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Napoleon hatte für seine Gegner nur Geringschätzung übrig

euronews: “Patrick Maes, Sie sind Historiker und Vorsitzender der belgischen Napoleon-Vereinigung. Napoleon, der nach einer Reihe von Niederlagen

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Napoleon hatte für seine Gegner nur Geringschätzung übrig

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euronews:
“Patrick Maes, Sie sind Historiker und Vorsitzender der belgischen Napoleon-Vereinigung. Napoleon, der nach einer Reihe von Niederlagen gezwungen worden war, abzudanken, setzte in Waterloo alles auf eine Karte, um an die Macht zurückzukehren. Warum war es für Briten, Niederländer, Preußen, Österreicher und Russen wichtig, Napoleon in Waterloo zu stoppen?”

Patrick Maes:
“Für die Verbündeten war der Schutz Brüssels wichtig, Napoleon sollte daran gehindert werden, nach Brüssel zu gelangen. Wichtigstes Ziel Napoleons im Juni 1815 war es, Brüssel zu erreichen. Preußen, Briten und Niederländer versuchten mit verschiedenen Manövern, ihn
auf dem Vormarsch nach Brüssel zu stoppen.”

euronews:
“Welches sind die geopolitischen Folgen der Schlacht von Waterloo?”

Patrick Maes:
“In Frankreich kam es zu heftigen Reaktionen der Ultraroyalisten, an den Bonapartisten wurden Massaker verübt, wichtige Persönlichkeiten des Kaiserreichs wanderten bis in die USA aus, um Schutz zu finden. Vor allem aber setzt eine ganze Reihe von nationalistischen Bewegungen ein, die im Verlauf der Jahre danach ganz Europa ergriffen.”

euronews:
“Die Schlacht selbst war äußerst grausam: Am Schluss gab es etwa 50.000 Tote und Verletzte. Zugleich aber kamen hier drei außergewöhnliche Protagonisten zusammen. Könnten Sie uns dazu etwas sagen?”

Patrick Maes:
“Da gibt es einerseits Napoleon, der jedoch nicht vorgestellt werden muss, weil alle ihn kennen. Sein Gegenüber, sein Gegner ist Blücher, den seine Soldaten ‘Marschall Vorwärts’ nannten, ein Krieger, der zu jenem Zeitpunkt 73 Jahre alt war. Er galt als Hitzkopf und verachtete seit der Schlacht von Jena 1806 alles, was französisch war.”

euronews:
“Und Wellington?”

Patrick Maes:
“Wellington war geduldiger. Er achtete darauf, alles beisammen zu haben, dessen er bedurfte, um eine defensive Position einzunehmen. Die hielt er dann wie eine Bulldogge. Manöver mochte er nicht, doch er war ein Meister darin, eine position zu halten.”

euronews.
“Napoleon wartete auf Verstärkung, die erst nach der Schlacht eintraf. Es handelte sich um den berühmten Marschall Grouchy, der später in seinen Erinnerungen Napoleon für die Niederlage verantwortlich gemacht hat. War dies die einzige Ursache für das französische Debakel?”

Patrick Maes:
“Nein, für Grouchy war es mathematisch nicht möglich, zeitgerecht auf das Schlachtfeld zu gelangen. Zwar erreichte ihn ein zweiter Befehl Napoleons nicht, doch er führte seinen Auftrag, die Preußen zu verfolgen, strikt aus. Diese aber hatten einen Vorsprung von zwölf bis fünfzehn Stunden. Grouchy konnte sie nicht einholen.”

euronews:
“Welches sind die anderen Ursachen für die Niederlage?”

Patrick Maes:
“Diese sind leicht aufzuzählen: Napoleon ist seiner Sache viel zu sicher. Er kennt Blücher, den er, von einigen Ausnahmen 1813 und 1814 abgesehen, wiederholt geschlagen hat. Hingegen kennt er Wellington nicht, gegen den seine Truppenführer in Spanien gekämpft haben. Unmittelbar sind die beiden jedoch nie zusammengetroffen. Napoleon war sich seiner viel zu sicher und hatte für seine Gegner vor allem Geringschätzung übrig. Das führte ihn zur Niederlage.”

euronews:
“Stellen wir uns vor, dass Napoleon aus dieser Schlacht als Sieger hervorgeangen wäre. Hätte er eine Chance gegen seine Gegner gehabt?”

Patrick Maes:
“Nein, keine. Überhaupt keine. Die am 13. März 1815 war in Wien entschieden worden, Napoleon aus der Gesellschaft zu verbannen, ihn zum Gegner Europas zu erklären. Man hatte Napoleon, nicht Frankreich den Krieg erklärt. Die Armeen Preußens, Russlands und Österreichs marschierten etwa Mitte Juli nach Frankreich. Es waren erneut mehr als eine Million Soldaten, die Frankreich überrollten. Die Alliierten wollten bis zum Ende gehen, sie wollten Napoleon auf den Knien und gefangen sehen.”