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Griechenlands Wirtschaft: Nach Tsipras ist vor Tsipras

Eine Besserung der Lage in Griechenland werde nicht durch Zauberei erreicht – wohl aber durch harte Arbeit. Das hat nicht Angela Merkel gesagt

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Griechenlands Wirtschaft: Nach Tsipras ist vor Tsipras

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Eine Besserung der Lage in Griechenland werde nicht durch Zauberei erreicht – wohl aber durch harte Arbeit. Das hat nicht Angela Merkel gesagt, sondern Alexis Tsipras, designierter griechischer Regierungschef. Seine wichtigsten Ziele seien die Wiedergewinnung der Stabilität im Wirtschafts- und Bankensystem und die Schuldengespräche mit den Geldgebern, sagte er nach der Wahl. Sie seien “die erste entscheidende Schlacht”.

Meinung

Die Finanzmärkte werden abwarten. Welche Schritte macht die neue Regierung, wer ist verantwortlich für die wichtigsten Ministerien und was wird angepackt

Die Finanzmärkte sind erst mal skeptisch.

Mattew Beesley, Henderson Global Investors, London :

“Ich bin nicht sicher, dass der Sieg von Tsipras heute wirklich etwas an den wirtschaftlichen Aussichten von Griechenland ändert. Ja, er gibt ihnen ein Mandat für die Reformagenda, die die Eurozone und der IWF unterschrieben haben. Aber bedeutende Herausforderungen bleiben noch bei der Umsetzung.”

Das Land steht ökonomisch nach wie vor auf Messers Schneide. Die Wirtschaft ist seit 2010 um ein Fünftel geschrumpft. Jeder vierte Grieche ist arbeitslos. Fast jeder Zweite unter 25 hat keinen Job.

Evangelos Sioutis, Guardian Trust Securities, Athen:

“Die Finanzmärkte wollten eine Regierung aus mehreren Parteien mit einer größeren Mehrheit im Parlament. Sie werden abwarten. Welche Schritte macht die neue Regierung, wer ist verantwortlich für die wichtigsten Ministerien und was wird angepackt.”

Unter dem Druck der nahenden Staatspleite hatte Tsipras vor seinem Rücktritt und den Neuwahlen ein drittes Hilfspaket über bis zu 86 Milliarden Euro mit den Geldgebern ausgehandelt – vorausgesetzt, Reformen werden angepackt. Die erste Überprüfung ist im Oktober angesetzt.

Dann steht auch eine erneute Bestandsaufnahme des griechischen Schuldenbergs an, der 2016 auf über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wachsen dürfte. Griechenland ist de facto seit 2010 vom Kapitalmarkt abgeschnittenen.

Im Januar hatte Tsipras seine Amtszeit noch mit dem Versprechen angetreten, das Sparprogramm der Geldgeber aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds
(IWF) rückgängig zu machen. Die Verhandlungen zogen sich sieben Monate lang hin. Vor einem entscheidenden Treffen im Juni kündigte der linke Regierungschef überraschend ein Referendum über die
Vorschläge der Geldgeber an. Nach der Volksabstimmung vollzog er eine Kehrtwende und stimmte letztendlich noch härteren Spar- und
Reformauflagen zu – als Teil eines dritten Hilfspakets für sein Land.

Tsipras’ Verhandlungsspielraum ist begrenzt, aber nicht gleich null: Schuldenerleichterungen seien bereits in dem neuen Hilfsprogramm abgelegt, wenn Reformen implementiert würden, sagte der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis – allerdings kein “Haircut” (prozenualer Schuldenschnitt). Eine Verlängerung der Fristen für die Kreditrückzahlung schließen die anderen Euro-Länder aber nicht aus. Außerdem soll darauf geachtet werden, dass der jährlich zu zahlende Schuldendienst 15 Prozent des BIP nicht übersteigt. Allein bei den anderen Euro-Ländern steht das Land mittlerweile mit fast 200 Milliarden Euro in der Kreide.

su mit Reuters, dpa