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Atilla Sandikli: "PKK hat Friedensprozess missbraucht"


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Atilla Sandikli: "PKK hat Friedensprozess missbraucht"

Um auf die Lage in Cizre aufmerksam zu machen, haben die beiden Vorsitzenden der türkischen Oppositionspartei HDP, Figen Yüksekdag und Selahattin Demirtas, sowie weitere Abgeordnete einen Marsch auf die südosttürkische Stadt begonnen. Am Freitag hatten die türkischen Behörden in Cizre, wo zahlreiche Kurden leben, eine Ausgangssperre verhängt. Demirtas sprach von einer Blockade.

Trotz der Ausgangssperre zeigten sich in Cizre in der Nacht bewaffnete Männer auf den Straßen. Sie sollen Anhänger der PKK sein, die in der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird. Nach Angaben des Innenministeriums wurden bei Gefechten in der Stadt in den vergangenen Tagen mehr als 30 Menschen getötet.

Seit dem Ende des Waffenstillstandes im Juli hat es im Konflikt zwischen der PKK und der türkischen Regierung zahlreiche Tote auf beiden Seiten gegeben. Der PKK werden mehrere Anschläge zugerechnet, die Armee bekämpft Stellungen der Gruppierung mit Luftangriffen und Bodentruppen.

In der Provinz Hatay protestierten Demonstranten gegen Terror und Gewalt.

Experteninterview: “Die PKK hat den Friedensprozess missbraucht.”

Der Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der PKK, der vor zwei Jahren begann, war eines der wichtigsten politischen Projekte der vergangenen Zeit. Nach dem letzten Waffenstillstand hörte die Gewalt so gut wie auf. Doch plötzlich ist alles anders. Der brutale Konflikt ist wieder da. Was ist geschehen? Darüber haben wir mit dem Terrorexperten und ehemaligen Offizier Atilla Sandikli vom Think Tank Bilgesam gesprochen.

Bahtiyar Küçük, euronews
Nach den Wahlen vom 7. Juli ist die Gewalt eskaliert, der Friedensprozess ist am Ende. Was ist in dieser kurzen Zeit passiert?

Atilla Sandıklı
Während dieses Friedensprozesses hat der Staat enorme demokratische und soziokulturelle Fortschritte gemacht. Gemäß der Vereinbarung beider Seiten hätte die Terrororganisation PKK von Beginn des Friedensprozesses an ihre bewaffneten Kräfte aus den Bergen ins Ausland verlegen müssen. Aber das hat sie nicht getan. Diese Terroristen sind bewaffnet in der Türkei geblieben. Noch dazu hat die PKK ihre neue Struktur in den Städten gestärkt, nämlich die Untergrundbewegung KCK. Durch sie gelangten Waffen und Sprengstoffe aus dem Ausland in die Türkei.

euronews
Zum ersten Mal in der Geschichte ist mit der HDP eine prokurdische Partei im Parlament und hat genau so viele Sitze wie die türkischen Nationalisten. Warum hat die PKK ihre Terroraktivitäten trotzdem wieder aufgenommen?

Atilla Sandıklı
Die türkische Regierung wollte die Regionalverwaltungen stärken, so, wie es den europäischen Vorgaben zu regionalen Verwaltungen entspricht. Wenn man sich aber anschaut, welche Ziele die PKK mit der KCK verfolgt, dann wird klar, dass sie eine eigene Struktur von Sicherheitskräften anstreben, den Aufbau eines eigenen, autonomen Staats und darüber hinaus eine föderale Struktur, an der sich auch die Kurden anderer Regionen beteiligen sollen. Um diese autonome Region zu schaffen, hat die PKK dem Volk mit verschiedenen Konflikten gedroht. Und im Moment treibt sie diese Konflikte immer weiter voran.

euronews
Die Türkei kämpft gleichzeitig gegen die PKK und gegen den Islamischen Staat. Die Region ist sehr instabil. Wie interpretieren Sie die Eskalation der Spannungen zwischen der Türkei und der PKK im Rahmen der aktuellen Krise?

Atilla Sandıklı
Die Türkei ist nicht der einzige Staat, der gegen den Islamischen Staat kämpft. Auch die kurdische PYD in Syrien kämpft gegen diese Terrororganisation. Der Vormarsch der IS-Terroristen in Syrien und dem Irak hat der PKK international eine gewisse Legitimität verschafft. Die PYD hat in Nordsyrien die notwendigen Voraussetzung entstehen sehen, um einen autonomen Staat zu schaffen. Somit musste die KCK nur noch die Türkei angreifen. Deshalb hat sie ihre Angriffe in letzter Zeit verstärkt.

euronews
euronews: In Großbritannien hat die IRA, in Spanien die ETA die Waffen niedergelegt. Kann diese Krise in der Türkei nicht auf politischem Wege gelöst werden?

Atilla Sandıklı
Ab 2013 dachte man, man könne im Rahmen des Friedensprozesses eine politische Lösung für dieses Problem finden. Doch selbst in diesem Umfeld, in dem der Frieden vorbereitet und aufrechterhalten werden sollte, bereitete sich die PKK weiter auf den Krieg vor. Sie schickte bewaffnete Truppe in die Städte, wo eine militärische Struktur entstand. Während all dem gab es keine militärische Aktion der türkischen Regierung. Sie wollte den Friedensprozess nicht gefährden. Heute sieht man deutlich, dass die PKK den Prozess missbraucht und den Weg für neue Konflikte geebnet hat.

euronews
Wo werden diese Gewalt und Spannungen enden?

Atilla Sandıklı
Wegen der durchgeführten Einsätze und aufgrund der gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen und zusätzlichen Sicherheitskräfte, die in die Region entsandt worden sind, werden wir recht bald mehr Opfer auf seiten der PKK sehen. Die Zahl ihrer logistischen Einrichtungen wird sich verringern, ihre Strukturen in den Städten werden nach und nach zusammenfallen. So wird sie im Laufe der Zeit ihre Handlungsmöglichkeit verlieren.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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