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Cannes ehrt sozialkritisches Kino und Filmkunst aus Frankreich

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Cannes ehrt sozialkritisches Kino und Filmkunst aus Frankreich

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Die diesjährige, 68. Ausgabe des Filmfestivals von Cannes erwies dem französischen Kino die Ehre. Gleich drei Preise gingen beim Filmfest nach

Die diesjährige, 68. Ausgabe des Filmfestivals von Cannes erwies dem französischen Kino die Ehre. Gleich drei Preise gingen beim Filmfest nach Frankreich, auch der Wichtigste: Jacques Audiard erhielt die Goldene Palme für sein Flüchtlingsdrama Dheepan. Der Franzose ist kein Unbekannter in Cannes. 2009 war er für “Ein Prophet” mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden.
Sechs Jahre später nun die höchste Auszeichnung, zur Überraschung des Regisseurs.

Jacques Audiard: “Es ist ein Film, den ich als riskant und gefährlich empfand, wegen seines Erzählstils. Ich bin sehr überrascht, dass dabei ein Film entstanden ist, der Aufmerksamkeit bekommt und gewürdigt wird. Das ist sehr bewegend, noch dazu überreicht von den Coen-Brüdern. Es berührte mich sehr, auf die Bühne zu treten, auf der die Menschen standen, die mich fürs Kino begeistert haben.”

Dheepan handelt von einem Flüchtling aus Sri Lanka, der in einem sozialschwachen Vorort von Paris landet. Während um ihn herum ein Bandenkrieg tobt, versucht er, sich ein neues Leben aufzubauen.

Die zweitwichtigste Auszeichnung
des Festivals, der große Preis der Jury, ging an den Ungarn László Nemes für sein viel beachtetes Spielfilmdebüt “Saul fia (Sohn von Saul)”, in dem er mit ganz eigenen filmischen Mitteln vom Horror des Konzentrationslagers Auschwitz berichtet.

László Nemes: “Ich glaube, dass der Holocaust bis heute den Kontinent beherrscht, wie eine offene Wunde, eine unterschwellige Kraft, die man noch spüren kann. Ich glaube, dass die junge Generation mit dem was geschah, vertraut gemacht werden sollte, um sich damit auf eine offene Weise auseinanderzusetzen. Deswegen haben wir diesen Film gemacht.”

Der Film folgt Saul, der den sogenannten Sonderkommandos in Auschwitz angehört, die unter anderem Deportierte in die Gaskammern führen und deren Leichen verbrennen müssen.

Der Preis für die beste Schauspielerin ging zu gleichen Teilen an die US-Amerikanerin Rooney Mara für ihre Rolle in “Carol” (Todd Haynes) und die Französin Emmanuelle Bercot für ihre Darbietung in dem Drama “Mon Roi” von Maïwenn.

Emmanuelle Bercot: “Wenn ich heute hier stehe, ist das Maïwenn zu verdanken, die für ihren nächsten Film nach dem Erfolg von Polisse mich als Hauptdarstellerin auswählte, eine unbekannte, nicht mehr ganz junge Schauspielerin. Das ist die Besonderheit von Maïwenn, sie schert sich nicht um die Norm. Wenn sie eine Idee hat, verfolgt sie sie bis zum Ziel, allen Widerständen zum Trotz. Ihr verdanke ich die große Chance, diese unglaubliche Rolle spielen zu dürfen.”

In “Mon Roi” spielt Bercot (an der Seite von Vincent Cassel) eine Frau, die in einer leidenschaftlichen und zerstörerischen Beziehung untergeht.

Der Preis für den Besten Darsteller, die erste große Auszeichnung in seiner Karriere, ging an Vincent Lindon für in La loi du marché von Stéphane Brizé. Die Ehre gebühre seinem Regisseur, sagte der sichtlich gerührte Schauspieler nach der Preisverleihung.

Vincent Lindon: “Ohne einen Regisseur, der ihn liebt, der sein Bestes will und für ihn sorgt, ist ein Schauspieler gar nichts. Stéphane Brizé erhält diesen Preis gemeinsam mit mir. Denn es ist ein Film, bei dem sich die Kamera stark auf mich konzentriert, mit diesem Preis wird also auch der Regisseur geehrt. Ich bin überglücklich für ihn, dass er mich erstmals zu diesem Darstellerpreis geführt hat.”

Vincent Lindon spielt einen Langzeitarbeitslosen, der endlich einen neuen Job findet, der ihn jedoch vor ein moralisches Dilemma stellt.

Sozialkritisches stand bei diesem 68. Festival von Cannes hoch in Kurs und die Filmkunst der jüngeren Generation.

Ebenfalls im Wettbewerb vertretene Cannes-Veteranen wie der US-Amerikaner Gus Van Sant oder Nanni Moretti aus Italien gingen leer aus.