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"Wir haben nicht mit der Waffe geschossen, sondern mit der Kamera"

Er war an vielen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs, er war an der Front, hat an der Befreiung Polens teilgenommen und an der Besetzung Berlins

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"Wir haben nicht mit der Waffe geschossen, sondern mit der Kamera"

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Er war an vielen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs, er war an der Front, hat an der Befreiung Polens teilgenommen und an der Besetzung Berlins: Boris Sokolov war Kameramann, er wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. “Unser Waffe war die Filmkamera. Unsere Mission war es, den Krieg zu filmen, nicht zu kämpfen. Wir haben Soldaten gefilmt, Schlachten, Waffen. Wir haben nicht mit einer Waffe geschossen, sondern mit der Kamera”, sagt Sokolov.

In diesem Jahr hat Boris Sokolov seinen 95. Geburtstag gefeiert. Im Moskauer Museum über den Zweiten Weltkrieg schauen wir uns Archivbilder an und teilen die Erinnerungen an seine erste Reise an die Front mit ihm. Dort hat er zum ersten Mal den Krieg gefilmt. Sokolov: “Wir kamen nach Warschau, als sie Brücken über die Weichsel gelegt hatten und die polnische Armee damit begann überzusetzen. Wir haben das gefilmt, und dann haben wir die erste Parade der polnischen Armee im befreiten Warscheu gedreht.”

Sokolov und andere Kamermänner der sowjetischen Armee haben immer mit ihrer Freundin zusammengearbeitet: eine Kamera, 3,5 Kilogramm war sie schwer, immer dabei waren auch mehrere Filmrollen, jede von ihnen ein halbes Kilo schwer. “Die Kamera hat wie ein alter Wecker funktioniert. Wir mussten sie aufziehen. Der Mechanismus reichte jedes Mal für 15 Meter Film, das entspricht etwas mehr als einer halben Minute Bildmaterial. Wir konnten also nie länger als eine halbe Minute drehen. Die Kamera hielt dann an und wir mussten wieder von vorn beginnen”,erzählt Sokolov.

Diese technische Unzulänglichkeit brachte die Kamermänner manchmal dazu, nachgestellte und organisierte Szenen zu drehen. Doch auch das habe die Wahrheit über den Krieg erzählt, sagt Sokolov. “Als wir in Warschau waren, haben wir das Militär gebeten, auf die andere Seite der Weichsel zu schießen. Wir konnten so vom Ufer aus die Explosionen und Einschläge filmen. Wir haben die Artillerie gebeten, auf ein bestimmtes Ziel zu feuern. Nach einiger Zeit haben sie uns angerufen und gesagt, wir könnten nun die Kameras einschalten. Das taten wir. Aber auch das waren echte Bilder vom Krieg”, erinnert er sich.

Boris Sokolovs beeindruckendster Dreh während des Zweiten Weltkriegs war wohl die Unterzeichnung der Kapitulation Deutschlands. Er wurde eigens beordert, die deutsche Delegation unter Feldmarschall Wilhelm Keitel zu filmen, der das Dokument im Namen des sogenannten Dritten Reiches unzterzeichnete. Sokolov: “Ich erinnere mich noch an Keitels Verhalten. Er war vom Beginn der Zeremonie an sehr arrogant. Er hat die Zuschauer mit seinem Stock gegrüßt, aber niemand hat ihm geantwortet. Keitel hat versucht, nicht wie ein Besiegter, sondern wie ein Gewinner auszusehen.”

Manchmal kam es zu merkwürdigen Entdeckungen. In einem leeren Swimmingpool in der Reichskanzlei in Berlin fanden sowjetische Soldaten etwa einen totes Double von Adolf Hitler. Der Leichnam war zugedeckt. Als Sokolov ihn filmte, legte er ein Foto von Hitler aus einer Zeitschrift zum Vergleich daneben. “Er war wie Hitler angezogen. Ein Band mit dem Eiserenen Kreuz daran, ganz wie Hitlers”, so Sokolov, “er trug dieselbe Frisur, einen kleinen Schnurrbart, er sah genauso aus. Aber die Nase des Doubles war gebrochen und er hat ein Einschussloch in der Stirn.”

Während des Zweiten Weltkriegs haben 258 sowjetische Kameramänner insgesamt 1944 Stunden Filmmaterial gedreht. Jeder fünfte Kameramann kam an der Front ums Leben. Von all diesen Kameramännern ist Boris Sokolov der einzige, der noch lebt.