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"Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent hat bereits stattgefunden" – Ein Gespràch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Paul De Grauwe" -


Redaktion Brüssel

"Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent hat bereits stattgefunden" – Ein Gespràch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Paul De Grauwe" -

euronews:
“Paul De Grauwe, sie lehren an der London School of Economics und an der Universität im belgischen Löwen. Sie verfolgen sehr aufmerksam die Krise in Griechenland. Wäre es, von finanziellem Standpunkt aus betrachtet, eine Katastrophe, sollte Athen genötigt sein, die Eurozone zu verlassen?”

Paul De Grauwe:
“Es wäre mit Sicherheit eine Katastrophe für Griechenland. Doch Ihre Frage geht auch dahin, ob es für die gesamte Eurozone eine Katastrophe wäre. Auf kurze Sicht sind die Folgen beherrschbar. Wir verfügen inzwischen über eine ganze Reihe von Instrumenten, mit deren Hilfe Ansteckungsgefahren gebannt werden können. Auf längere Sicht wird es schwierig: Verlässt Griechenland die Union, würde das bedeuten, dass die Währungsunion nicht beständig ist. Kommt es in Zukunft zu wirtschaftlichen Schocks, beispielsweise zu einer Rezession, stellte sich die Frage: Wo sind die Schwachstellen, welches Land wäre austrittsgefährdet. Das würde die Eurozone destabilisieren.”

euronews:
“Sie kennen die Zahlen, trotzdem bitten wir Sie dazu Stellung zu nehmen: Der Anteil Deutschlands an dem Schuldenberg Griechenlands beträgt 56 Milliarden Euro, der Frankreichs 42 Milliarden, der Italiens 37 Milliarden usw. Werden diese Länder ihr Geld je wiedersehen?”

Paul De Grawe:
“Mit Sicherheit nicht in dem vollen Umfang. Man muss unterstreichen, dass es bereits Verluste gegeben hat, bei den Zahlen, um die es hier geht, handelt es sich um Nominalwerte. Es hat Restrukturierungen gegeben, die Rückzahlungstermine sind hinausgeschoben worden und die Zinssätze wurden verringert. Wird der heutige Wert all dessen berechnet, was Griechenland in Zukunft zurückzahlen müsste, kommt man zu Summen, die weit unterhalb der genannten nominalen Werte liegen. Die Verluste sind bereits eingepreist worden, doch die Regierungen wagen es nicht, den Steuerzahlern das offen zu sagen.”

euronews:
“Ein Schuldenschnitt hat somit bereits stattgefunden?”

Paul De Grawe:
“Der Schuldenschnitt beläuft sich meinen Berechnungen zufolge auf rund 50 Prozent.”

euronews:
“Was aber nützt das alles, wenn man die wichtigsten Probleme nicht löst, die Griechenland dahin geführt haben, wo es heute ist: Es ist die Unfähigkeit, es sind die großen Schwierigkeiten Griechenlands, Steuern einzuziehen, die Verwaltung funktioniert nicht, es gibt Korruption und ein klientelistisches System. Warum gibt es in diesen Bereichen seit fünf Jahren keine Fortschritte, seit Europa Griechenland finanziell unter die Arme greift?”

Paul De Grawe:
“In bestimmten Bereichen gibt es Fortschritte. Die Anzahl der Beamten ist verringert worden, es gab eine Reform des Rentensystems.”

euronews:
“Es gibt keine Grundbücher, die Reeder werden nicht besteuert…”

Paul De Grawe:
“Es gibt sehr viele Dinge, die getan werden müssen, am wichtigsten jedoch ist es, das Sparprogramm einzustellen, das Griechenland aufgezwungen worden ist und das dazu geführt hat, dass die Wirtschaft eingebrochen ist.”

euronews:
“Was wäre notwendig, damit Griechenland ohne Hilfen auskommt und wirtschaftlich auf seinen eigenen Beinen stehen kann?”

Paul De Grawe:
“Die Sparprogramme müssen abgeschafft werden, die nicht funktioniert haben. Das hat nicht funktioniert, diese Programme haben die Fähigkeit Griechenlands eingeschränkt, die Schulden abzuzahlen, die Arbeitslosigkeit ist gestiegen usw.”

euronews:
“Genügt das? Hat Griechenland eine Industrie? Das Land importiert sehr viel…”

Paul De Grawe:
“In der Vergangenheit hatte Griechenland Wachstumsraten, natürlich war ein Teil dieses Waschstums nicht nachhaltig, doch Griechenland hatte Wachstum. Zu behaupten, Griechenland könne nicht wachsen, ist sinnlos.”

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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