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Boomt Großbritannien wirklich?

“Als die Regierungskoalition vor fünf Jahren antrat, fragten sich viele, ob Großbritannien erneut zum Patienten Europas wird. Premierminister David

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Boomt Großbritannien wirklich?

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“Als die Regierungskoalition vor fünf Jahren antrat, fragten sich viele, ob Großbritannien erneut zum Patienten Europas wird. Premierminister David Cameron kürzte Ausgaben, erhöhte Steuern und fror die öffentlichen Mittel ein”, sagt unser Korrespondent James Franey. “Die Rezession scheint inzwischen überwunden. Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum zwei Komma acht Prozent. Laut OECD ist es damit höher als in jedem anderen G7-Land. Doch boomt Großbritannien wirklich?”

Meinung

Das Land hat noch einen weiten Weg vor sich, bevor die nächste Regierung aufatmen und sagen kann: Die Erholung ist geschafft

Die hohen Immobilienpreise sind ein Beweis für das Vertrauen der Verbraucher. Die Arbeitslosigkeit beträgt nur 5,6 Prozent. Damit hat sie den tiefsten Stand seit Juli 2008 erreicht. So weit, so gut. Sind dies die Ergebnisse der Sparpolitik?

Soumaya Keynes von der Denkfabrik Institute for Fiscal Studies sagt, in den Jahren 2009 und 2010 habe das Defizit zehn Prozent betragen.
“Die Regierung traf einige schmerzhafte Entscheidungen. Mit Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben und Steuererhöhungen konnte das Defizit reduziert werden. Natürlich hatten diese Eingriffe zur Folge, dass die Sozialhilfe für einige Haushalte sank. Kurzfristig können Einsparungen oder Steuererhöhungen die Wirtschaft bremsen. Nichtstun hätte hingegen nicht zu einer nachhaltigen Stabilisierung des öffentlichen Haushalts geführt”, so Keynes. Vom Institute for Fiscal Studies heißt es, die nächste Regierung müsse diese Arbeit fortsetzen. Das bedeuet, dass das Defizit weiter reduziert werden muss.

Doch wie steht es um die Schulden privater Haushalte? Nach Angaben der Bank of England belaufen diese sich auf umgerechnet 333 Milliarden Euro. 2008, als Großbritannien von der Finanzkrise erfasst wurde, betrugen sie umgerechnet 234 Milliarden Euro. Bei dem gefährlichen Schuldenberg handelt es sich um ein Cocktail aus günstigen Zinsen,Darlehen für Studenten und anderen Krediten.

“Jenseits des Wachstums ist zu erkennen, dass die Maschine nicht volle Kraft läuft. Vieles wird durch den Verbrauch bestimmt. Sehr viele Menschen haben Häuser erworben, was ihnen große Profite beschert hat”, meint der Wirtschaftswissenschaftler Peter Urwin. “Dies verführt sie dazu, dass sie mehr ausgeben, als sie möglicherweise ausgeben sollten. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass Geschäftsinvestitionen, die vor allem das zukünftige Wachstum in Schwung bringen können, nicht in dem erhofften Maß getätigt worden sind. Und nicht zuletzt gibt es Sorgen – ernsthafte Sorgen – was die Produktivitätsrate der britischen Wirtschaft anbelangt.”

Ein weiteres Mal waren es die Finanzdienstleistungen, die entscheidend zum Wirtschaftswachstum Großbritanniens beigetragen haben. “Dienstleistungen insgesamt machten im vergangenen Jahr 79 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus”, erläutert Franey. “Doch Dienstleistungen sind seit vielen Jahren nicht nur in Großbritannien sondern insgesamt in den westlichen Ländern der wichtigste Wirtschaftszweig. Produziert wird viel billiger in anderen Teilen der Welt. Zu den Versprechen der konservativ-liberalen Koalitionsregierung zählte jedoch auch, das wirtschaftliche Gleichgewicht wieder herzustellen und sich dabei weniger auf die Finanzwelt zu stützen.”

Man könnte sagen, das verarbeitende Gewerbe spiele in Großbritannien kaum eine Rolle. Es macht etwas mehr als zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Hersteller, Marken haben sich verändert, in dem ganzen Sektor arbeiten heute viel weniger Menschen als früher. Das Unternehmen Brompton Bicycle stellt 45.000 Fahrräder pro Jahr her, 80 Prozent davon gehen nach Übersee.

Will Butler-Adams, der zum Vorstand gehört, sagt, es werde dauern, bis das wirtschaftliche Gleichgewicht wiederhergestellt sei. “Die Leute meinen, dass es in der Geschäftswelt Kerle gibt, die plötzlich auftauchen, eine Million einsacken und innerhalb von sechs Monaten ein Unternehmen umkrempeln. Das denkt man auch von Politikern. Wir erwarten, dass sie in zwei bis fünf Jahren alles mögliche schaffen. Völliger Quatsch! Die Wirtschaft Großbritanniens lässt sich nicht ohne weiteres umstellen. Das verarbeitende Gewerbe wurde in den 1970er und 1980er Jahren fertiggemacht, es gab kein Interesse mehr daran. Es fand nicht mehr in Großbritannien sondern sonstwo statt. Weil Jaguar Land Rover inzwischen viel Geld in die Kassen spült, heißt es nun quer durch Parteien: ‘Hallo, das produzierende Gewerbe ist toll. Da kommt viel Geld rein. Wir brauchen mehr davon.’ Das hat man verstanden. Doch es fehlen Menschen, die dafür ausgebildet sind, die Infrastruktur fehlt, die Zulieferer fehlen. Um das alles wieder herzustellen, bedarf es einer Generation.”

“Der künftige Premierminister steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen”, merkt James Franey an. “Weitere Ausgabenkürzungen könnten das Wachstum abwürgen. Hinzu kommt, dass die Krise der Eurozone den wichtigsten Exportmarkt Großbritanniens weiterhin überschattet. Das Land hat noch einen langen Weg vor sich, bevor die nächste Regierung aufatmen und sagen kann: ‘Die Erholung ist geschafft’.”

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