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Experte: "Die USA haben Angst, direkt in Syrien einzugreifen"

Über die Lage in Syrien haben wir mit Vali Nasr von der Johns Hopkins Universität in Washington gesprochen. Nasr ist Experte für den Nahen Osten und

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Experte: "Die USA haben Angst, direkt in Syrien einzugreifen"

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Über die Lage in Syrien haben wir mit Vali Nasr von der Johns Hopkins Universität in Washington gesprochen. Nasr ist Experte für den Nahen Osten und Internationale Beziehungen. Während Obamas erster Amtszeit war er zudem Berater im US-Außenministerium. Nasr sagt, Russlands Eingreifen habe die Dynamik im Bürgerkriegsland verändert. Alle beteiligten Seiten müssten nun auf die veränderte Lage reagieren. Ein Ende des Kriegs habe nicht nur für die Menschen in Syrien, sondern auch für Europa und Syriens Nachbarländer großen Nutzen, so Nasr.

Meinung

Früher war dies de facto ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Jetzt hat sich die Lage geändert.

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Herr Nasr, wie würden sie Obamas Syrien-Strategie charakterisieren? Gibt es überhaupt eine?

Vali Nasr, Johns Hopkins University, School of Advanced International Studies
Die US-Regierung tut sich sehr schwer damit, direkt in Syrien einzugreifen, speziell militärisch. Denn Washington fürchtet, in einen Krieg abzurutschen. An der diplomatischen Front hat sich die Regierung damit begnügt, Assad zum Amtsverzicht aufzufordern. Aber sie hat sich nicht ernsthaft bemüht, wirklich eine diplomatische Lösung zu finden, um den Krieg zu beenden. Die USA haben also alles in allem eine Position zu Syrien, aber sie haben keinen Plan, um den Krieg zu beenden.

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Wie verändert nun Russlands jüngstes Vorgehen die Lage vor Ort?

Vali Nasr
Russland hat sich für eine deutlich aktivere Rolle entschieden und war in der Lage, das Vakuum zu füllen, das die USA hinterlassen haben. Vor allem aber hat Russlands Vorgehen die Karten in Syrien neu gemischt. Das wird es den USA deutlich erschweren, ihre Luftschläge gegen IS-Stellungen fortzusetzen, Russland spricht ja von einer Flugverbotszone. Aber auch die anderen Schritte der USA gegen die Assad-Regierung werden schwieriger. Denn nun werden sich alle gegen das russische Militär stellen, und das ist eine ganz andere Situation als die, mit der es alle Länder oder Interessengruppen in Syrien bisher zu tun hatten.

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Wenn Sie Präsident Obama heute noch berieten, was würden Sie ihm sagen?

Vali Nasr
Früher war dies de facto ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Und das bedeutete, dass keine Seite zu einem Kompromiss bereit war. Der Ausgang des Kriegs würde ja über diesen Wettkampf der beiden entscheiden, den jede Seite gewinnen wollte. Nun hat sich die Lage sowohl für den Iran als auch und speziell für Saudi-Arabien geändert, denn die Saudis haben es nicht mehr mit dem Iran zu tun, sondern mit Russland. Dasselbe gilt für die Türkei, die zu Assad eine andere Haltung hat als der Iran. Ankara konfrontiert nun den Iran ebensowenig. Zuvor war die Lage in Syrien in einer Sackgasse. Es gab keinen einfachen diplomatischen Weg voran. Jeder war in seiner Stellung eingegraben. Russland hat die Dynamik verändert. Nun geht es für Präsident Obama darum zu sehen, ob es jetzt eine Gelegenheit für die USA gibt, das zu tun, was sie zuvor nicht tun konnten.

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Aber ich denke, es geht doch um die Frage, wie viel Wandel es nun wirklich gibt? Am Ende steht Russland ja immer zu Präsident Assad.

Vali Nasr
Klar, Russland unterstützt in diesem Kampf Assad. Moskaus Ruf hängt mit der Rettung Assads zusammen, damit ist das strategische Interesse Russlands verknüpft. Aber letztlich haben die Protagonisten in jedem Konflikt zynische Motive für ihren Kampf. Für die Iraner geht es um ihren Ruf und darum, die Hizbollah zu schützen. Die Saudis wollten in Syrien den Iran in die Knie zwingen und demütigen. Jeder hat also zynische Motive, und wer auch immer in Syrien gewinnt, wird auf die ein oder andere Weise an Selbstbewusstsein gewinnen. Aber wie schon auf dem Balkan, so hat auch hier das Ende des Konflikts einen Nutzen. Für Europa würde ein Kriegsende auch das Ende der Flüchtlingskrise bedeuten. Und die Länder in der Region würden profitieren, weil ein andauernder Krieg sie nur weiter destabilisiert.