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Krieg gegen den Terror - "Boko Haram muss zerstört werden"

Die islamistische Sekte Boko Haram hat sich in den vergangenen Jahren darauf konzentriert, einen Gottesstaat im Norden Nigerias zu erschaffen. Jetzt

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Krieg gegen den Terror - "Boko Haram muss zerstört werden"

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Die islamistische Sekte Boko Haram hat sich in den vergangenen Jahren darauf konzentriert, einen Gottesstaat im Norden Nigerias zu erschaffen. Jetzt erweitert sie ihren Terrorfeldzug auf die Nachbarländer.

Meinung

Es ist an der Zeit, dass die Muslime der Organisation Boko Haram, die nichts, rein gar nichts muslimisches an sich hat, die Stirn bieten.

Tschad, Niger und Kamerun kommen der nigerianischen Regierung seit Januar mit einer Militärallianz zu Hilfe. Im März war die Aufregung groß als Boko Haram sich offiziell den Terroristen des “Islamischen Staats” unterstellte und ihnen die Treue schwor. Der Konflikt bekam eine internationale Dimension und die Nachbarländer sahen sich gezwungen, schneller einzugreifen.

Euronews begleitet die tschadische Armee bei der Befreiung eines wichtigen Ortes im Norden Nigerias. Seien Sie gewarnt, manche Bilder in der folgenden Reportage könnten Sie schockieren.

Der Kampf gegen Boko Haram

In der Wüste, in diesem Grenzdreieck zwischen Nigeria, Niger und dem Tschad spielt sich ein Krieg ab. Ein ungleicher Konflikt zwischen einer regionalen Koalition und einer der gefährlichsten und grausamsten Terrororganisationen: Der nigerianischen Gruppe Boko Haram.

Euronews-Journalist Luis Carballo erklärt: “Wir begeben uns nach Malam Fatori. Es ist sehr gefährlich. Die Soldaten des Tschad und des Nigers kontrollieren die Stadt seit Ende März, aber in der Umgebung hält Boko Haram an manchen Orten immer noch die Stellung.” Wir sind am Frontverlauf angekommen. Ein Hubschrauber hat uns zu einem Vorposten gebracht, wo Einheiten des Nigers und des Tschads gemeinsam seit Monaten dafür sorgen, dass die islamistische Gruppe von ihren Bastionen im Nordosten Nigerias abgeschnitten ist.

Die kampferprobten Soldaten geben sich zuversichtlich. Sie sind sich sicher, dass sie den Krieg gegen die Islamisten gewinnen werden. Sie sagen, dass sie den Tod nicht fürchten, doch sie wissen, dass ihre Feinde auch keine Angst haben und sehr entschlossen sind. Die Boko Haram Anführer versprechen ihren Männern den Einzug ins Paradies, falls sie auf dem Schlachtfeld ihr Leben lassen.

Rund 500 Meter vor dem Ort Malam Fatori halten Hunderte Männer Wache. Unter den Soldaten sind heute zwei Vier-Sterne-Generäle: Die Stabschefs der Armeen aus dem Tschad und aus Niger. Wenige Tage später erfahren wir von der tschadischen Regierung den Grund ihrer Anwesenheit. Sie glaubten, dass sie den Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, getötet hatten. Doch am Ende stellte sich heraus, dass Shekau nicht unter den 200 Boko Haram Männern war, die bei einer Offensive gegen die Armee des Tschads getötet wurden. Nicht zum ersten Mal wurde er fälschlicherwiese für tot gehalten. Shekau übernahm 2009 das Kommando bei Boko Haram. Unter seiner Führung hat sich die Terrororganisation zu einer der brutalsten Dschihadistengruppen der Welt entwickelt.

Der einzige Beweis für die Kämpfe sind diese Waffen. Die Soldaten versichern uns, dass sie von gefallenen Boko-Haram-Kämpfern stammen. Rund 50 Kalaschnikows, die sie wahrscheinlich gestohlen haben oder die von der nigerianischen Armee zurückgelassen wurden. Es ist nicht schwierig an Waffen zu kommen. Der Schmuggel in der Region floriert.

Die gemeinsame Operation und insbesondere die Teilnahme der tschadischen Armee ändern die Situation. Die Einnahme von Malam Fatori ist ein wichtiger strategischer Sieg. Denn Boko Haram nützte den Ort als Kommandozentrale für seine Angriffe im Niger und im Tschad. Malam Fatori ist weniger als vier Kilometer von der Grenze zum Niger entfernt.

Die Geisterstadt Malam Fatori

Mit den Soldaten fahren wir in den Ort. Sie warnen uns, dass sich in den Häusern noch Minen befinden könnten. Gespenstische Stille, das Dorf ist wie ausgestorben. Früher wohnten rund 30.000 Menschen in Malam Fatori und es gab einen der größten Märkte der Region. Nach fünf Monaten Boko-Haram-Herrschaft ist davon nichts mehr zu sehen.

Wir sehen nur ältere Menschen und ein paar Kinder. Eine der wenigen Frauen, die wir treffen, erzählt uns, was sich hier vor rund zwei Monaten zugetragen hat: “Die Männer von Boko Haram haben das Dorf verlassen, als sie die Soldaten gesehen haben. Sie sind in alle Richtungen geflohen. Bevor sie abhauten, befahlen sie uns aus den Häusern zu kommen und sie setzten sie in Brand.”

Andere Bewohner sagen, Boko Haram habe Dutzende Mädchen entführt. Die Kämpfer hätten ihnen die Kleider weggenommen, damit sie nicht fliehen können. Niemand weiß, was aus den Mädchen geworden ist. Eine Gruppe älterer Frauen sagt, dass Boko Haram die Mädchen entführt und die Jungen getötet habe: “Boko Haram hat die Mädchen mitgenommen, um sie zwangszuverheiraten. Sie haben auch kleine Kinder entführt. Den älteren Jungs haben sie die Kehle durchgeschnitten. Warum nur? Boko Haram hat uns die ganze Zeit lang überwacht. Sie beobachteten uns, wenn wir auf die Straße gingen, wenn wir zurückkamen… Sie waren immer da.”

Malam Fatori, ein verlassener Ort. Auf dem Weg zurück ins Camp hören wir nur den Wind pfeifen. Boko Haram ist vorerst weitergezogen, was bleibt, sind Ruinen und Angst. Es gehen Gerüchte von Massakern, Morden und Entführungen um. Es ist unmöglich, die Informationen zu überprüfen. Die Strategie von Boko Haram geht auf: Die Bevölkerung ist vor Angst gelähmt.

Tschads Wirtschaft leidet

Der Fluss Chari ist die natürliche Grenze zwischen dem Tschad und Kamerun. Er lässt sich einfach überqueren. Auf der einen Seite das kamerunische Dorf Kousseri. Auf der anderen Seite N’Djamena, die tschadische Hauptstadt. Die Brücke Ngueli ist sehr belebt. Tausende Menschen passieren jeden Tag hier, und Tonnen an Waren werden transportiert. Bis vor kurzem galt die Sorge der Grenzbeamten den Schmugglern. Das hat sich mittlerweile geändert. Die Sicherheitskontrollen wurden verschärft, um Anschläge zu verhindern.

Der Tschad nimmt die Bedrohung sehr ernst. Im Kamerun, nur wenige Kilometer von hier entfernt, haben nigerianische Islamisten Attentate verübt. Der Tschad grenzt an das Einflussgebiet von Boko Haram, das ist nicht nur ein Sicherheitsproblem sondern schadet auch der Wirtschaft des Landes.

Die Angriffe der Islamisten gefährden die Handelsrouten der Region. Die Grenze zu Nigeria ist seit einem Jahr geschlossen. Dem Tschad, der größtenteils vom Import abhängig ist, bleibt nur eine Route durch das Nachbarland Kamerun. Doch die Lastwagen werden seit Monaten regelmäßig angegriffen. Für die tschadische Regierung hat der Schutz des Handelsverkehrs Priorität. Die ursprüngliche Straße vom Hafen Douala in Kamerun bis nach N’Djamena ist mittlerweile zu gefährlich. Die Alternative ist sehr viel länger. Das bedeutet höhrere Benzinkosten, weniger Waren und höhere Preise.

Kann sich Präsident Idriss Déby einen längeren Krieg gegen Boko Haram leisten? Wenn sich die Kämpfe an der Grenze noch länger hinziehen, könnte die Wirtschaft des Tschads zum Erliegen kommen.

Die Flüchtlinge in Dar es Salaam

Auf ihrer Flucht vor Boko Haram haben in den vergangenen drei Monaten rund 20.000 Nigerianer den Tschadsee überquert. 4000 von ihnen fanden Zuflucht in dem Camp Dar es Salaam im Tschad.

Viele Familien kommen aus Baga, wo Boko Haram Anfang des Jahres wütete. Es war der bislang blutigste Anschlag der Terrormiliz. Die Flüchtlinge haben meist nur die Kleider, die sie am Leib tragen. Viele haben mit eigenen Augen gesehen, wie Verwandte, Nachbarn und Freunde niedergemetzelt wurden. Was es bedeutet, wenn Boko Haram in ein Dorf einfällt, zeigen aufgenommene Bilder. Soldaten aus dem Tschad und Niger fanden ein Video auf Handys von Boko-Haram-Kämpfern. Zu sehen sind Massenerschießungen in Bama, in Nigeria und in einem Dorf in Kamerun. Hunderte Zivilisten werden kaltblütig ermordet.

Im Flüchtlingscamp Dar es Salaam sind viele Kinder auf sich allein gestellt. Ihre Eltern sind tot oder sie haben sich auf der überstürzten Flucht verloren. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen versucht Erwachsene und Kinder auch psychologisch zu betreuen. Idriss Dezeh, der Koordinator des Flüchtlingscamps, erklärt: “Das was diese Kinder durchgemacht haben, wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Die Islamisten haben sie um ihre Kindheit gebracht. Es ist sehr hart.”

Das Camp, das von der tschadischen Regierung, UNICEF, dem Flüchtlingshilfswerk und dem Roten Kreuz geführt wird, ist jetzt ihr Zuhause. In einem Zelt bringt ihnen ein Lehrer französische Lieder bei. Eine Fremdsprache für diese Kinder aus Nigeria, die Hausa und Englisch sprechen.

Bei Abenddämmerung versammeln sich Männer, um zu beten. Sie und die Kämpfer von Boko Haram sprechen die gleichen Gebete. Die Mehrheit der Opfer der islamistischen Terrorgrupe sind Muslime.

Tschads Präsident:“Kein Land dieser Region kann dieser Horde alleine entkommen.”

Idriss Déby ist seit 25 Jahren im Tschad an der Macht. Ein Vierteljahrhundert während dessen er direkt oder indirekt in mehrere Krieg in der Region verwickelt war. In N’Djamena erklärte er euronews gegenüber, warum sein Land am Kampf gegen die Islamisten teilnimmt. Es ist eine Frage des Überlebens.

euronews, Luis Carballo:
“Welche Gefahr geht für den Tschad derzeit von Boko Haram aus?”

Idriss Déby:
“Bis 2013 fanden die für die Bevölkerung so verhängnisvollen Taten von Boko Haram im Landesinneren von Nigeria statt. Doch seit 2013 hat Boko Haram seine Aktivitäten über Nigeria hinaus ausgedehnt, vor allem auf Kamerun und Niger. Und Boko Haram hat dann schließlich auch den Tschad angegriffen. Das ist eine äußerst gefährliche Organisation, die sich systematisch aufgebaut hat – und auch die Zeit hatte, junge Menschen anzuwerben, die keine Arbeit haben. Boko Haram besitzt enge Verbindungen zur Miliz Islamischer Staat und zur Gruppe “Al-Qaida im islamischen Maghreb”. Für den Tschad ist ein großer ökonomischer Schaden entstanden. Boko Haram hat die einzige Verbindungsstrecke zwischen dem Tschad und dem Hafen von Douala in Kamerun lahmgelegt. Diese Strecke war für den Tschad von großer Bedeutung. Das ist eine potentielle Gefahr für die gesamte Region. Kein Land dieser Region kann dieser Horde alleine entkommen, deshalb besteht die Notwendigkeit, unsere bescheidenen Kräfte zusammenzulegen, um das Gefahrenpotential von Boko Haram zu reduzieren.”

euronews:
“Welches sind die genauen Ziele dieses Militäreinsatzes? Soll Boko Haram zerschlagen oder von Ihren Grenzen ferngehalten werden?”

Idriss Déby:
“Das Ziel ist, Boko Haram zu zerschlagen – kurz und bündig. Boko Haram muss mit allen Mitteln zerstört werden.”

euronews:
“Ihr Land, der Tschad, war im Kampf gegen Fundamentalisten 2013 an der Operation Serval in Mali und 2014 an der Operation Barkhane in der Sahelzone beteiligt. Frankreich liefert Ihnen jetzt Informationen über Boko Haram, aber wünschen Sie sich eine stärkere Beteiligung Europas und der Vereinigten Staaten?”

Idriss Déby:
“Nein. Man muss verstehen, dass wir seit 60 Jahren, also seit die afrikanischen Länder praktisch unabhängig sind, selbst in der Lage sein müssen, zu agieren. Wir müssen selbst in der Lage sein, mit unseren Krisen umzugehen, wir müssen selbst in der Lage sein, terroristischen Bewegungen die Stirn zu bieten – indem zunächst unsere Kräfte, die afrikanischen Kräfte eingesetzt werden.”

euronews:
“Anfang März hat Boko Haram der Miliz Islamischer Staat seine Treue geschworen. Bildet diese Allianz eine noch gefährlichere Terrorgruppe?”

Idriss Déby:
“Unsere Aktivität hat die militärische Stärke Boko Harams zerschlagen. Wir haben seine Führungsriege zerrüttet. All das zeigt uns das wahre Gesicht von Boko Haram. Es handelt sich nicht, wie gesagt wurde, um eine lokale afrikanische Organisation in Nigeria, sondern um eine Organisation, die über Verbindungen zu anderen terroristischen Vereinigungen auf der Welt verfügt, insbesondere zur Miliz Islamischer Staat. Man muss sich fragen, wer hinter Boko Haram steckt.”

euronews:
“Das ist meine nächste Frage. Es gibt wenige Informationen über die Zahl der Kämpfer, die Boko Haram hat, und über seine finanziellen Quellen. Es ist bekannt, dass Boko Haram durch Entführungen und Raubüberfälle an Geld kommt. Aber glauben Sie, dass Boko Haram Geld von anderen Ländern bekommt?”

Idriss Déby:
“Boko Haram wird unterstützt, Boko Haram wird finanziert. Boko Haram hat Rüstungsgüter bekommen, darunter gepanzertes Material. Von wem? Ich weiß es nicht.”

euronews:
“Aber Sie sind sicher, dass Boko Haram Unterstützung “von außen” bekommen hat?”

Idriss Déby:
“Wie sonst, glauben Sie, hat eine Terrororganisation ein Drittel eines so großen Landes wie Nigeria erobern können? Boko Haram ist eine Gruppe mit einer organisierten Armee, mit Panzern und mit Einsatzmöglichkeiten – wie eine reguläre Armee. In Nigeria werden keine Panzer gebaut, es werden keine Waffen hergestellt. All das ist nicht vom Himmel gefallen.”

euronews:
“Man hat gesehen, dass Gruppen, die eng mit der IS-Miliz verbunden sind, auch in Libyen aktiv sind. Könnte das eine neue Front an Ihrer Nordgrenze entstehen lassen?”

Idriss Déby:
“2011, als der Militäreinsatz des Westens und der NATO in Libyen begann, habe ich gewarnt. Ich bin kein Unterstützer von Gaddafi, doch die Art und Weise, wie man Gaddafi entmachtet hat, sehe ich kritisch. Gaddafi hat ein Land hinterlassen, das in militärischer Hinsicht sehr gut ausgestattet war, das schwer bewaffnet war. Man hat keine Vorkehrungen getroffen, man hat nicht darauf geachtet, wie man das Land nach Gaddafi führt und dass die Waffen Libyen nicht verlassen. Im Norden sind Waffen im Umlauf – wie auch an den anderen Grenzen. Die IS-Miliz entwickelt sich, die Terroristen entwickeln sich in Libyen. Es besteht eine echte, greifbare Bedrohung für die afrikanischen Länder südlich der Sahara.”

euronews:
“Der Tschad ist ein Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, auch Sie sind Muslim. Wie stehen Sie als Muslim zur Art und Weise, wie sich die IS-Miliz Ihrer Religion, des Islams, bemächtigt?”

Idriss Déby:
“Die Miliz Islamischer Staat oder Boko Haram sind mit ihren Aktivitäten weit, weit vom Islam entfernt. Das ist für mich inakzeptabel, und die Muslime dürfen nicht nur zuschauen und das geschehen lassen. Man lässt sie schon seit langer Zeit handeln – es ist an der Zeit, dass sich die Muslime organisieren und dieser Terrororganisation, die nichts, rein gar nichts muslimisches an sich hat, die Stirn bieten. Das sind keine Muslime, und wir müssen diese Leute bekämpfen. Die Muslime müssen diese Leute bekämpfen.”

euronews:
“Herr Präsident, danke dass Sie uns empfangen haben.”

Idriss Déby:
“Ich danke Ihnen, dass Sie sich für mein Land interessieren.”

Die Militärallianz hat erste Erfolge verbuchen können. Sie hat Boko Haram aus den Städten im Norden Nigerias vertrieben. Aber reicht das aus, um bereits von einem nahenden Ende dieser Terrororganisation zu sprechen? Oder bereitet Boko Haram einen Rachefeldzug vor?