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Tunesien unter Attacke

Vorreiter der arabischen Revolutionen, scheint Tunesien das einzige Land zu sein, dem der Übergang zur Demokratie gelungen ist. Im Dezember

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Vorreiter der arabischen Revolutionen, scheint Tunesien das einzige Land zu sein, dem der Übergang zur Demokratie gelungen ist. Im Dezember vergangenen Jahres erst feierten die Tunesier Caid Essebsi, den ersten demokratische gewählten Präsidenten des Landes – vier Jahre nach der Revolution.

Im Januar 2014, nach zwei Jahren der Debatten und Kompromisse, und mit einem Jahr Verspätung, stimmt das tunesische Parlament der neuen Verfassung zu. Es ist eine der fortschrittlichsten in der arabischen Welt. In ihr werden Freiheit und Frauenrechte garantiert. Jubel bricht aus. Mehrzia Laabidi, die Vize-Präsidentin der Verfassungsgebenden Versammlung: “Es gibt kein Schicksal, es gibt nicht nur die Diktatur oder das Chaos und die Gewalt. Hier ist die Freiheit, die Demokratie, das Zusammenleben, der Frieden.”

Doch nach der Revolution ist auch etwas anderes zu Tage getreten: eine dschihadistische Bewegung, die brutal ihre politischen Gegner angreift. Chokri Belaid etwa wird am 6. Februar 2013 ermordet. In der Nähe von Tunis erwischt es am 25. Juli 2013 Mohamed Brahmi von der linken Opposition. Die beiden Morde lösen eine tiefe politische Krise aus, Ende 2014 bekennen die Dschihadisten sich dazu. Am 29. Juli werden acht Militärs in einem Hinterhalt an der Grenze zu Algerien von der Okba Ibn Nafaa Brigade, einer al-Qaida nahestehenden Gruppe, ermordet

Die Revolution und ihre Folgen haben auch den Tourismus nicht verschont, einen der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Bereits im Februar 2011, einen Monat nachdem Diktator Ben Ali sich ins Ausland abgesetzt hat, gibt es auf der Ferieninsel Djerba kaum noch Gäste. Noch 2010 hatte Tunesien sieben Millionen Touristen empfangen, 2013 waren es nur noch knapp 6,2 Millionen und 2014 fiel ihre Zahl noch weiter auf etwas mehr als sechs Millionen.

Auf der Tourismusmesse in Berlin kämpfte Tunesien im vergangenen Jahr noch um Gäste aus Europa. Tourismusministerin Amel Karboul:
“Die Demokratie funktioniert nicht ohne Brot. Unser Brot ist die Tourismusindustrie. Der Tourismus ist Bestandteil unserer Wirtschaft. Wir brauchen die Europäer, um dieser ersten Demokratie in der arabischen Welt zu helfen.” Der Tourismus macht zwischen 18 und 20 Prozent der Deviseneinnahmen Tunesiens aus, das sind sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach dem Anschlag auf das tunesische Nationalmuseum befürchtet man das Schlimmste in der Branche.

Weitere Informationen zu diesem Thema, erhalten im Interview mit der Ehrenpräsidentin der Internationalen Föderation für Menschenrechte Suhaire Belhassan.

Euronews:
Gestern wurden wir Zeugen des größten Angriffs, den die Hauptstadt Tunis seit der Revolution gesehen hat. Lag das an der guten Organisation der Terroristen oder der Desorganisation der tunesischen Sicherheitskräfte?

S. Belhassan:
Es ist auf zwei Faktoren zurückzuführen. Auf der einen Seite, die Desorganisation der tunesischen Sicherheitskräfte, und auf der anderen, die Existenz dieser Terrororganisationen, die sich in Tunesien entwickeln konnten, weil die bisherigen Regierungen es zuließen.

Euronews:
Wie ich Sie verstehe, werfen Sie den früheren Regimen oder Regierungen vor, mit diesen Terrororganisationen zusammenarbeiten?

S. Belhassan:
Ich habe nicht gesagt, dass sie zusammenarbeiten, aber sie haben es geschehen lassen.

Euronews:
Kommen diese Leute von anderswo her, oder sind sie Tunesier; und haben sie sich in Tunesien organisiert? Wie ist es passiert?

S.Belhassan:
Einige kamen aus Libyen. Nun gibt es 3.000 Terroristen auf tunesischen Boden, im Süden. Es gibt schon seit Monaten wenn nicht Jahren die Ansar Al-Scharia. Dann ist da noch Uqba ibn NāfiʿBrigade in Kairuan.

Euronews:
Sind Ihrer Meinung nach die tunesische Regierung und das Militär in der Lage, diese Terrororganisationen zu besiegen?

S. Belhassan:
Wie Sie wissen, ist das tunesische Militär zahlenmäßig nicht so stark wie das ägyptische. Es fehlt ihm an Waffen und Logistik sowie ein gutes Sicherheitssystem.