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Wie der Zweite Weltkrieg Polen geprägt hat

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Wie der Zweite Weltkrieg Polen geprägt hat

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Das Massaker von Katyn

Im Frühjahr 1940 brachten Mitglieder des sowjetischen Volkskommissariats des Inneren (NKWD) rund 4500 polnische Offiziere um. Ein Schuss in den Hinterkopf, und die Leichen wurden in ein Massengrab geworfen, in einem Wald nahe dem russischen Dorf Katyn. Die Morde waren von Stalin persönlich veranlasst worden. Sein Plan: Jeder mögliche Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer oder die kommunistische Ideologie sollte schon im Ansatz ausradiert werden. Das Massaker gehörte zu einer ganzen Reihe antipolnischer Mordaktionen der Sowjets, bei denen laut Experten bis zu 25.000 Mitglieder der polnischen Elite, Offiziere, Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Studenten umgebracht wurden.

Das Massengrab im Wald von Katyn wurde von deutschen Truppen bei deren Überfall auf die Sowjetunion entdeckt – ein Glücksfall für die Propagandamaschinerie der Nazis. Goebbels und sein Ministerium missbrauchten den Katyner Horror, um die bolschewistische Seite und deren Verbündete als verkommene Monster darzustellen. Der Kreml stritt jede Verantwortung ab und beschuldigte seinerseits die Deutschen, das Massaker kurz nach dem Einmarsch in die UdSSR 1941 begangen zu haben. Die Nazis wollten sich das Propagandablatt aber nicht aus der Hand nehmen lassen und richteten ein internationales Komitee ein, das das Massaker untersuchen sollte. Dieses Komitee kam zu dem Ergebnis, die Morde hätten 1940 stattgefunden. Eine andere Studie, die das polnische Rote Kreuz durchführte, kam zu demselben Ergebnis. Dieses wurde nach London geschickt, aber von der britischen Regierung erst 1989 veröffentlicht. Die Wahrheit über das Verbrechen wurde während des Kalten Kriegs geheimgehalten. Die Sowjets warteten bis 1990, bevor sie ihre Verantwortung eingestanden.

Auch heute noch ist das Massaker von Katyn tief eingegraben im polnischen Bewusstsein. Es gilt als Symbol für die Verbrechen gegen das polnische Volk, als Symbol für den Versuch, seine hoffnungsvollsten Töchter und Söhne auszulöschen.


Holocaust: Der Horror vor der Haustür

Der Holocaust hat das kollektive menschliche Bewusstsein stark beeinflusst, in zahlreichen Ländern wird bis heute an ihn erinnert. Für Polen spielte der von den Nazis verübte industrielle Völkermord aber eine ganz besondere und besonders schreckliche Rolle. Ein Großteil des Genozids fand auf polnischem Boden statt. Chelmno, Belzec, Treblinka, Majdanek, Auschwitz-Birkenau, all das waren vor dem Zweiten Weltkrieg weithin unbekannte Orte, bis ihre Namen zu Synonymen wurden für die Vernichtungslager der Nazis, die hier errichtet worden waren.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Polen die größte jüdische Bevölkerung der Welt. Danach waren von den einst drei Millionen polnischen Juden nur noch 350.000 übrig. Die Ermordung der Menschen bedeutete auch die Vernichtung ihrer Kultur.

Nichtjüdischen Polen wurde seit dem Kriegsende immer wieder vorgeworfen, ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber gleichgültig, wenn nicht gar feindselig eingestellt gewesen zu sein. Die Ankläger weisen auf den fehlenden Beistand hin, als das Warschauer Ghetto 1943 brannte, sie nennen den Pogrom von Jedwabne, der sich ereignete, als die Stadt unter sowjetischer Besatzung war, nicht unter deutscher. Doch es gab viele Polen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden halfen, sich zu verstecken oder Nahrung zu finden. Żegota, der Rat zur Unterstützung der Juden, war Europas größte – manche sagen auch: einzige – organisierte Bewegung, die versuchte, Juden vor der Verfolgung zu retten. Ein Mitglied der Widerstandsbewegung “Polnische Heimatarmee”, Witold Pilecki, ließ sich freiwillig von den Nazis verhaften und nach Auschwitz bringen, wo er den Widerstand organisierte und die Alliierten bereits 1940 über die Verbrechen der Nazis und Hitlers Endlösung informierte.

Auch 70 Jahre später ist der Holcaust in Polen ein vieldiskutiertes Thema, das immer wieder in öffentlichen Debatten zur Sprache kommt.


Teheran, Jalta, Potsdam: Polen in sowjetischer Hand

Auf den Alliierten-Konferenzen in Teheran (1943), Jalta (Anfang 1945) und Potsdam (Sommer 1945) entschieden die Vertreter der Siegermächte USA, UdSSR und Großbritannien unter anderem über das Schicksal, das Polen nach dem Krieg ereilen sollte. Die Verbündeten besprachen die künftigen Grenzen und das politische System des Landes. Die zunehmenden Landgewinne der Roten Armee, der es gelang, die Wehrmacht immer weiter zurückzudrängen, gaben Stalin eine immer stärkere Verhandlungsposition. Er war in der Lage, die USA und die Briten zu entscheidenden Zugeständnissen zu bewegen. So wurde Europa bei diesen Treffen in Einflusssphären unterteilt. Polen landete dabei nicht nur in der sowjetischen Sphäre, es musste auch Territorium an den neuen Ober-Machthaber abtreten: Stalin wollte, dass die neue Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion der sogenannten Curzon-Linie folgte, was zur Folge hatte, dass die kulturell wichtigen Städte Lwiw und Vilnius der Sowjetunion zufielen. Die polnische Exilregierung wurde über diese Entscheidungen erst viel später in Kenntnis gesetzt, zu einem Zeitpunkt, als die Beschlüsse praktisch vollendete Tatsachen waren. Für den Landverlust im Osten sollte Polen deutsches Territorium im Westen und Norden bekommen. Millionen Deutscher wurden in der Folge aus ihrer Heimat vertrieben.

Stalin versprach Churchill und Roosevelt für Polen freie Wahlen und eine nationale Einheitsregierung, die für pro-sowjetische wie pro-westliche Parteien offen sein sollte. In Wahrheit aber übernahmen vom Kreml unterstützte polnische Kommunisten allmählich die Regierungsmacht, freie Wahlen blieben ein leeres Versprechen. Ebenso leer wie die Zusage Churchills, der den Polen als Dank dafür, dass sie an der Seite der Alliierten gekämpft hatten, ein freies Land versprach. Polen verbrachte lange Jahre des restlichen 20. Jahrhunderts unter sowjetischer Kontrolle.

Der Warschauer Aufstand

Als die Rote Armee kurz vor Warschau stand und die Nazis langsam begannen, sich aus der Stadt zurückzuziehen, glaubte der Chef der Polnischen Heimatarmee, General Bor-Komorowsky, der richtigen Zeitpunkt sei gekommen, um einen Aufstand gegen die Deutschen zu organisieren. Am 1. August 1944 um 5 Uhr morgens ging es los. Ziel war es, alle deutschen Soldaten aus der Stadt zu vertreiben und die in London befindliche polnische Exil-Regierung zu installieren, bevor die Sowjets einträfen. Der Aufstand war der größte Akt des Widerstands gegen die Nazis. Er dauerte 63 Tage, dann musste die Heimatarmee kapitulieren. Die Rote Armee, rund 10 Kilometer entfernt, griff nicht ein, um den schlecht ausgerüsteten polnischen Widerstandskämpfern zu helfen. Rund 18.000 Kämpfer der Heimatarmee kamen Schätzungen zufolge ums Leben, und unter der Zivilbevölkerung forderte der Aufstand einen immensen Blutzoll. Bis zu 200.000 Zivilisten wurden als Vergeltung bei Massenhinrichtungen von den Nazis ermordet. SS-Chef Himmler ordnete an, die Stadt vom Erdboden zu tilgen. Als die Wehrmacht Warschau verließ, waren die Stadt zu 85 Prozent zerstört. Die Rote Armee, die schließlich in die Ruinen von Warschau einzog, machte den Weg frei für Stalin, die Regierung zu installieren, die er wollte.

Der fehlgeschlagene Aufstand führte dazu, dass sich die Polen einsam und verlassen fühlten, verraten von ihren vermeintlichen Verbündeten und mit einer bleibenden Narbe im nationalen Bewusstsein. Noch heute ertönen an jedem 1. August um 5 Uhr morgens die Sirenen in Warschau, gefolgt von einer Schweigeminute.

Fotos: (links) Die Rote Armee beobachtet den Warschauer Aufstand vom Ufer der Weichsel aus. Als die Sowjets später in die Stadt einziehen, stehen 85 Prozent Warschaus nicht mehr. Die Nazis haben die Stadt wegen des Aufstands planmäßig zerstört. (rechts)