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Werden die Auslandstürken zum Zünglein an der Waage?

Rund eine Million Menschen leben in Köln, der viertgrößten Stadt Deutschlands. 57.000 von ihnen haben die türkische Staatsbürgerschaft. Die

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Werden die Auslandstürken zum Zünglein an der Waage?

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Rund eine Million Menschen leben in Köln, der viertgrößten Stadt Deutschlands. 57.000 von ihnen haben die türkische Staatsbürgerschaft. Die Parlamentswahl in der Türkei ist hier in der Keupstraße in aller Munde.

Als die Türken im vergangenen Jahr Recep Tayyip Erdogan ins Präsidentamt wählten, konnte erstmals im Ausland abgestimmt werden – nun also auch bei der Parlamentswahl. 2,8 Millionen im Ausland lebende Türken sind stimmberechtigt, 1,4 Millionen in Deutschland, 170.000 in Österreich, 92.000 in der Schweiz – darunter auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Bis Ende Mai konnte gewählt werden. Die Beteiligung war weitaus höher als im vergangenen Jahr, als nur zehn Prozent der Auslandstürken an der Präsidentenwahl teilnahmen. Dabei können die Stimmen aus dem Ausland das Zünglein an der Waage sein. Die Erwartungen sind hoch – und zwar bei allen Volksgruppen.

“Sie sollten alle Menschen gleich behandeln”, sagt eine Frau. Ihr Ehemann ergänzt: “Egal, was passiert: Wir sind Brüder und Schwestern. Wir müssen alle gleich sein. Derjenige, der an der Macht sein wird, muss allen Menschen helfen. Das wollen wir. Wir wollen nur das Beste. Es sollte keine Diskriminierung in der Türkei geben. Es sollte nicht heißen: Das ist alevitisch, das ist sunnitisch. Wir sind doch alle Brüder und Schwestern.”

Eine andere Wählerin wünscht sich “Frieden und Brüderlichkeit. Mehr wollen wir gar nicht”, sagt sie. Und ein Mann meint: “Die HDP ist zu einem Mosaik aus verschiedenen Gemeinden und Glaubensrichtungen geworden: Armenier, Syrer, Assyrer, Chaldäer, Jesiden, Sunniten und Aleviten können sich ausdrücken und finden sich in dieser Partei wieder.”

euronews-Reporterin Gizem Adal hat auch in Dortmund mit Wählern gesprochen. Was erwarten die Menschen, was erhoffen sie sich?

“Wir wollen nur das Beste, nur das Beste”, so eine Wählerin. “Es ist nicht die deutsche, sondern die türkische Verfassung, die die doppelte Staatsbürgerschaft verhindert”, sagt eine andere.

Auf Wahlkampftournee im Ausland

“Die im Ausland abgegebenen Stimmen werden den Ausschlag geben. Sie werden darüber entscheiden, ob die AKP die Mehrheit erhält oder nicht. Und ob die HDP die Zehn-Prozent-Hürde knackt”, berichtet euronews-Reporterin Gizem Adal.

Kein Wunder also, dass alle großen Parteien während des Wahlkampfes auch im Ausland um Stimmen und die Gunst der Wähler geworben haben – wie der AKP-Ableger Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD).

“Die Summe, um sich vom Wehrdienst freizukaufen, wurde von 6000 auf 1000 Euro verringert. Der Ministerpräsident hat angekündigt, dass er nach der Wahl als Erstes die nötigen Initiativen in Gang setzen wird, um ausländische Orte zu Wahlbezirken zu erklären”, so der UETD-Vorsitzende Süleyman Celik.

Die Oppositionspartei CHP sicherte sich im Wahlkampf die Dienste des Unternehmens, das einst auch für US-Präsident Barack Obama arbeitete. Die CHP fordert, dass die Meinung der Auslandstürken mehr Gehör findet als bisher.

CHP-Vize Ercan Karakas erläutert: “Diese Menschen können ihre Probleme im türkischen Parlament nicht ansprechen. Deshalb haben wir, die CHP, dieses Thema auf unsere Aufgabenliste gesetzt. Es ist wichtig, direkt vertreten zu werden. Die CHP hat einen entsprechenden Gesetzesentwurf erarbeitet, der im Parlament eingebracht werden wird. Gehen wir davon aus, dass ein Prozent der Wähler von hier kommt. Dieses eine Prozent kann entscheidend sein. Deshalb sind die Auslandswahlergebnisse bedeutsam, vor allem bezüglich der Zehn-Prozent-Hürde.”

Auch die pro-kurdische Partei HDP begab sich auf Europatournee und rechnet sich gute Chancen aus, zumindest unter den Auslandstürken stärkste Kraft zu sein:

“Die Kurden bilden unter den Einwanderern die am besten organisierte Gemeinde. In Europa leben mehr als eineinhalb Millionen Kurden, die meisten von ihnen in Deutschland”, sagt Yüksel Koc, der HDP-Koordinator für Deutschland. “Wir sind guter Dinge, dass wir die meisten der im Ausland abgegebenen Stimmen erhalten. Ich betone das noch einmal: Wir kämpfen in Europa gegen die AKP”, so Koc. “Wenn die Zehn-Prozent-Hürde nicht übersprungen werden sollte, werden die Leute natürlich ihre demokratischen Rechte einfordern”, sagt er.