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Jason Rezaian: Spion oder Sündenbock?

Jason Rezaian steht in Teheran vor Gericht. Der 39-Jährige ist iranischer und US-amerikanischer Staatsbürger, bis zu seiner Verhaftung arbeitete er

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Jason Rezaian: Spion oder Sündenbock?

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Jason Rezaian steht in Teheran vor Gericht. Der 39-Jährige ist iranischer und US-amerikanischer Staatsbürger, bis zu seiner Verhaftung arbeitete er als Korrespondent für die Tageszeitung Washington Post. Die iranische Justiz wirft ihm Spionage und Propaganda gegen die Islamische Republik vor. Douglas Jehl, ein Kollege Rezaians bei der Washington Post, sagt:

“Wir haben uns unnachgiebig darum bemüht, Jason freizubekommen. Wir haben mit allen zusammengearbeitet, die möglicherweise hätten helfen können: Mit Regierungen, privaten Abgesandten und anderen. In der Hoffnung, dass im Iran ankommt, dass es lächerlich ist, einen Journalisten wie Jason mehr als 300 Tage festzuhalten”, so Jehl.

Reza Marashi vom Iranisch-Amerikanischen Rat in Washington meint, der Fall Rezaian sei Ausdruck eines Machtkampfes rivalisierender Strömungen in der iranischen Politik.

“Es handelt sich um einen tiefergehenden politischen Kampf in Teheran”, sagt Marashi. “Manche Leute im Iran wollen zwischen dem Land und der Außenwelt Brücken bauen, andere wollen diese Brücken sprengen, während unschuldige Menschen wie Jason genau auf diesen Brücken stehen. Sie sehen einen iranisch-amerikanischen Journalisten, der nichts mit den internen politischen Machtkämpfen zu tun hat und der nichts mit der Beziehung zwischen den USA und dem Iran zu tun hat. Eine kleine Gruppe von Leuten, die schlechte Entscheidungen trifft, kann Jason gut als Pfund verwenden”, meint er.

Die erste Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. “Der Ausgang des Prozesses ist völlig unvorhersehbar”, meint euronews-Korrespondent Stefan Grobe. “Er findet in einem Land statt, dessen Justizsystem von Fachleuten im Westen als inkompetent und korrupt beschrieben wird. Auswirkungen auf die Atomverhandlungen hat der Fall bisher nicht. Doch sollte Jason Rezaian zu Schaden kommen, könnte das die diplomatischen Beziehungen vergiften.”

“Jason hat aus den Medien von seinem Prozess erfahren”

Stefan Grobe hat Rezaians Bruder Ali zum Interview getroffen und ihn nach seinen Empfindungen angesichts der langen Haft des Bruders und angesichts des Prozesses gefragt.

euronews:
Ich kann mir kaum vorstellen, welch qualvolle Erfahrung dies für Sie sein muss. Erzählen Sie uns, wie Sie und Ihre Familie das in den vergangenen zehn Monaten durchgestanden haben.

Ali Rezaian:
Es ist schon so lange her, dass das passiert ist, es ist unglaublich. Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Meine Mutter lebt alleine in Istanbul, sie hat viele Freunde überall auf der Welt, die sie in den sozialen Medien und per Telefon unterstützen. Aber sie macht sich natürlich Sorgen um Jason. Vor zwei Jahren hat sie fast ein Jahr lang mit ihm zusammengewohnt. Sie kennt also die Kultur, Jason hatte nie derartige Probleme. Wir haben auch Familie im Iran, Jasons Frau ist dort. Sie wurde 72 Tage lang festgehalten und kam dann gegen eine Kaution frei. Doch seitdem bekommt sie immer noch Anrufe von den Ermittlern. Die fragen sie, wo sie ist, warum sie ausgeht und all solche Dinge. Das hat also nicht aufgehört, nur weil sie seit acht Monaten nicht mehr im Gefängnis sitzt. Was mich betrifft: Ich beschäftige mich sehr oft mit diesem Thema. Das hat mein Leben geändert.

euronews:
Wie und wann haben Sie von dem Prozess erfahren?

Rezaian:
Vom Prozess… Wir haben erwartet, dass er ungefähr in dieser Zeit kommen würde. Vor einem Monat etwa, aber wir waren nicht sicher. Erst letzte Woche oder vielleicht vor zehn Tagen hat ein Richter unserem Anwalt mitgeteilt, dass der Prozess in dieser Zeit beginnen könne. Mitte vergangener Woche war dann alles klar. Jason ist isoliert, er hat keinen Kontakt zu seinem Anwalt. Er hat aus den Medien von seinem Prozess erfahren. Er sah fern und dort hieß es: Der Prozess gegen Jason Rezaian beginnt am 26. Mai. So geht es dort zu.

euronews:
Sprechen wir über die Rolle der US-Regierung. Präsident Obama und andere haben sich wiederholt dazu geäußert, um Jason freizubekommen. Wie bewerten Sie Washingtons Rolle? War die angemessen? Wurde genug getan oder zu wenig? Was meinen Sie?

Rezaian:
Wissen Sie, ich bin Jasons Bruder. Es wurde erst dann genug getan, wenn er draußen ist. Ich bin kein Politiker, aber ich kann Ihnen sagen, dass die iranische Regierung eine Haltung eingenommen hat, die es den USA schwermacht. Das ist Absicht. Die US-Regierung hat uns durchgehend unterstützt. Die Frage ist, inwieweit sie wirklich beeinflussen kann, was dort passiert, denn der Iran hat Übung darin, Leute festzuhalten. Oft sind es Leute mit doppelter Staatsbürgerschaft, die für lange Zeit weggesperrt werden. Wir haben unser Bestes gegeben, um zu verstehen, was da vor sich geht. Und die US-Regierung hat ihr Bestes gegeben, uns auf dem Laufenden zu halten. Ich finde, dass wir gut mit der Regierung zusammengearbeitet haben.

euronews:
Und zum Schluss: Welche Lektion haben Sie daraus gelernt?

Rezaian:
Man lernt daraus, dass das ein Ort ist, an dem es bestimmte Regeln gibt. Sie sprechen über diese Regeln und über Gesetze, doch sie selbst halten sich nicht daran. Niemand dort wird zur Verantwortung gezogen, wenn sie die eigenen Regeln brechen, wenn sie internationale Vereinbarungen und Gesetze, die sie unterzeichnet haben, brechen. Ich habe mit Dutzenden Reportern aus den USA und anderen Ländern gesprochen, die aus dem Iran berichtet haben. Es war keiner dabei, der nie Probleme hatte. Jeder von denen wurde mal auf die eine oder andere Weise festgehalten: Sei es für zwei, drei Stunden am Straßenrand, sei es für zwei, drei Tage in ihrem Hotel. Oder sie saßen sogar für eine Woche im Gefängnis, obwohl sie nichts anderes getan haben, als Journalist zu sein. Sie sind nur ihrer Arbeit nachgegangen. Sie haben genau das getan, was angekündigt wurde, als sie die Berechtigung erhielten, dorthin zu gehen: An den Orten und zu den Zeiten, die angesagt worden waren. Das habe ich daraus gelernt.