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Großbritannien: Wie Minderheiten die Wahlen beeinflussen können


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Großbritannien: Wie Minderheiten die Wahlen beeinflussen können

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In Großbritannien nennt man sie BAME: Black, asiatische Minderheit und ethnisch. Sie werden immer mehr und sie haben das Gesicht von Großbritannien in den letzten fünfzig Jahren verändert. Könnten sie heute auch die britische Politik verändern?

Mit einem Bus auf Wählerfang
Die Initiative “Black Vote” wünscht sich das. Mit einem Bus tourt das Team momentan durch das gesamte Vereinigte Königreich. Ziel ist, die Menschen bei den Parlamentswahlen am 7. Mai 2015 zum Wählen zu motivieren.
An diesem Tag macht der Bus Halt in Nottingham – der Heimatstadt des legendären Robin Hood, aber auch der Ort, wo fast einer von vier Einwohnern einer ethnischen Minderheit angehört. Laut der Organisatoren der Tour ist das eine Gruppe, die unterdurchschnittlich wenig wählen geht. “Wir schießen mit Demokratie um uns, wie mit Kugeln aus einer Pistole. Heute sind wir in Nottingham, um Leute für die Wahl zu registrieren”, sagt
Lee Jasper, einer der Mitgründer von “Black Vote”.
Simon Woolley leitet die Initiative: “Bei den meisten Wahlen gibt die Mehrheit der Briten keine Stimme ab und deshalb bleibt alles so, wie es immer war. Die Ungleichheit wird größer und die Leute werden immer frustrierter. In jeder Wahl geht es um Zahlen. Und wir sind genug Leute, um über 168 Sitze zu entscheiden. Und mit dieser Anzahl an Menschen im ganzen Land fordern wir, dass die Politiker die Vielfalt als Chance verstehen, sie anerkennen und zum Wohl der ganzen Gesellschaft nutzen, anstatt Gruppen zu spalten, die Gesellschaft zu spalten.”
Ein junger schwarzer Mann ist zum Bus gekommen, um sich die ganze Sache einmal anzuschauen. Er wird bei diesen Wahlen zum ersten Mal seine Stimme abgeben: “Wenn ich nicht wähle, darf ich mich nicht darüber beschweren, was in der Politik passiert. Wenn ich meine Stimme abgebe, kann ich mitreden.”
Das britische Unterhaus hat 650 Sitze. 15 Prozent der 65 Millionen Briten sind Teil einer ethnischen Minderheit. Und doch haben nur 27 Abgeordnete einen Migrationshintergrund. Aber kann Wählen wirklich an diesen Zahlen rütteln? “Wen soll ich denn wählen? Für eine Person, die irgendjemand ausgesucht hat? Was wäre, wenn ich für Sie wählen wollen würde. Vielleicht sind Sie ja ein besserer Premier oder dieser Kerl da drüben. Ich mag keinen der Kandidaten. Ich glaube nicht, dass einer von denen geeignet ist”, erklärt ein Passant unserer euronews-Reporterin. Warum also sollte man für ein Parlament stimmen, dass oft für die vielen Abgeordneten kritisiert wird, die keinerlei Bezug zum Alltag und den Problemen ethnischer Minderheiten haben?

Besuch in Banglatown
Der Bezirk Tower Hamlets im Londoner Osten ist für seine Multikulti-Atmosphäre bekannt. Erst wanderten französische Hugenotten und Juden aus Osteuropa ein. Inzwischen trägt das Gebiet wegen seiner großen bengalischen Gemeinde den Spitznamen Banglatown. Ansar Ahmed Ullah, Aktivist in der bengalischen Gemeinde, sagt, dass sich Briten mit bengalischen Wurzeln schon lange politisch engagieren: “In den späten 1970er- und 1980er-Jahren war der Rassismus sehr ausgeprägt. Um wirklich etwas zu ändern oder Einfluss zu nehmen, musste die Gemeinde auch im Zentrum der Macht vertreten sein. Deshalb beschlossen viele Bengalen, den großen politischen Parteien beizutreten. Am Anfang waren diese sehr skeptisch gegenüber bengalischen Mitgliedern. Es hat also sehr lange gedauert, bis ein Mitglied der bengalischen Gemeinde es ins Parlament schaffte.”
Rushanara Ali ist die erste und einzige Abgeordnete mit bengalischen Wurzeln. Sie tritt wieder bei den Wahlen an. An diesem Abend ist sie bei einer Versammlung in Tower Hamlets. Die Gemeinde steht immer noch unter Schock, nachdem drei minderjährige Mädchen nach Syrien gezogen sind. Die Diskussion dreht sich um die Angst vor Radikalisierung und um den wachsenden Anti-Islamismus. Themen, die der Community Sorgen machen – einer Community, die Rushanara gut kennt: “Ich habe das Glück, dass ich hier aufgewachsen bin und deshalb einen guten Einblick habe. Ich kenne den Bezirk und die Gemeinden. Aber ich glaube, dass sich auch viele meiner Kollegen wirklich einsetzen. Egal welchen Hintergrund die Menschen haben oder welche Herausforderungen sie in ihren Wahlkreisen meistern müssen. Und das ist eines der tollen Dinge: Ich weiß, dass die Leute die Politik sehr kritisch sehen. Aber eine der guten Seiten an Großbritannien ist, dass wir ein parlamentarisch-repräsentatives System haben, das die Abgeordneten mit ihren Wählern verbindet. Wenn man in Kontakt bleibt, weiß man auch, was gerade passiert.”


Eine Erfolgsgeschichte
Iqbal Wahhab ist Sohn von bengalischen Einwanderern. In seiner Jugend war er Mitglied einer Gang, hatte Ärger in der Schule. Das ganze Programm.
Heute hat er einen Universitätsabschluss in der Tasche und arbeitet erfolgreich als Restaurantbesitzer und Unternehmer. Außerdem leitet er ein Projekt für benachteiligte schwarze Jugendliche. Als ehemaliger Berater für ethnische Diskriminierung findet Iqbal, dass sowohl konservative als auch Arbeiterparteien sich mehr kümmern müssen: “Es ist ein schreckliches Zeugnis für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft, dass man als schwarzer junger Mann in Großbritannien mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit arbeitslos ist als als weißer Mann. Studien haben gezeigt, dass bei identischen Lebensläufen mit einem englischen, einem afrikanischen oder einem asiatischen Namen der Lebenslauf mit dem englischen Namen dreimal so häufig für ein Bewerbungsgespräch ausgewählt wird. Ich nenne das nicht Rassismus, sondern unterbewusste Vorurteile. Die Leute sind sich dessen einfach nicht bewusst. Wenn Sie darauf hingewiesen werden, ist das schon ein guter Auslöser, um das eigene Verhalten besser zu verstehen. Die Probleme sind tief verwurzelt. Ich habe sowohl der aktuellen als auch der letzten Regierung geraten, welche praktischen Maßnahmen sie konkret ergreifen könnten, aber sie haben die nie in die Tat umgesetzt.”

Mit Workouts gegen Rassismus
Terroll Lewis setzt sich aktiv gegen Rassendiskriminierung ein – auf eine eher ungewöhnliche Art.
Er ist im Südlondoner Bezirk Brixton aufgewachsen. Wie Iqbal war er Mitglied einer Gang. Doch irgendwann landete er im Gefängnis. Street-Workouts veränderten sein Leben. Er fand schnell viele Nachahmer und hat inzwischen sein eigenes Fitnessstudio: “Ich bin aus dem Gefängnis gekommen und habe versucht, mich zu bessern. Ich war in der Kirche, im Fitnessstudio. Dort habe ich gefragt, wie viel das kostet. Sie meinten, ich müsse per Einzugsermächtigung bezahlen. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Ich bin Gang-Mitglied und habe mein Geld unter der Matratze. Ein Konto hatte ich nie gehabt.”
Heute hat Terroll nicht nur ein Konto, sondern auch Kunden wie Bänker und Anwälte, aber auch Gang-Mitglieder und arbeitslose Jugendliche. Manchmal führt das dazu, dass Kunden zu Mentoren werden, Jobtipps geben und Lebensläufe korrigieren.
Aber für viele sind Politik und Wählen immer noch unbekanntes Terrain: “Viele kennen sich nicht wirklich mit dem Wahlsystem aus. Einige von ihnen haben so viel durchgemacht, hatten schon so oft Angst in ihrem Leben. Die fragen sich: “Was hat die Regierung denn für mich gemacht?” So habe ich auch mal gedacht. Und dann habe ich nachgeschaut und gemerkt, was Regierungen tun, und wie Parteien etwas in bestimmten Bezirken verändern können. Auch wenn viele von uns nicht damit einverstanden sind, was sie machen. Wissen Sie, was wir tun können? Nicht darauf warten, dass jemand etwas bewegt. Jeder, der ist uns hilft, ist gut. Aber wir müssen auch selbst aktiv werden.”
Und wir Terroll am 7. Mai seine Stimme abgeben? “Ob ich wählen gehe? Gute Frage. Sie müssen mir auf instagram unter Terroll Lewis folgen, um das rauszufinden.”

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