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"Metro 2033"-Autor Dmitry Glukhovsky: Russland braucht plötzlich einen Feind

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"Metro 2033"-Autor Dmitry Glukhovsky: Russland braucht plötzlich einen Feind

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Der Autor von “Metro 2033” Dmitry Glukhovsky stellt sein Buch Futu.re vor. Er hat auch als russischer Journalist bei euronews gearbeitet, und wir

Der Autor von “Metro 2033” Dmitry Glukhovsky stellt sein Buch Futu.re vor. Er hat auch als russischer Journalist bei euronews gearbeitet, und wir haben ihn interviewt.

Meinung

Meine größte Entdeckung in den vergangenen anderthalb Jahren war zu beobachten, dass Russland plötzlich einen Feind brauchte.

Science Fiction vs TV

Maria Ieshchenko
euronews:

Science Fiction ist eine Art “sicherer Hafen”, in dem Sie die Probleme der Gesellschaft beschreiben können. Sie zeichnen ein düsteres Bild. Aber erregen Sie so Aufmerksamkeit und können Sie warnen?

Dmitry Glukhovsky
Russischer Schriftsteller:

Das Bild ist gut zu erkennen. Alle, die das Buch Futu.re gelesen haben haben mir gesagt, dass es nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart darstellt. Selbst wenn es formal um die Unsterblichkeit geht.
In der Sowjetunion war Science Fiction die einzige Methode, Probleme der Gesellschaft oder des politischen Systems darzustellen und zu kritisieren. Die sogenannte “wirkliche Literatur” war unter totaler Kontrolle des Staates.
Doch egal wie populär meine Bücher auch sein mögen. Selbst 100.000 Leser sind nichts im Vergleich zu den 140 Millionen TV-Zuschauern, die zu Hass, Intoleranz und Verachtung anderer Staaten und Menschen aufgerufen werden. Alle Anstrengungen nützen nichts, alleine kann ich nicht gegen das Fernsehen kämpfen. Ich versuche es erst gar nicht. Ich will nur meine Leser für mein humanistisches Lager gewinnen.

Der Nachgeschmack eines verlorenen Krieges

Maria Yeshchenko
euronews:

In Ihren Artikeln schreiben Sie, dass es Mode ist, Russlands Rolle in der Welt zu glorifizieren. Es scheint, dass Russen sich mehr Sorgen über ihre Nachbarn machen als darüber, was sie zu Abend essen. Warum?

Dmitry Glukhovsky:

Wir waren immer gezwungen über unser Essen nachzudenken, über niedrige Löhne, schlechte medizinische Versorgung, fehlende Reisemöglichkeiten. Aber die Rede war von Honduras und Lateinamerika, darüber sollen und dürfen wir nachdenken. Jetzt wiederholt sich die Geschichte nach einer kurzen Pause. Jetzt gibt es wieder die traditionelle Ablenkungsstrategie.

Außerdem gibt es in der Sowjetunion, ich meine, in Russland, einen starken imperialistischen Komplex. Russen waren Teil einer riesigen Weltmacht, des größten Landes der Welt, das wir immer noch sind. Doch da ist der Nachgeschmack eines verlorenen Krieges gegen die westliche Zivilisation, gegen die USA. Und das subjektive Gefühl der Überlegenheit muss wiederhergestellt werden.

Gegen die gesamte westliche Zivilisation

Maria Yeshchenko
euronews:

Die Figuren in Ihrem Beststeller “Metro” schwanken permanent zwischen Angst und Mut. Sie sagen, Sie haben sich von der russischen Gesellschaft inspirieren lassen. Wie kann der Mut gewinnen?

Dmitry Glukhovsky:

Man kann nicht sagen, dass Russen Feiglinge sind. Russen sind mutig, eine Art Mut der Verzweiflung. Aber das Problem ist, dass Verzweiflung und Mut nicht immer auf die richtigen Ziele gerichtet sind.

Meine größte Entdeckung in den vergangenen anderthalb Jahren war zu beobachten, dass Russland plötzlich einen Feind brauchte. Einen internen Feind und einen externen Feind. Man hat uns einen Feind angeboten. Zuerst haben wir gegen unseren engsten Nachbarn gekämpft. Jetzt kämpfen wir gegen die gesamte westliche Zivilisation, der wir jetzt misstrauen und vielleicht – wen nötig – auch hassen sollen.