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Rumänien: Warten auf Schengen...

Rumänien, Bulgarien und Kroatien möchten rasch dem Schengen-Abkommen beitreten, die EU-Kommission bescheinigt Fortschritte. Technisch sind die Länder vorbereitet - doch einige EU-Mitgliedstaaten sperr

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Rumänien: Warten auf Schengen...

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Kapitän Popa sichert die Außengrenzen der Europäischen Union. Rumänien ist mit etwas völlig Neuem konfrontiert: Flüchtlinge, die von der Türkei aus mit kleinen Booten nach Europa kommen. Noch ist die Zahl der Bootsflüchtlinge im Schwarzen Meer gering – doch sie wächst.

Meinung

Ich und meine Kollegen schützen die Grenzen Rumäniens. Wir sind frustriert, weil Rumänien immer noch kein Schengen-Mitglied ist.

Wenn sich Kapitän Popa frühmorgens auf den Weg zu seinem Schiff macht, schläft sein siebenjähriger Sohn noch tief. Das Schwarze Meer zeigt sich heute von seiner ungemütlichen Seite: der Wind peitscht kalten Regen über die Wellen.

Kapitän Popa verfolgt Schleuserbanden – und rettet Flüchtlinge. Heute ist es nur eine Übung. Vor wenigen Tagen war es Ernst. Es war mitten in der Nacht, die steife Brise ging über in einen Sturm… “Wir entdeckten ein vor sich hin driftendes Boot, ohne Positionslichter. An Bord war keine Menschenseele zu sehen… Wie ein Geisterschiff… Doch nach zehn Minuten erschienen nach und nach etwa zwanzig Menschen an Deck: Frauen, Männer… und ein kleines Kind… Ich weiss noch, wie ich bei mir dachte: das Kind lächelt ja, und das nach zwei oder drei Tagen auf rauher See… Das Lächeln dieses Kindes zu sehen, hat mich glücklich gemacht,” erzählt Popa.

Kapitän Popa hat das Leben der kleinen Huner gerettet. Huner wurde vor fünf Monaten in einem türkischen Zeltlager für syrische Flüchtlinge geboren. Huner bedeutet: Kunst. Denn Huners Eltern haben einen Traum: ihre Tochter soll Musikerin werden. Ali und seine hochschwangere Frau flohen vor islamistischen Mörderbanden aus Kobane, im Norden Syriens. Sie sind Kurden, Jesiden. 6000 Euro musste das Paar bezahlen, um nach Europa weitergeschmuggelt zu werden. Zunächst wollten die Schleuser die Familie über einen türkischen Mittelmeerhafen Richtung Europa schicken, das war um die Jahreswende. Doch dann änderten die Menschenschmuggler plötzlich ihre Meinung, schickten Vater Ali, seine Frau und Baby Huner weiter – Richtung Schwarzes Meer, Richtung Rumänien.

Ali und seine kleine Familie haben eine wahre Odyssee hinter sich und zum Teil Schreckliches erlebt: “Ich bin gerade einmal 27 Jahre alt. Ich habe den Krieg gesehen. Ich habe getötete Menschen gesehen. Ich habe Menschen gesehen, die vor meinen Augen starben. Bei den Gefechten nahe der türkischen Grenze musste ich mit ansehen, wie Menschen durch die Explosionen die Beine abgerissen wurden… ich kannte diesen Mann gut… und ich sehe ihn sterben… er verliert sein Leben… das ist kaum auszuhalten… Deine Heimat wird zerstört, Dein Heim, Dein Haus… in einem einzigen Augenblick fliegt alles in die Luft, verschwindet…,” so Ali.

Kapitän Popas stammt aus Moldawien. Sein Vater und Großvater waren beide Priester. Helfen und retten ist bei den Popas Familientradition. Auf die Menschenschmuggler ist Kapitän Popa wütend: denn die Fahrt über das Schwarze Meer ist lebensgefährlich. Baby Huner, seine Mutter und Vater Ali waren mit 70 weiteren Flüchtlingen auf einem winzigen Holzboot zusammengepfercht. Ebenfalls mit an Bord: drei türkische Schleuser, Kapitän Popa nahm sie fest.

In diesem Fall haben alle Flüchtlinge überlebt. Das ist nicht immer so.Als Ende 2014 ein anderes Flüchtlingsboot von Istanbul Richtung Rumänien aufbrach und sank, ertranken 24 Menschen.

Grenzpolizistin Madalina Zamfir im Schwarz-Meer-Überwachungszentrum Constanta arbeitet eng mit Kapitän Popa zusammen. Das Team ist sich einig: Keine Chance für Schlepperbanden. Madalina betont: “Niemand kann unbemerkt die Europäischen Union betreten. Unsere Ausrüstung ist top. Damit können wir auch kleine Boote mit weniger als zwanzig Metern Länge über eine Entfernung von zwölf Seemeilen entdecken.”

Während Kapitän Popas Männer ihre Rettungsübung beenden, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit: vor 30 Jahren wurde die Schengen-Vereinbarung getroffen, es begann der Abbau der Grenzkontrollen innerhalb Europas. An den Außengrenzen der EU wird hingegen sehr viel schärfer kontrolliert. Irland und Großbritannien machen nicht mit bei Schengen. Zypern, Kroatien, Bulgarien und Rumänien möchten gerne Mitglied werden im Schengen-Club – dürfen aber noch nicht. “Gefordert sind weitere Anstrengungen bei Justizreform und Korruptionsbekämpfung.”:
http://ec.europa.eu/deutschland/press/pr_releases/13041_de.htm

Sonnenaufgang am Donau-Ufer. Wir sind in Galati. Die von Kapitän Popa geretteten Bootsflüchtlinge haben in einem von der EU finanzierten Asylbewerberheim Unterschlupf gefunden. Ein Mann aus Aleppo will unerkannt bleiben, seine Kinder sind noch in Syrien. Die Schlepper sind allesamt Lügner, sagt er. Er hat es am eigenen Leib erfahren: “Die türkischen Menschenhändler schickten mir per Mobiltelephon Fotos einer Fünf-Sterne-Luxus-Yacht. Damit werde die Fahrt über das Schwarze Meer von der Türkei bis nach Rumänien nur zehn Stunden dauern, haben die behauptet. Doch am Treffpunkt war keine Yacht, alles Schwindel, nur ein verrottetes Holzboot ohne Vorräte… statt zehn Stunden brauchten wir 48. Auf halbem Weg nach Rumänien, mitten auf dem Schwarzen Meer, gab uns der Boss der Schlepperbande dann Befehle: Telephone ausschalten. Zigaretten weg. Schnauze halten…. Die Stimmung war extrem gespannt. Wir fühlten uns bedroht. Und dann kamen auf einmal die großen Wellen… das Boot begann wie irre zu schaukeln, wir mussten uns alle übergeben.”

Der stämmige Mann erinnert sich an ein Aleppo, das es heute nicht mehr gibt: “Meine Mutter war eine Christin aus Armenien, mein Vater ein orthodoxer Christ aus Syrien, viele meine besten Freunde in Aleppo waren Muslime.” Dieses multireligiöse Neben- und Miteinanderleben haben die islamistischen Fanatiker zerstört. Für immer?

Die rumänischen Beamten speicherten die Fingerabdrücke des Mannes, jetzt sind sie im gesamten Schengen-Raum abrufbar. Wenn der Frisör aus Aleppo einen Asylantrag stellt, muss er in Rumänien bleiben. So will es das Dublin-Abkommen. Doch eigentlich wollte der Frisör aus Syrien gar nicht nach Rumänien… Er erzählt: “Ich hatte eine Vereinbarung mit den Schleppern: die sollten mich für 9500 Euro aus der Türkei nach Deutschland bringen. Um sicherzugehen, dass ich dort auch ankomme, wurde das Geld bei einem Mittelsmann hinterlegt. Sobald ich in Deutschland bin, rufe ich den an – und er übergibt das Geld einer dritten Person.”

Das Schleppernetzwerk hat Mittelsmänner in der Türkei, Deutschland und Rumänien. Im Flüchtlingsheim von Galati ist nur jedes vierte Bett belegt. Die rumänischen Behörden geben sich Mühe, haben aber kaum Geld. Einige der von Kapitän Popa geretteten Flüchtlinge besuchen den Rumänisch-Sprachkurs. Doch werden diese Menschen hier bleiben? Der Frisör aus Aleppo ist sich nicht sicher: “Die Schleuser in Istanbul wollen dringend an frisches Geld kommen. Deswegen setzen sie den Mittelsmann in Rumänien unter Druck.. und der setzt wiederum uns Flüchtlinge hier im Heim unter Druck: die rufen uns an, befehlen uns wegzulaufen, versprechen uns weiterzuschleusen bis nach Deutschland.”

Bukarest – die Hauptstadt Rumäniens. Wir haben eine Verabredung im neuen Sitz der rumänischen Grenzbehörde, vor dem Eingang wehen die Flaggen Rumäniens, der EU und der NATO. Das teure Grenzüberwachungssystem Cassidian wurde von einer deutsch-französischen Firma geliefert, EADS (heute Airbus). Eine Ausschreibung gab es nicht für den Multi-Millionen-Vertrag, damals vor über einem Jahrzehnt. Doch seit einigen Wochen ist der “alte Skandal” wieder hochaktuell. Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass bayerische Strafverfolgungsbehörden im Herbst 2014 Airbus-Niederlassungen und auch Wohnungen mehrerer Airbus-Mitarbeiter durchsuchten. Es zirkulieren Gerüchte: Haben die Deutschen Bestechungsgelder gezahlt? Die Staatsanwaltschaft München bestätigt gegenüber Euronews: die Ermittlungen laufen. Es geht um fragwürdige Geldtransfers in Millionenhöhe.

Rein technisch betrachtet, könnte Rumänien bereits morgen Schengen-Mitglied werden. Doch Länder wie die Niederlande blockieren. Die rumänischen Behörden reagieren genervt.
Liviu-Marius Galos, der stellvertretende Leiter der rumänischen Grenzpolizei sagt: “Ich und meine Kollegen schützen die Grenzen Rumäniens. Wir sind frustriert, weil Rumänien immer noch kein Schengen-Mitglied ist. Wir machen da draußen an der Grenze einen richtig guten Job. Und es wurde viel Geld in die Sicherung der EU-Außengrenzen investiert: das Geld europäischer und rumänischer Steuerzahler.”

Vor wenigen Jahren war es noch Frankreich, das blockierte – aus Angst vor Armutsflüchtlingen (sprich: Roma) aus Rumänien und Bulgarien. Auch Deutschland zeigte sich lange Zeit skeptisch, scheint aber in dieser Frage langsam umzusteuern. Bleiben die Niederlande mit ihrem ausdrücklichen Nein. Offenbar möchte Den Haag zwei positive Fortschrittsberichte der Europäischen Kommission in Folge abwarten um sich von der Nachhaltigkeit der rumänischen (und bulgarischen) Reformanstrengungen in den Bereichen Justizreform, Korruptionsbekämpfung und Bekämpfung der organisierten Kriminalität überzeugen zu lassen.

Auf dem Schengen-Schachbrett sieht es kompliziert aus: Rumäniens Anti-Mafia-Behörde kämpft gegen Korruption, die Grenzer gegen Schlepperbanden, die Diplomaten gegen Bedenkenträger im Westen. Auch Ali möchte gewinnen: mit Frau und Kind will er sich nach Österreich durchschlagen: “Ich will einfach nur irgendwo auf der Welt einen Ort finden, wo ich als Mensch behandelt werde. Mehr will ich ja gar nicht: nur ein anständiges Leben führen…”

Schengen-Beitritt Rumäniens, sofort

Der rumänische Experte Emil Horatiu Hurezeanu erklärt euronews, warum Rumänien noch immer nicht Mitglied des Schengenraums ist. Klicken Sie auf diesen Link, wenn Sie sich das ganze Interview auf Französisch anschauen wollen.

Die meisten Flüchtlinge wollen nach Deutschland

Razvan Samoila, der Direktor des rumänischen Flüchtlingshilfswerks ARCA, sprach in Bukarest mit euronews. Das Interview auf Englisch finden Sie unter folgendem Link.

Ali Kawa überquerte das Schwarze Meer

Der junge Mann wollte seine Frau und sein Baby vor dem Krieg im Norden Syriens in Sicherheit bringen. Gemeinsam mit 70 weiteren Flüchtlingen durchquerte er die Türkei und das Schwarze Meer. Euronews-Reporter Hans von der Brelie traf ihn in Galati in Rumänien, ein paar Tage nachdem er von der rumänischen Küstenwache gerettet worden war. Das Interview mit Ali Kawa auf Englisch finden Sie unter diesem Link.