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Die "Stunde Null"

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Die "Stunde Null"

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Der Blick aus einem der Fenster der kleinen Wohnung, die ich für mehrere Wochen im Frühsommer 1994 in Berlin-Treptow bezog, fiel auf eine Eisenbahnüberführung, an der deutlich die Spuren von Schüssen zu erkennen waren. Zweifellos stammten sie aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem nur wenige Gehminuten entfernten monstruösen Sowjet-Denkmal im Treptower Park, mit einer Industrie-Ruine, dem schlechten Zustand der Straßen und der bleiernen Tristesse der Häuser standen sie in perfektem Einklang. Im westlichen Teil der Stadt gab es solche Zeugnisse schon lange nicht mehr. Dort standen Mahnmale wie die Gedächtniskirche, dazu bestimmt, die Dimensionen der von Nazi-Deutschland verschuldeten Zerstörungen aufzuzeigen, doch unmittelbare Spuren, wie jene an der Bahnüberführung, fehlten. Ich schließe nicht aus, dass sie mir entgangen sind. Westberlin hatte sich verändert, obwohl es weder mit Frankfurt noch mit München konkurrierte. Der Osten der Stadt hingegen schien trotz zahlreicher Neubauten die Geschichte konserviert zu haben. Dort hatte man von der Substanz gelebt, die Stunde Null war sichtbar geblieben.

Gab es die Stunde Null? Menschen, die den Umbruch miterlebten, sprechen davon, Historiker lehnen die Vorstellung eines völligen Neubeginns aber ab.

Einen Bruch ohne Kontinuitäten habe es nicht gegeben. Das Personal in Wirtschaft, Justiz und teilweise auch in der Politik sei nach dem Krieg das gleiche wie vorher gewesen. Und selbst wenn die Zentren deutscher Städte in Trümmern lagen, waren die Wirtschaftsbetriebe zumindest zur Hälfte funktionsfähig. Der Berliner Historiker Paul Nolte hebt hervor: “Das nationalsozialistische Regime war mit einer Brutalität und Eindeutigkeit zuende, wie man es in der Geschichte selten erlebt hat. Viele haben das als Befreiung erlebt.” Doch selbst wenn man den Begriff einer Stunde Null ablehnt, vollzog sich im westlichen Teil Deutschlands, in den Besatzungs-zonen der Westalliierten, in schnellen Schritten der Wandel von der Diktatur zu einem demokratischen Neubeginn. In der sowjetischen Besatzungszone hingegen folgte auf das Regime der Nazis nahtlos die kommunistische Diktatur. Selbstverständlich fand der Übergang auch hier nicht plötzlich statt.

Man könnte somit von einer Zäsur sprechen, die sich beim näheren Hinschauen zeitlich gliedert und aus mehreren Elementen zusammensetzt.

Nur Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht kommen die Siegermächte im Sommer 1945 zu ihrer dritten Kriegskonferenz zusammen und legen im Potsdamer Abkommen territoriale Veränderungen fest, die bei einer zu einem späteren Zeitpunkt abzuhaltenden Friedenskonferenz erneut zu Debatte stehen sollten. Der sowjetische Diktator Josef W. Stalin setzt dabei gegen den Widerstand Großbritanniens und der USA die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens durch. Das Gebiet um Königsberg fällt an die Sowjetunion, die ehemaligen deutschen Ostgebiete gehen an Polen. Deutschland verliert insgesamt 24 Prozent seiner Fläche von 1937. Auch legt das Potsdamer Abkommen fest, dass Deutsche aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei ausgesiedelt werden sollen. Bis Anfang 1947 treffen in den vier Besatzungszonen rund zehn Millionen Menschen ein, die aus Mittel- und Osteuropa vertrieben werden.

Im Frühsommer, noch vor dem Treffen in Potsdam, beginnt der politische Wiederaufbau. In der sowjetischen Besatzungszone wird als erste Partei die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet, in der Walter Ulbricht, ab 1960 Staatsoberhaupt der DDR, die führende Rolle spielt. Weil die Bevölkerung jedoch die kurz danach entstandene Sozialdemokratische Partei unterstützt, werden die Sozialdemokraten Monate später, nach Verhaftungen und Einschüchterungen, mit den Kommunisten zur SED zwangsvereinigt.

Auch in den Besatzungszonen der Westalliierten werden Parteien gegründet, darunter CDU, SPD, FDP und in Bayern die Christlich-Soziale Union. Die führende Persönlichkeit der CDU ist der Kölner Bürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer. Ebenfalls 1945 einigen sich die Siegermächte darauf, einen Militärgerichtshof einzusetzen und bereits im Dezember des gleichen Jahres wird in Nürnberg Anklage gegen 24 führende Vertreter Nazi-Deutschlands erhoben. In allen Zonen beginnt man mit der Entfernung der Nationalsozialisten aus der öffentlichen Verwaltung und der Industrie.

Ein Jahr später, 1946, finden in der amerikanischen Zone, im heutigen Bayern, in Hessen und in dem damaligen Land Württemberg-Baden Kommunalwahlen statt, es sind die ersten freien Wahlen seit 1933. In der britischen Zone waren Wochen zuvor die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen entstanden. In der französischen Zone werden die Länder Rheinland-Pfalz, Baden und Württemberg-Hohenzollern geschaffen. Weil Frankreich die Montanindustrie des Saarlands in seinen Besitz bringen will, bindet es das Gebiet immer stärker an sich. All das findet vor dem Hintergrund schier unvorstellbarer Kriegsverwüstungen und Not statt: Etwa ein Viertel der Wohnungen sind zerstört oder beschädigt, es fehlt an Lebensmitteln. Auch Brennstoff und Kleidung werden zugeteilt. Die USA beliefern die Westzonen bis 1960 mit Hilfsgütern, die sogenannten CARE-Pakete werden legendär.

Zeitgeschichtlich besonders interessant ist, dass 1947 die Gegensätze zwischen den westlichen Siegermächten und der Sowjetunion offen zutage treten. Während die Außenminister in Moskau zusammenkommen, verkündet die Regierung in Washington eine neue außenpolitische Leitlinie: Die USA sagen allen Staaten Unterstützung zu, in denen die Gefahr eines totalitären Umsturzes droht. Ziel der Eindämmungs-Politik (“containment”) ist, die Expansion der Einflusssphären der Sowjetunion zu stoppen, die in Warschau, Prag, Budapest, Bukarest und Sofia kommunistische Regierungen an die Macht gebracht hatte. Schon während des Krieges waren die baltischen Staaten, Gebiete Finnlands, Teile Polens und Rumäniens annektiert worden. Washington gewährt selbst Griechenland und die Türkei Hilfe im Kampf gegen den Kommunismus. Die Verhandlungen in Moskau, bei denen es um die Wiederherstellung der politischen Einheit Deutschlands geht, scheitern selbstverständlich. Wenig später kündigt US-Außenminister George C.

Marshall Hilfen für den Wiederaufbau Europas an. 1948 tritt der sogenannte Marshall-Plan in Kraft, an dem sich die Sowjetunion nicht beteiligen will, von dem Großbritannien, Frankreich, Italien, die spätere Bundesrepublik und die Niederlande jedoch enorm profitieren.

Mitte 1948 zieht sich die Sowjetunion aus der gemeinsamen Viermächteverwaltung zurück. Die westlichen Besatzungsmächte beenden die direkte Militärregierung, Ende Mai 1949 wird das Grundgesetz verkündet und im Sommer wird das erste Parlament der Bundesrepublik Deutschland gewählt. In der Präambel des Grundgesetzes bekennt sich der junge Staat zur nationalen und staatlichen Einheit Deutschlands in einem künftigen vereinten Europa. Die Väter des Grundgesetzes sind weise: Ein solches

Bekenntnis gibt es in keiner anderen Verfassung eines europäischen Staates! In der sowjetischen Besatzungszone wird im Herbst des gleichen Jahres der zweite deutsche Staat gegründet. In dessen Verfassung, wird nicht einmal der Schutz des Privateigentums festgeschrieben. Bereits die ersten Wahlen zur sogenannten Volkskammer werden gefälscht. Mit der Schaffung der beiden Staaten beginnt eine neues Kapitel, auch in der Geschichte Europas.

Rückblickend könnte man sagen, die vermeintliche Stunde Null habe vier Jahre, von der Kapitulation bis zu der Gründung der beiden deutschen Staaten, gedauert.

Seit ihrer Vereinigung ist – rasend schnell – ein Vierteljahrhundert vergangen. Ich war oft in Berlin, die Eisenbahnüberführung in Treptow ist mit Sicherheit schon vor langer Zeit repariert oder ersetzt worden. Spuren des Krieges sind aus dem Ostteil Berlins endgültig verschwunden. Wenn ich jedoch aus

Brüssel durch das Fenster der Medien auf Deutschland schaue, fällt mir auf, dass Pegida vor allem im Osten Deutschlands Anhänger hat, dass die Linke, Nachfolgepartei der PDS und der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, heute in Thüringen regiert, und dass die drei mörderischen Mitglieder der NSU, die Rechtsextremisten des Nationalsozialistischen Untergrunds, ebenfalls aus jenem Teil Deutschlands stammen. Könnte es sein, dass sich die Diktaturen dort konserviert haben und den Blick auf eine Stunde Null freigeben, die nie stattgefunden hat?