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Warten auf Gerechtigkeit: Tschads Ex-Diktator Hissène Habré vor Gericht

In einem Viertel am Rande von N’Djamena, der Hauptstadt des Tschads, verbirgt sich ein düsteres Kapitel der Geschichte des Landes. “Wir sind hier in

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Warten auf Gerechtigkeit: Tschads Ex-Diktator Hissène Habré vor Gericht

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In einem Viertel am Rande von N’Djamena, der Hauptstadt des Tschads, verbirgt sich ein düsteres Kapitel der Geschichte des Landes. “Wir sind hier in Hamral Gouz, dem Tal der Toten. Hier im Sand unter meinen Füßen sind Gebeine. Es sind meine Mithäftlinge, die ich mit meinen eigenen Händen begraben habe,” erzählt Clément Abaifouta. Es ist eines der Massengräber aus der Schreckensherrschaft von Hissène Habré zwischen 1982 und 1990.

Meinung

Wenn es uns gelingt Hissène Habré und seine Komplizen zu verurteilen, dann würde das bedeuten, dass sich alle Völker Afrikas sagen können: 'Wir können es auch wagen jene, die Böses getan haben, die die Gesetze gebrochen haben, zu verurteilen.'

Clément Abaifouta hat vier Jahre in den Kerkern des früheren Diktators verbracht. Er musste die Gräber ausheben für die Häftlinge, die an Hunger, an Krankheit oder unter der Folter starben. Er sagt: “Ich warte darauf, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wer hat was unter Hissène Habré getan. Und warum ist das geschehen. Und dann müssen die Täter bestraft werden. Denn wenn die Täter bestraft sind, dann werden die Opfer besänftigt sein.”


40.000 Tote, Zehntausende Vermisste, Tausende Folteropfer… Das ist die Bilanz der Untersuchungskommission, die die Regierung von Idriss Deby nach dem Sturz des Diktators mit der Aufklärung der Verbrechen beauftragt hat.

Hissène Habré werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Folter zur Last gelegt. In diesem Monat soll ihm in Dakar, in Senegal, der Prozess gemacht werden.

Die Europäische Union übernimmt ein Viertel der Kosten.

Clément Abaifouta leitet den größten Verein der Opfer des Regimes. Er und Ginette Ngarbaye werden in Dakar bei dem Prozess aussagen. Willkürliche Festnahmen, Vergewaltigungen, Folter – politische Gegner oder einfach nur Zivilisten, Männer und Frauen haben unter diesem Terrorregime gelitten.

Ginette Ngarbaye erzählt: “Er hat angefangen mich überall zu berühren, auf den Brüsten, überall. Ich habe ihm gesagt, dass ich schwanger bin, dass ich ein Kind erwarte. Ich habe dieses Kind unter sehr schwierigen Bedingungen bekommen. Wir schliefen auf dem Boden. Die Würmer, die Flöhe und die Insekten sind auf unserer Haut. Das Kind weint, ich weine, die anderen weinen. Wir weinen die ganze Zeit lang. Wir wünschen uns wirklich den Tod herbei. Aber der Tod kommt nicht.”

Eine weitere Überlebende, Fatime Sakine, erinnert sich: “Sie haben mich mit Knüppeln geschlagen. Sie haben mich mit Strom gefoltert, überall. Sie haben mich auf alle möglichen Arten gefoltert. Jeden Tag starben Menschen, zwei, drei, vier, fünf… Sie sagten, nein, die kommen nicht in die Leichenhalle. Lasst sie liegen! Die Toten waren mit den Lebendigen in den Zellen. Wir schliefen neben den Leichen.”

Ahmad Bechir zufolge herrschte Misstrauen: “Man konnte mit niemandem reden. Jeden Tag haben sie uns belästigt. Sie konnten dich ohne Grund einfach so beschuldigen. Man konnte niemandem vertrauen. Außer du hast mit ihnen zusammengearbeitet. Es gab keinen Ausweg. Man konnte sich niemandem anvertrauen, nicht einmal seiner Frau. Sie konnten jederzeit kommen, um dich zu holen, um dich zu entführen, und um Angst und Schrecken zu verbreiten.”

Ginette Ngarbaye hofft, dass sie nach dem Prozess, einen Schlussstrich unter dieses Kapitel ziehen kann: “Ich will, dass es aufhört. Denn ich will nicht, dass mein Kind, oder meine Angehörigen oder irgend ein anderer Mensch, das erleiden muss, was ich erleiden musste. Ich warte auf den Prozess, ich will, dass wir Gerechtigkeit bekommen.”

4000 Opfer des Regimes von Hissène Habré sind Nebenkläger bei dem Prozess gegen den früheren Diktator. 100 Zeugen sollen vor Gericht aussagen. Die Anklage stützt sich auch auf die Dokumente, die Reed Brody 2002 entdeckt hat. Brody ist ein Rechtsberater der Organisation Human Rights Watch und bekannt als Diktatoren-Jäger.

Brody fand die verlassenen Archive der DDS, der politischen Polizei von Hissène Habré. Sie hatten genau festgehalten, was sie den Häftlingen antaten. Für den Menschenrechtsanwalt, der seit mehr als 15 Jahren mit den Opfern von Hissène Habré arbeitet, ist der Prozess in Dakar historisch: “Bei diesem Prozess werden zum ersten Mal in der Geschichte weltweit die Gerichte eines Landes, Senegal, den früheren Anführer einen anderen Landes, Tschad, für mutmaßliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgen. Zum ersten Mal hat die Afrikanische Union eine Gericht zusammengestellt. Es ist das erste Mal, dass in Afrika das Gericht eines Landes die Verbrechen, die in einem anderen Land begangen wurden, verurteilt. Und all das ist möglich, weil Hissène Habrés Opfer 25 Jahre lang dafür gekämpft und niemals aufgegeben haben. Sie haben mit ihrer Durchhaltekraft gezeigt, dass es für ganz einfache Bürger möglich ist, einen Diktator vor Gericht zu bekommen.”

Im Tschad kämpft die berühmte Anwältin Jacqueline Moudeina, seit mehr als 20 Jahren für Gerechtigkeit. 2001 überlebte sie nur knapp ein Attentat. Sie leidet immer noch unter den Folgen und bekommt weiterhin Todesdrohungen. Doch nichts konnte sie davon abhalten, sich für die Opfer einzusetzen und sie beim Prozess in Dakar zu vertreten.

Im Tschad wurden bereits 20 Mitglieder der politischen Polizei von einem Sondergericht verurteilt. Jacqueline Moudeina erklärt: “Wenn es uns gelingt Hissène Habré und seine Komplizen zu verurteilen, dann würde das bedeuten, dass sich alle Völker Afrikas sagen können: ‘Wir können es auch wagen jene, die Böses getan haben, die die Gesetze gebrochen haben, zu verurteilen.’ Das ist die wichtige Lektion, die wir mit diesem Fall Afrika erteilen möchten. Für den Tschad und ganz Afrika ist das eine wichtige Lektion. Es ist die Möglichkeit gegen die Straffreiheit zu kämpfen.”

Die Anwältin hofft, dass der Prozess auch zur Wiederversöhnung zwischen den muslimischen Gemeinschaften im Norden des Landes und den animistischen Christen im Süden beitragen wird. Im ganzen Land wurden Gruppen, die vom Regime als Bedrohung wahrgenommen wurden, verfolgt. Hissène Habré führte zudem mit Hilfe von Frankreich und den USA einen Krieg gegen Muammar al-Gaddafi in Libyen, der die Rebellen im Tschad unterstützte.

Josue Doumassen wurde einst im Gefängnis misshandelt und gefoltert. Er leidet bis heute darunter. Für die Untersuchungskommission des Tschads fertigte er Zeichnungen der Foltermethoden an. Er sagt, dass die körperlichen Wunden verheilt sind, doch die gesamte Bevölkerung leide immer noch an einem Trauma. “Das was sie mir angetan haben wird arbatachar genannt. Jedesmal wenn ich es zeichne, fühle ich wieder die Schmerzen. Aber ich mache es, damit es nicht vergessen wird, damit es in die Geschichte eingeht. Dieses Leid wird noch lange in unseren Herzen sein. Unter der jetzigen Regierung reden die Menschen miteinander. Aber die Menschen sind gezeichnet! Dieses Schreckensregime hat sie gezeichnet. Hissène Habré hat Zwietracht gesät! Er hat Zwietracht gesät und jetzt muss er für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden,” so Doumassen.

Auch Fatime Mando hat Schreckliches in den Kerkern von Hissène Habré erlebt. Sie macht sich Sorgen um die jüngeren Generationen. In ihrem Viertel sind damals fast alle Erwachsenen ermordet worden. Zurück blieben die Kinder. Landesweit gibt es mehr als 80.000 Waisen.

Fatime erzählt: “Wenn sie auf die Straße gehen, sehen sie all diese Kinder, die zurückgeblieben sind. Diese Kinder, Enkel und Urenkel sind auch Opfer, denn sie wurden durch das Verschwinden ihrer Eltern gezeichnet.”

Während des Krieges, den Hissène Habré 1979 anfing, um an die Macht zu gelangen, wurde Fatimes Mann ermordet, vor den Augen seiner Kinder, mit einem Schuss in den Mund. Die Wunden von damals sind noch nicht verheilt. Doch der kommende Prozess in Dakar gibt ihr ein wenig Hoffnung. “Jedesmal, wenn meine Kinder krank sind, denke ich an Hissène Habré, denn wegen ihm muss ich sie alleine aufziehen. Sie waren noch so klein. Ich war jung und ganz alleine mit ihnen. Das tut wirklich weh. Solange es keinen Prozess gab, war ich voller Hass. Jetzt mit dem Prozess bin ich ein wenig besänftigt,” so Fatime Mando.