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Claudia Cardinale: Wie ich einmal Marlon Brando abblitzen ließ

John Wayne nannte sie einen „Wildfang“. Der britische Schauspieler David Niven sagte, sie sei die “schönste Erfindung Italiens seit es Spagetti

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Claudia Cardinale: Wie ich einmal Marlon Brando abblitzen ließ

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John Wayne nannte sie einen „Wildfang“. Der britische Schauspieler David Niven sagte, sie sei die “schönste Erfindung Italiens seit es Spagetti gibt”. Die Rede ist von der Filmdiva Claudia Cardinale. Ihr Leben liest sich wie ein Drehbuch. In mehr als 150 Filmen hat sie mitgewirkt. Sie verdrehte Robert De Niro den Kopf und auch Marlon Brando versuchte – erfolglos – bei ihr zu landen. Sie spielte in mehreren Filmklassikern mit, wie beispielsweise Achteinhalb von Frederico Fellini oder Der Leopard von Luchino Visconti. Euronews traf sie im Filmmuseum in Lyon.

Meinung

"Es war schon ziemlich verrückt"



Diego Giuliani, euronews: “Claudia Cardinale, zunächst einmal Dankeschön, daß Sie Zeit für uns haben. Wir reden gleich noch über Kino, aber zunächst möchte ich Sie etwas anderes fragen. Sie sind ein Star mit Wurzeln überall auf der Welt: geboren in Tunesien mit italienischem Pass. Was denken Sie, wenn Sie in den Nachrichten sehen, wie immer wieder hunderte Menschen auf dem Weg durchs Mittelmeer nach Italien ihr Leben verlieren, nur, weil sie ein besseres Leben erreichen wollen?“
Claudia Cardinale: “Es ist schrecklich. Jeden Tag, wenn ich darüber etwas lese, muss ich weinen. Tausende Menschen sterben. Es schockiert mich zu sehen, wie die Menschen aneinandergeklammert um ihr nacktes Überleben kämpfen.”

Diego Giuliani: “Claudia Cardinale, können Filme nach ihrer Meinung helfen, solche Probleme zu lösen oder ist da im Moment nur die Politik gefordert?“
Claudia Cardinale: “Alle sollten etwas tun, vor allem die Politiker, aber eigentlich alle von uns. Ich bin Botschafterin der UNESCO und ich kümmere mich schon um viele Dinge. Aber wenn ich diese fürchterlichen Bilder sehe, all diese hilflosen Kinder…ich muss sagen, das ist furchtbar. “

Diego Giuliani: “Nachdem Sie Tunesien verlassen hatten, begann ihr Erfolg. Ihre ersten Schritte im Filmgeschäft waren geradezu märchenhaft. Sie gewannen einen Schönheitswettbewerb, an dem Sie gar nicht teilnahmen, und gewannen eine Reise zum Filmfest nach Venedig. Wie ist das damals alles passiert?“
Claudia Cardinale: “Das war wirklich verrückt. Ich war mit meiner Mutter da. Es war ein Wettbewerb in Tunesien, es ging um das schönste italienische Mädchen in Tunis. Die Teilnehmerinnen waren alle schon da. Plötzlich greift ein Mann nach meinem Arm und zieht mich auf die Bühne. Der Preis war eine Reise zum Filmfest nach Venedig. Und dort angekommen, waren plötzlich alle Fotografen ganz wild auf ein Bild von mir. Sie fragten mich, wann ich im Kino zu sehen sein würde und ich sagte nur „Aber ich will gar nicht zum Film“. Später schrieben die Zeitungen „Das ist das Mädchen, das nicht ins Kino möchte“.

Diego Giuliani: “Über Fellini und Visconti, die beiden Regisseure mit denen ihre internationale Karriere begann, haben Sie einmal gesagt: „Visconti gab mir Flügel, Fellini hat mir geholfen, mit mir selbst ins Reine zu kommen” Wie haben Sie das gemeint?”.
Claudia Cardinale: “Die beiden hätten kaum gegensätzlicher sein können. Bei Visconti war es so: bevor wir gedreht haben, gab es Proben mit allen Schauspielern an einem Tisch. Alles musste perfekt sein. Bei Fellini dagegen gab es nur selten einen Plan, alles war improvisiert. Ich hatte die Gelegenheit, viel Zeit mit Visconti zu verbringen. Wir waren immer zusammen. Wir unternahmen gemeinsame Reisen, wir besuchten das Filmfest in Sanremo, usw.. Fellini dagegen kniete sich vor mich hin. Er liebte mich. Und dann war er wütend, weil ich nicht genügend aß. Er sagte mir einmal: „Du gehörst nach Afrika, in dieses weite Land. Deshalb bist Du meine Muse.“


Claudia Cardinale in Cannes 1961

Diego Giuliani: “Marcello Mastroianni erzählte einmal, Robert De Niro hätte Ihnen aus Eifersucht eine Szene gemacht. Es scheint, als hätten Sie immer wieder Ihren zahllosen Verehrer vor den Kopf gestoßen. Und doch haben Sie eines Tages einen Anruf von jemandem bekommen, der damals als der attraktivste Mann der Welt galt, Marlon Brando: wie war das damals?“
Claudia Cardinale: “Er hatte irgendwie erfahren, dass ich in der Stadt war. Er klopfte an meine Hotelzimmertür, kam herein und wollte mich, naja, verführen eben. Ich lachte und machte die Stimmung damit kaputt. Er ging wieder und ich dachte nur: wie dumm von mir. Er war mein Lieblingsschauspieler damals.

Diego Giuliani: “Was ist ihr Geheimnis? Wie haben Sie es geschafft, sich immer weiter zu entwickeln und nicht, wie so viele andere Stars, zu zerbrechen und die Vergänglichkeit der Jugend zu akzeptieren?“
Claudia Cardinale: “Zunächst einmal: Normalerweise lebt jeder nur ein Leben. Ich hatte 151. So viele Filme waren es nämlich. Und das ist wunderbar. Umgekehrt fordert es von einem auch, innerlich sehr stark zu sein, sonst vergisst man leicht, wer man eigentlich ist. Einmal kam Rita Hayworth am Filmset zu mir und weinte. Sie sagte, Mädchen, ich war auch einmal so schön wie Du. Aber wissen Sie, heute mit 77 Jahren arbeite ich immer noch. Das Wichtigste ist, aktiv zu bleiben. All die Schönheits-OPs, das Facelifting… Ich mag das nicht, weil wir die Zeit nicht aufhalten können.”

Diego Giuliani: “Das Kino hat ihnen eine Menge gegeben, aber auch viel genommen. Jahrelang durften Sie sich nicht zu ihrem Kind bekennen und haben sich als seine Schwester ausgegeben. Warum haben Sie das damals eigentlich gemacht?“
Claudia Cardinale: “Es gab Druck. Meine Produzenten zwangen mich dazu, meinen Sohn zu verleugnen. Ich war damals sehr jung und Sie glaubten, es würde einen Skandal geben. Es war schrecklich. Irgendwann habe ich es ihm aber trotz allem gesagt. Basta!“

Diego Giuliani: “7 Jahre lang war das vorher so gegangen?”
Claudia Cardinale: “Ja, fast. Es war schrecklich für mich.”

Diego Giuliani: “Es ist fast unmöglich, all ihre Filme zu zählen. Zum Glück haben Sie das gerade selbst gemacht, 151 waren es. Was interessiert Sie heute noch?“.
Claudia Cardinale: “In letzter Zeit arbeite ich mit jungen Regisseuren, die ihren ersten Film machen. Ich habe einige Filme in Österreich und Spanien gemacht und auch zwei in den USA. Ich arbeite einfach weiter und helfe jungen Menschen.”

Diego Giuliani: “Eine letzte Frage: Der Regisseur Werner Herzog sagte einmal im Zusammenhang mit dem Film „Fitzcarraldo”, um seine Träume zu erreichen, muss man das Unmögliche probieren. Haben Sie auch noch einen Traum?“
Claudia Cardinale: “In Tunesien sagt man: Wenn etwas nicht klappt, ist es Schicksal. Aber ich habe mir auch schon viele Träume erfüllt.“

Diego Giuliani: „Keine geheimen Träume?“
Claudia Cardinale : “Nein. Ich nehme alles, wie es kommt.“