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Der Flüchtlingsstrom aus Syrien: Die "Illusion vom besseren Leben"

Dscharābulus in Syrien. Nach harten Kämpfen mit kurdischen Milizen ist das Dorf seit zwei Jahren unter der Kontrolle der Miliz Islamischer Staat)

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Der Flüchtlingsstrom aus Syrien: Die "Illusion vom besseren Leben"

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Dscharābulus in Syrien. Nach harten Kämpfen mit kurdischen Milizen ist das Dorf seit zwei Jahren unter der Kontrolle der Miliz Islamischer Staat).

Meinung

Es ist ein hartes Leben im Niemandsland an der türkisch-syrischen Grenze.

Karkamış in der Türkei. Nur 500 Meter offenes Feld trennen die beiden Dörfer, aber der Bürgerkrieg in Syrien hat sie vollständig voneinander abgeschnitten.

Die türkisch-syrische Grenze ist 950 Kilometer lang. Aber es ist keine natürliche Grenzlinie, die Bergen oder Flüssen folgt, sondern eine Linie, die nach dem Ersten Weltkrieg gezogen wurde.

Familien wurden getrennt, aber die Verbindungen untereinander wurden durch Schmuggel aufrechterhalten.Die Familie von Ali Yilmaz wohnt direkt an der Grenze, sie nahmen bereits Dutzende syrische Flüchtlinge auf.

“Wir sind direkt von den Ereignissen in Syrien betroffen. Die Flüchtlinge sind Menschen. Genau wie wir. Sie fliehen mit ihren Kindern vor diesem grausamen Regime. Sie haben Angst vor den Grenzsoldaten. Wenn sie über den Stacheldraht klettern, geht ihre Kleidung kaputt. Sie verlieren ihre Schuhe”, erzählte Ali Yilmaz.

Von ihrem Haus aus hört die Familie Schüsse und Bomben, obwohl der Gefechtslärm weniger geworden ist. Vor zwei Wochen hat eine Explosion die Fenster ihres Hauses zerstört.

“Seit zwei Jahren haben wir den “Islamischen Staat” als Nachbarn. Sie haben das Feld neben unserem Haus vermint. Seitdem nehmen die Menschen diesen Weg nicht mehr. Sie haben Angst. Wenn manchmal Hunde dort rumstromern, explodieren Minen. Deshalb wird der Weg selten genommen. In der Vergangenheit kamen täglich 300 bis 500 Menschen, sogar 1000 manchmal”, so Yilmaz.

Ali und seine Familie, seine Mutter, seine Frau und ihre vier Kinder haben Angst. Genau wie die Menschen auf der syrischen Seite der Grenze.

“Es ist sehr schwer. Viele Menschen kommen hierher. Unser Haus war voll von Flüchtlingen. Nachdem der IS das Gebiet vermint hat, kamen sie nicht mehr. Wir haben Angst, wenn Minen explodieren. Meine Enkelkinder haben sehr viel Angst”, erzählte Alis Mutter.

Euronews-Reporter: “Wie haben Sie diesen Menschen geholfen?”

“Wir haben sie bei uns aufgenommen. Sie kamen ohne Schuhe, sie hatten keine Kleidung. Wir haben ihnen etwas von uns gegeben. Wir haben viel geholfen”, so die Mutter.

Euronews-Reporter Bora Bayraktar in Karkamış: “Es ist ein hartes Leben im Niemandsland an der türkisch-syrischen Grenze. Obwohl weniger Flüchtlinge Richtung Türkei fliehen, ist es noch nicht zu Ende. Gefechte und Bomben in der Nähe von Dscharābulus bedrohen die dort lebenden Menschen und machen ihnen weiterhin Angst.”

Der euronews-Reporter hat mit Ahmed Al Cabir aus Jarablus gesprochen. Er ist ein ehemaliger Kämpfer der Freien Syrischen Armee. Nachdem der IS seine Region eingenommen hatte, floh er in die Türkei. Verwandte von ihm leben bereits in Deutschland.

Ahmed Al Cabir: “Die Menschen sind aufgrund des Krieges in Syrien geflohen, sie flohen aufgrund der Miliz “Islamischer Staat” und aufgrund des Regimes von Baschar al-Assad und seinen Fassbomben, die er explodieren ließ, seinem Krieg, den er gegen das syrische Volk und seine Kinder führt, und nicht gegen die Revolutionäre.”

“Die Menschen, die nach Europa gehen, haben die Illusion, dass das Leben dort besser ist. Aber in Wahrheit ist die Türkei der geeignete Ort für diese Flüchtlinge und nicht Europa. Das Land, das Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen hat, ist die Türkei. Sie haben alles bereitgestellt, sowohl Nahrung als auch Medikamente, Behandlung in den Krankenhäusern, das türkische Volk hat das syrische gepflegt. Man kann nur hoffen, dass die Menschen, die gegangen sind, in die Türkei zurückkehren.”

Auch Dr. Mahdi Davud, der Leiter der syrischen “Nour Association”, sprach mit euronews über die Flüchtlingssituation. Die Organisation hat Büros in mehreren türkischen Städten. Sie bietet Syrern medizinische Betreuung und dient als soziales Netzwerk. Viele Syrer fliehen. Sie wollen nach Europa. Warum jetzt? Warum ist Europa ihr Ziel?

“Der Flüchtlingsstrom hat bereits vor vier Jahren begonnen. Viele Menschen versuchten, in die Türkei zu gelangen, oder in Gruppen nach Europa zu fliehen. Seit Kurzem wollen mehr nach Europa. Die Menschen sind verzweifelt, sie haben die Hoffnung verloren. Denn auch internationale Mächte können diesen Krieg nicht beenden. Deshalb denken viele, dass Europa ihre letzte Rettung ist. Seit Kurzem ist es auch billiger geworden, nach Griechenland zu reisen. Früher kostete die Fahrt nach Griechenland 10.000 oder 12.000 Euro. Aktuell kostet es rund 1000 Dollar. Jetzt kann man mit relativ wenig Geld auf die andere Seite kommen”, so Dr. Mahdi Davud. Weiterhin sagte er:

“Die Routen werden von Schleppern bestimmt. Sie verlängern die Strecken, um mehr Geld von den Flüchtlingen zu bekommen. Vor allem die Menschen aus Syrien kennen sich nicht aus. Will beispielsweise eine Gruppe nach Bodrum oder Antalya, nachdem sie in der Türkei angekommen sind, bringen sie die Schlepper von Atakya nach Istanbul im Norden, um sie dann zurück nach Bodrum oder Antalya im Süden zu schaffen. So versuchen sie, die Flüchtlinge davon zu überzeugen, wie schwer ihr Geschäft ist, und verlangen mehr Geld.”