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Beate und Serge Klarsfeld: Wegbereiter der Erinnerung

Klarsfeld. Nicht nur in Deutschland ein Name wie Donnerhall. Mittlerweile gehen die Journalistin Beate und ihr Mann Serge auf die Achtzig zu. Sie

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Beate und Serge Klarsfeld: Wegbereiter der Erinnerung

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Klarsfeld. Nicht nur in Deutschland ein Name wie Donnerhall. Mittlerweile gehen die Journalistin Beate und ihr Mann Serge auf die Achtzig zu. Sie waren Jäger, haben in den Winkeln der Welt nach Größen des Dritten Reich gefahndet, sie enttarnt und die politischen und juristischen Voraussetzungen erstritten, die es möglich machten, diese Menschen vor Gericht zu stellen. Begegnet sind sich Beate und Serge 1960 in der Pariser Ubahn. Eine Liebe zwischen einem französischen Juden und einer deutschen Soldatentochter. Ihren Blick auf die zurückliegenden Jahrzehnte haben sie nun in einem Buch mit dem Titel “Mémoires” niedergeschrieben.

Meinung

Das nennt man wohl den Synergieeffekt. Eins und eins macht zehn!

Das Interview mit Beate und Serge Klarsfeld führte euronews-Reporterin Lesley Alexander.

euronews: Serge und Beate Klarsfeld, danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Fangen wir von vorn an: War es damals Liebe auf den ersten Blick?

Serge Klarsfeld: Das würde ich nicht behaupten, eher gegenseitig Anziehung.

euronews: Sicherlich war es der Beginn einer unglaublich erfolgreichen Partnerschaft, privat und beruflich. Das Datum ihres Kennenlernens könnte man als Zeichen deuten.

Serge Klarsfeld: Es war der Tag, an dem Eichmann vom Mossad entführt worden wawr, nach Israel, wo man ihm dann den Prozess gemacht hat. Wir hatten natürlich keine Ahnung, dass dieses Ereignis beispielhaft für unser eigenes Leben werden sollte.

euronews: Beate, Sie kamen aus gänzlich unterschiedlichen Welten. Ihr Vater hatte in Hitlers Wehrmacht gekämpft. Serge, ihr Vater mit jüdisch-rumänischen Wurzeln wurde vor ihren Augen in ihrem Haus in Nizza von der Gestapo verhaftet. Das war 1943, später starb er in Auschwitz. Sie selbst, Ihre Mutter und Ihre Schwester entkamen nur knapp.

Serge Klarsfeld: Meinem Vater ist es in dieser Zeit gelungen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er hatte in einem großen, tiefen Schrank eine falsche Wand eingezogen. Wir versteckten uns dahinter. Ein Deutscher öffnete die Schranktür, sah die Hosen und Hemden dort hängen, riss sie herunter. Uns, die versteckten Juden hinter der Wand, hat er nicht entdeckt.

euronews: Beate, was haben Sie als Kind über den Holocaust erfahren?

Beate Klarsfeld: Wenig. In der Schule wurde verschwiegen, was man dem jüdischen Volk angetan hatte. Ich habe erst davon erfahren, nachdem ich nach Paris gekommen war, 1960. Dann habe ich Serge getroffen. Mir war klar, dass ich mich als Deutsche der Geschichte stellen muss, der Geschichte meines Volkes. Dann habe ich versucht, mich einzumischen.

euronews: Sie beiden waren fassungslos angesichts ehemaliger Nazigrößen, die ungeschoren und in Freiheit lebten. Beate, Sie ohrfeigten in den späten 60ern den deutschen Bundeskanzler Kiesinger.

Beate Klarsfeld: Als Kurt Kiesinger in Deutschland zum Kanzler gewählt worden war – ein Nazi-Propagandist – habe ich als Deutsche reagiert und meinen Protest zum Ausdruck gebracht. Ich habe versucht, eine historische und moralische Aufgabe ins Rollen zu bringen – auch in den Artikeln, die ich gegen ihn geschrieben habe.
Und die Reaktion folgte auf dem Fuße. Mein Arbeitgeber, eine deutsch-französische Einrichtung, entließ mich. Von da an musste ich mich durchsetzen. Ich wollte, dass er sich zu seiner Schuld bekennt, bereut, und dass es eine Untersuchung über seine Rolle im Dritten Reich gibt. Und letztlich wollte ich, dass er von seinem Amt als Bundeskanzler zurücktritt.

euronews: Unter den Nazis, die Sie haben dingfest machen können, waren der französische Collaborateur Maurice Papon und der als Schlächter von Lyon bekannte Gestapo-Mann Klaus Barbie. Sie haben ihn in Bolivien gefunden. Was hat Sie dazu gebracht, so weit zu reisen, um so viele Jahre nach dem Krieg einen so alten, kranken und fragilen Mann vor Gericht zu bringen.

Serge Klarsfeld: Also, fragil war er nun wirklich nicht. Das waren Kriminelle, die unsere Eltern deportiert hatten und mit ihnen Tausende von Familien. Wir haben diese Energie aufgewendet, um verbrecherische Deutsche, die in Frankreich die sogenannte “Endlösung der Judenfragen” organisiert hatten, vor Gericht stellen zu können. Sie konnten nicht ausgeliefert werden, waren sich ihrer Straffreiheit also ziemlich sicher. Wir waren es, die dieses riesige juristische Problem zwischen Deutschland und Frankreich zu einer Lösung gebracht haben. Deutschland weigerte sich, ein entsprechendes Abkommen mit Frankreich zu unterzeichnen, 17 Jahre lang. Erst unter Kanzler Brandt war es soweit, Beate hat ihn soweit gebracht.

euronews: Derzeit wird dem 93-jährigen Oskar Groening in Deutschland der Prozess gemacht. Er wird “der Buchhalter von Auschwitz” genannt. Was denken Sie über den Prozess?

Serge Klarsfeld: Das finden wir nicht gut. Der Schuldbegriff hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm ausgedehnt. Heute reicht es aus, dem kriminellen Organismus von damals in irgendeiner Weise angehört zu haben, eine Funktion ausgeführt zu haben, Buchhalter oder Koch gewesen zu sein. Das geht uns zu weit, diese Auffassung von Schuld.

euronews: Serge, Ihre Arbeit hat den Franzosen geholfen, die eigene Schuld, die der Kollaborateure, anzuerkennen – vor allem die der Vichy-Regierung unter Marschall Pétain. Ihrer Meinung nach hatte Frankreich diesen Teil seiner Geschichte aus seiner Erinnerung gelöscht.

Serge Klarsfeld: Frankreich, besser: die Franzosen hatten in der Schule nichts über die Geschichte der Vichy-Regierung gelernt. Sie wussten also nicht, dass die Juden von der französischen Polizei verhaftet wurden. Genausowenig wussten sie, dass die Kirche und viele tapfere Menschen französischen Juden das Leben gerettet haben.

euronews: Weltweit ist ein Erstarken antisemitischer Tendenzen zu beobachten. In Europa wurden jüdische Kinder wegen ihres Glaubens getötet. Jüdische Schulen in Frankreich werden nun von bewaffneten Soldaten bewacht. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Bilder sehen?

Serge Klarsfeld: Auch einer unserer Mitstreiter ist bei dem Attentat auf das jüdische Museum in Brüssel gestorben. Es lässt uns verzweifeln zu sehen, wie Kinder getötet werden und gleichzeitig den Aufstieg der Rechten in Frankreich zu beobachten. All das ist extrem beängstigend.

euronews: Ihr Buch liest sich wie ein Thriller, es geht um geheime Papiere, die Sie in versteckten Schubladen verbargen, um die Zeit des Eisernen Vorhangs. Sie gaben vor, Dolmetscher zu sein, um Ihrer Beute näher zu kommen, verbrachten lange Nächte in Arrestzellen – und dann die versuchten Sprengstoffanschläge gegen Sie. Ein hoher Preis.

Beate Klarsfeld: Naja, es ist ja klar: Wer sich auf illegale Aktionen einlässt, begibt sich in Gefahr. Das ist so, sofern man sich nicht mit einer normalen, durchschnittlichen Beschäftigung zufrieden gibt. Gegen Kiesinger habe ich eben nicht nur Handzettel verteilt. Die Ohrfeige sollte die Menschen mobilisieren, wachrütteln.

Serge Klarsfeld: Das war kein hoher Preis. Eigentlich gar keiner. Das Leben hat uns genügend Ausgleich geboten. Wir hatten immer zwei Hunde, zwei Katzen. Unser Sohn macht uns große Freude.

euronews: Ich möchte mit einem Zitat von Ihnen schließen, Serge: “Zusammen sind wir stark und glücklich. Allein hätten wir nicht viel erreicht.

Serge Klarsfeld: Nun, das nennt man wohl den Synergieeffekt. Eins und eins macht zehn!