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Käse platt, Essen teuer - ein Jahr Embargo westlicher Importe in Russland

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Käse platt, Essen teuer - ein Jahr Embargo westlicher Importe in Russland

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Der Sanktionskrieg geht weiter: Weil trotz Embargo offenbar viele Lebensmittel aus dem Westen nach Russland gelangen, lässt Präsident Putin eingeführte Ware vernichten.

Trotz des Importverbots sind nach Behördenangaben im vergangenen Jahr Hunderte Tonnen Nahrungsmittel aus dem Westen nach Russland geliefert und dann
umetikettiert worden. Vor allem über Weißrussland und Kasachstan führten die Schmuggelrouten. Die Länder sind Mitglieder in der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion, die Grenzkontrollen sind dort gering.

In Belgorod an der ukrainischen Grenze machten Dampfwalzen eine Ladung Käse platt. Die neun Tonnen würden anschließend vergraben, sagte eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde.

55 Tonnen Obst und Gemüse erwischte es in Smolensk, 40 Tonnen polnischer Äpfel und Tomaten im Gebiet Moskau, 20 Tonnen Milchprodukte aus Deutschland in St. Petersburg.

Laut Lebensmittelaufsicht wurden an der Grenze zu Weißrussland drei Lastwagenladungen Pfirsiche und Nektarinen mit falscher türkischer Herkunftsbezeichnung entdeckt. Sie seien mit Hilfe von Traktoren und Bulldozern) und ungenießbar gemacht worden.

Manche Russen finden das nicht gut….

Alexander: “Ich meine, für Lebensmittel gibt es eine bessere Verwendung als sie zu verbrennen.”

….manche doch: “Vielleicht ist es gut, dass sie dieses Essen zerstören. Vielleicht schickt man uns da verdorbene Ware, niemand weiß, was das ist.”

Vor einem Jahr hatte Russland ein Importverbot für Lebensmittel aus dem Westen verhängt – als Reaktion auf Sanktionen in Folge der Annektion der Krim. Es betrifft Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse aus Australien, Kanada, der EU, Norwegen und den USA und wurde kürzlich ein Jahr verlängert.

Mit seinem Embargo will Kremlchef Putin langfristig aber auch die heimischen Bauern stärken und dafür sorgen, dass mehr russische Produkte in den
Supermärkten angeboten werden.

Lebensmittel zu vernichten – das tut der russischen Seele weh, findet Wirtschaftsdozentin Ekaterina Shulman, Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung:

“In unserem Land gab es für mehrere Generationen nacheinander entweder überhaupt zu wenig zu essen oder einen Mangel an bestimmten Nahrungsmitteln. Das kam immer wieder, eine Generation nach der anderen. Und wenn es nicht das permanente Loch im Bauch war, dann das, was wir “Defizit” genannt haben. Wir haben eine ganz bestimmte Einstellung zum Essen, das ist ein sehr großer Schatz.”

Innerhalb weniger Tage – so Medienberichte (“Handelsblatt”) unterschrieben fast 260.000 Russen eine Petition (change.org) und riefen dazu auf, die Nahrungsmittel lieber an Kriegsveteranen, Rentner, Behinderte, Großfamilien oder Opfer von Naturkatastrophen zu verteilen.

Fast 16 Prozent der Bevölkerung Russlands lebt nach Zahlen des Statistikamtes Rosstat unterhalb der Armutsgrenze – beinahe 23 Millionen Menschen. Innerhalb des letzten halben Jahres sind die Preise für Lebensmittel um 14 Prozent gestiegen.

Deutschen Landwirten sind durch das russische Embargo fast einer Milliarde Euro an Einnahmen entgangen, so der Bauernverband. Die Exporte nach Russland hätten sich von 1,8 auf 0,9 Milliarden Euro halbiert. Bei Fleischwaren und Milchprodukten sei die Ausfuhr „praktisch Null“, das gelte auch für Obst und Gemüse. Russland sei einer der drei größten Exportmärkte für deutsche Landwirte gewesen und der sei praktisch weggebrochen, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, nach Medienberichten («Tagesspiegel»).

Das Embargo habe die Landwirtschafts-Exporte europäischer Bauern halbiert, schätzen Copa Cogeca, die landwirtschaftlichen Dachorganisationen in der Europäischen Union. Der Ausfall summiere sich in der EU auf 5,5 Milliarden Euro.

Sigrid Ulrich mit dpa