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Armenischer Präsident: "Verbrechen gegen die Menschheit haben kein Verfallsdatum"

Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Massakers an den Armeniern traf euronews den armenischen Präsidenten Sersch Sarkissjan in Eriwan. Wir

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Armenischer Präsident: "Verbrechen gegen die Menschheit haben kein Verfallsdatum"

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Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Massakers an den Armeniern traf euronews den armenischen Präsidenten Sersch Sarkissjan in Eriwan. Wir sprachen mit ihm über seine Botschaft an die Welt, über die armenisch-türkischen Beziehungen und über die Anerkennung von der Türkei.

Meinung

Jenen, die uns Böses wollen, ist es nicht gelungen, uns auszulöschen.

Olaf Bruns, euronews:
“Herr Präsident, dieser Tage gedenkt Ihr Land schrecklicher Ereignisse, unfassbaren Leids, das ihrem Volk angetan wurde. Hundert Jahre später sind die Wunden immer noch tief. Wie lautet Ihre Botschaft?”

Sersch Sarkissjan, Armeniens Präsident:
“Die Veranstaltung mit der der Opfer des Genozids gedacht wird, wird mehrere Botschaften enthalten. Erstens wollen wir daran erinnern. Verbrechen gegen die Menschheit haben kein Verfallsdatum. Sie können nicht nach einer gewissen Zeit vergessen werden.
Die zweite ist eine Botschaft der Dankbarkeit, die mit der Erinnerung direkt zusammenhängt. Wir sind den Menschen, Organisationen und Ländern dankbar, die im schwierigsten Moment unserer Geschichte für uns die Stimme erhoben, eine helfende Hand ausgestreckt haben und manchen Armeniern halfen, zu überleben.
Die dritte Botschaft ist eine Mischung aus Erinnerung und Dankbarkeit. Es geht uns darum zu verhindern, dass solche Verbrechen erneut geschehen können. Es ist unsere Pflicht die Muster und Beziehungen, die zu solchen Verbrechen führen können, zu erkennen und auf sie aufmerksam zu machen.
Es ist notwendig, dieses Phänomen zu bekämpfen, um künftig Genozide und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern.
Unsere vierte und letzte ist eine Botschaft der Wiedergeburt unserer Nation. Jenen, die uns Böses wollen, ist es nicht gelungen, uns auszulöschen.”

euronews:
“Alle sind sich natürlich darin einig, dass aus der Vergangenheit etwas gelernt werden muss. Doch selbst 100 Jahre später scheinen die Türkei und Armenien immer noch in einer Debatte festzustecken. Gibt es einen Weg für die beiden Länder, um in Bezug auf andere Themen zusammenzuarbeiten, oder wird ein Hindernis sie auf ewig voneinander fernhalten?”

Sersch Sarkissjan:
“Ich selbst in meiner Funktion als Präsident Armeniens habe zwei Mal versucht, diesen Weg einzuschlagen. Und vor mir haben die zwei Präsidenten, die gewählt worden waren, auch versucht diesen Weg zu gehen.
Als erstes haben wir erklärt, dass wir die Absicht haben, ohne jegliche Bedingungen diplomatische Beziehungen mit der Türkei aufzunehmen. Danach hätten die Politiker der beiden Länder miteinander diskutieren und alle Probleme, die es zwischen ihnen gibt, ansprechen können.
Der zweite Versuch wurde vor dem hundertsten Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern unternommen. Mehrere Monate vorher schickte ich dem türkischen Präsidenten einen Brief. Dieser Brief wurde persönlich von unserem Außenminister an die zuständigen Behörden übergeben. Es war also nicht nur eine Ankündigung.
In diesem Brief lud ich ihn dazu ein, an den Veranstaltungen am 24. April teilzunehmen und gemeinsam unser Beileid zu bekunden und der Opfer zu gedenken. Aber die türkische Führung entschied sich dafür, am 24. April, unserem Gedenktag, mit Feiern an die Schlacht von Gallipoli zu erinnern.”

euronews:
“In den vergangenen Tagen hat die türkische Seite ihrem Ärger Luft gemacht. Es gab scharfe Stellungnahmen und überraschend scharfe Reaktionen auf die Aussagen des Papstes sowie auf die Resolution, die vom Europäischen Parlament verabschiedet wurde. Wie fühlen Sie sich angesichts dieses Zorns?”

Sersch Sarkissjan:
“Uns haben die Stellungnahmen und die Reaktionen der türkischen Seite in keiner Weise überrascht. Wir waren immer Zeuge und haben ihre Leugnung immer gehört. Wir haben auch gesehen, dass die Türkei jedes Mal vorbereitet ist und neue Argumente hat, um den Völkermord zu leugnen.
Die Aussage des Papstes war meiner Ansicht nach angemessen. Wissen Sie, ich glaube, dass nur mit starken Anführern eine Welt ohne Verbrechen gegen die Menschlichkeit möglich ist. Der Papst ist ein großartiger Anführer. Er ist gerecht und sagt die Wahrheit.”

euronews:
“Welche Aussage wünschen Sie sich von der türkischen Seite? Oder anders gesagt: Falls sie den Begriff Genozid anerkennen würde, würden sie dann gute Beziehungen haben?”

Sersch Sarkissjan:
“Ohne Zweifel. Die Anerkennung des Genozids durch die Türkei ist der kürzeste Weg zu einer Wiederversöhnung unserer Nationen. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn es getan wird und wenn es ehrlich getan wird, dann könnten die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei innerhalb kürzester Zeit zu einem neuen, höheren Level angehoben werden.”

euronews:
“Die Türkei hat die Bildung eines internationalen Komitees von Historikern vorgeschlagen, das ein für alle Mal das Thema klären würde. Und sie sagte, dass sie das Ergebnis akzeptieren würde. Was haben Sie gegen diesen Vorschlag?”

Sersch Sarkissjan:
“Erstens ist es von Anfang an falsch, denn ich kenne keinen Fall, in dem Historiker sich zusammengesetzt, eine Entscheidung gefällt haben und wo dann die Frage ein für alle Mal geklärt war.
Zweitens kann ich mir nicht vorstellen, wie eine solche Kommission vorgehen würde, denn die türkischen Historiker würden von der türkischen Gesellschaft und den türkischen Behörden unter Druck gesetzt werden. Und die armenischen Historiker würden von der armenischen Gesellschaft und den armenischen Behörden unter Druck gesetzt werden.
Doch das sind nicht die wichtigsten Argumente.
Was zählt ist folgendes: Die Länder, die die größten Archive zu diesem Thema haben, haben keinerlei Zweifel. Für sie besteht kein Zweifel an dem Völkermord.
Ich komme erneut darauf zurück, was im Vatikan passiert ist. Was glauben Sie? Gehört der Vatikan nicht zu denen, die am besten über die Ereignisse während des Ersten Weltkrieges informiert sind? Was glauben Sie? Fehlt es dem Vatikan etwa an gebildeten Historikern?
Dieser Vorschlag ist an und für sich beleidigend, denn er stellt in Frage, dass der Völkermord an den Armeniern eine Tatsache und wirklich geschehen ist. Was sollen die Historiker letztendlich herausfinden? Wieviel Menschen gestorben sind? Macht es einen großen Unterschied ob anderthalb Millionen Menschen oder ob eine Million und 449.000 Menschen gestorben sind?”