich bin Kunde seit 10 oder 12 Jahren.”

Die US-Antibetrugsbehörde Fincen will festgestellt haben, dass die BPA Gelder mafiöser Organisationen aus Russland, China und Venezuela gewaschen hat.

Allein aus Venezuelas Erdölgeschäft sollen zwei Milliarden US-Dollar auf dunklen Wegen bei der BPA – ein privates Geldinstitut im Besitz der Gebrüder Cierco – gelandet sein. Der Geschäftsführer der BPA, Joan Pau Miquel ist verhaftet.

Laut französischer und spanischer Presse genügten jahrelang ein falscher Name und eine erfundene Adresse, um Geld in Andorra zu hinterlegen.

Der französische Präsident Nicolás Sarkozy hatte einen ersten zaghaften Wandel dieses Geschäftsgebarens eingeleitet. Er drohte damit, seine Funktion als Staatsoberhaupt abzugeben, falls Andorra sich nicht an internationale Spielregeln halte. Andorra reformierte daraufhin das Bankengesetz. Seit 2011 wird das Land von seinen Nachbarn und den restlichen OECD-Staaten nicht mehr als Steuerparadies geführt.

Andorra gibt seither bei richterlichen Ermittlungen Informationen über Bankkunden heraus. So wird etwa in Spanien gegen den ehemaligen katalanischen Regierungschef Jordi Pujol und seine Familie ermittelt. Die Banco Madrid war bereits vor Monaten in die Schlagzeilen geraten, nachdem bekannt worden war, dass die Familie Pujol im Rahmen einer Steueramnestie Millionen aus Andorra nach Spanien zurückgeführt hatte.

Als Wohn- oder Geschäftssitz lockt der Pyrenäen-Staat mit Vorteilen: Der Spitzensatz der vor wenigen Monaten eingeführten Einkommenssteuer liegt bei zehn Prozent. Es gibt keine Erbschafts- und Kapitalsteuer, und die Mehrwertsteuer beträgt gerade einmal 4,5 Prozent.

su mit Reuters