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Qualifikationen für den Arbeitsmarkt von morgen

Wie können wir uns in Europa auf den Arbeitsmarkt von morgen vorbereiten? Wir sprechen mit europäischen Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft. Was ist das Erfolgsrezept?

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Qualifikationen für den Arbeitsmarkt von morgen

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Der Jobmarkt von morgen

Meinung

Der Arbeitsmarkt verändert sich, die Jobs verändern sich und die Angestellten müssen ihre Kompetenzen auffrischen.

Europa altert und es gibt weniger junge Menschen. Das bedeutet, dass weniger Arbeitskräfte eine größere Anzahl an Rentnern unterstützen müssen. Damit das klappt, müssen wir arbeiten und so produktiv wie möglich sein. Wie sieht die Situation also heute und in zehn Jahren aus, wenn die Nachfrage nach Qualifikationen sehr stark von Wachstum, Alter und regionalen Unterschieden beeinflusst werden wird.

Unser Crash-Kurs zum Arbeitsmarkt

Maria, Mark und George sind arbeitslos, wie Millionen andere Europäer. Rund die Hälfte der Arbeitgeber beklagen sich, dass Arbeitslose wie sie nicht die richtige Qualifikationen haben. Millionen leerer Stellen können nicht besetzt werden.

Mark kennt sich wie 40 Prozent der Arbeitskräfte nur wenig mit Informatik aus. George hat gar keine digitalen Kenntnisse. Sie laufen Gefahr arbeitslos zu bleiben, denn spätestens 2020 werden 90 Prozent aller Jobs digitale Fertigkeiten erfordern.

2025 werden die meisten Jobs einen Universitätsabschluss oder ähnliches erfordern. Maria wird Karriere machen, denn sie hat einen Master in Biotechnologie. Mark ist ein ausgebildeter Klempner. Qualifikationen wie diese werden auch sehr gefragt sein. George ist früh von der Schule abgegangen, wie fünf Millionen andere Europäer. 40 Prozent von ihnen sind heute arbeitslos. 2025 drohen sie in die Langzeitarbeitslosigkeit abzurutschen, da es nur sehr wenige Jobs für sie geben wird.

Weiterbildung, der Schlüssel zum Erfolg

Auf dem Höhepunkt der Krise waren 12 Millionen Europäer länger als ein Jahr lang arbeitslos. In dieser Gruppe waren vor allem Männer, viele sehr gut ausgebildet.
Um diese Arbeitslosen wieder in den Jobmarkt zu integrieren, gibt es natürlich viele Projekte, die zum Teil von dem europäischen Sozialfonds und dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung finanziert werden. Fanny Gauret hat jedoch herausgefunden, dass auch Initiativen des privaten Sektos nötig sind, um jene, die vielleicht schon aufgegeben haben, neu zu motivieren.

Der 34-jährige Ronan lebt in Dublin County, in Irland. Er hat einen Juraabschluss und verlor seine erste Anstellung während der Krise. Danach war er zwei Jahre lang arbeitslos:
“Ich wußte damals nicht, an wen ich mich wenden sollte. Ich hatte in einer kleinen Anwaltskanzlei ein wenig Erfahrung gesammelt, aber ich war noch kein fertiger Anwalt. Dann hörte ich von der Innovations Akademie. Der angebotene Kurs gefiel mir, ich habe mich also beworben und Gott sei Dank wurde ich genommen.”

Ronan absolvierte eine sechs Monate langen Kurs. Diese Weiterbildungen werden von Springboard angeboten. Eine staatliche Einrichtung, die in den vergangenen vier Jahren rund 30.000 Menschen ausgebildet hat. Ronan war so in der Lage sein eigenes Unternehmen zu gründen, das einen neuen Sport fördert: Fußgolf. Ronan erzählt: “Ich habe diese Golf-Anlage gefunden und dann ging es nur darum, so schnell wie möglich aufzumachen.”

In Irland ist einer von zehn Menschen arbeitslos. Von Ronans Erfolg profitieren auch andere. Er sagt: “Mittlerweile habe ich fünf Angestellte. Ich verdiene gut und ich hoffe, dass ich in den kommenden Jahren noch mehr Leute anstellen kann.”

Mithilfe seiner neuen Kenntnisse konnte Ronan sich selbstständig machen. Regierungen und Unternehmen müssen jedoch zusammenarbeiten, damit die Arbeitslosen am Ball dran bleiben und langfristig einen Job finden.

Mobilität innerhalb der Firma

Pariser Firmen heuern Berater wie Evelyne Catherineau an, wenn sie vorhaben einen ihrer Manager zu feuern. Evelyns Aufgabe ist es herauszufinden, ob es unter Umständen in der Firma eine andere Stelle für ihn gibt. Falls nicht ist ihre Karriereberatung Teil der Abfindung.

Catherineau erklärt: “Immer mehr Menschen benötigen eine Weiterbildung, um einen Job zu finden, denn der Arbeitsmarkt verändert sich, die Jobs verändern sich und die Angestellten müssen also ihre Kompetenzen auffrischen. Derzeit haben die großen Firmen auch einen Bedarf an Mobilität innerhalb des Unternehmens. Sie wollen ihre Angestellten motivieren in der Firma zu bleiben, statt sie zu entlassen.”

Initiativen wie diese helfen Menschen, die ihren Arbeit verloren haben, einen Job zu finden mit dem sie Karriere machen können. Den jüngsten Studien zufolge gibt es die meisten Stellen in freien Berufen und in der Dienstleistungsbranche; und das vor allem in Deutschland, Großbritannien und Frankreich. In Ländern wie Irland herrscht noch Stellenmangel.

Interview mit der EU-Kommissarin für Beschäftigung

Wir sprechen nun mit Marianne Thyssen, der EU-Kommissarin für Beschäftigung, Soziales und Arbeitskräftemobilität.

Maithreyi, euronews:
Was ist los in Europa? Haben die Menschen nicht genügend Qualifikationen oder hat sich der Arbeitsmarkt komplett verändert?

Marianne Thyssen:
“Beides kommt zusammen. Mehr als zwei Millionen Stellen werden nicht besetzt und das hängt vor allem mit einem Mangel an Qualifikationen bei den Bewerbern zusammen. Aber wir können nicht die gesamte Europäische Union über einen Kamm scheren. Nehmen wir z.B. Toulouse, wo sich viele Luft- und Raumfahrtunternehmen niedergelassen haben. Dort sind andere Qualifikationen als z.B. in London gefragt, wo das Finanzzentrum eine große Rolle spielt. Jetzt kommt es darauf an, dass die Verantwortlichen für das Bildungswesen und die führenden Arbeitgeber zusammenarbeiten und gemeinsam herausfinden, was in der Zukunft benötigt wird. Sie können viel voneinander lernen, wenn sie nicht in ihren getrennten Welten bleiben.”

euronews:
Sie müssen also miteinander reden und in vielen Ländern sind strukturelle Reformen nötig. Was ist machbar?

Marianne Thyssen:
“Wir fordern ein modernes Sozialsystem, das bedeutet, dass man die Menschen schützen und unterstützen muss. Aber man muss sie auch stark machen, damit sie auch als Langzeitarbeitslose in der Lage sind, einen Job zu finden. Wir haben ganz konkrete Maßnahmen ergriffen und den EU-Mitgliedsstaaten Vorschläge gemacht. Als erstes muss man herausfinden, was für Qualifikationen jemand hat. Was ist sein Potential, wo gibt es Probleme? Dann bieten wir ihm eine Art Vertrag an. Ihm wird etwas angeboten und im Gegenzug muss er sich dazu verpflichten, diesen Weg auch einzuschlagen. Es ist sehr wichtig, dass Langzeitarbeitslose in diese Programme einsteigen, bevor sie jegliche Motivation verlieren, wieder zur Schule zu gehen oder eine Weiterbildung zu machen.”

euronews:
“Hat sich die Debatte über die Qualifikationen der jungen Menschen und die vorhandenen Jobs seit der Finanzkrise geändert?”

Marianne Thyssen:
“Wir sehen immer noch die Konsequenzen dieser Krise. Das bedeutet, dass wir nicht genügend Jobs haben und viele Stellen gekürzt worden sind. Wenn wir uns die Situation zwischen den jungen Menschen und den Arbeitgebern ansehen, dann ist es offensichtlich, dass es noch nicht genügend Stellen gibt. Die Anforderungen sind natürlich oft hoch, die von den Arbeitgebern geforderten Qualifikationen. Aber gleichzeitig beobachten wir, dass viele Menschen, wenn sie in ihrem Traumberuf nichts finden, bereit sind, weniger gut bezahlte Jobs anzunehmen. Das ist ein Problem, insbesondere für junge Menschen. Sie hatten oft nicht die Möglichkeit Berufserfahrung zu sammeln. Aus diesem Grund fördern wir verstärkt Ausbildungsprogramme. Denn dadurch bekommen diese jungen Menschen oft ihre erste Arbeitserfahrung. Und die benötigen sie.”

euronews:
“Die Qualität der Ausbildung ist entscheidend, denn ansonsten macht man nur eine Lehre nach der anderen und bekommt nie einen richtigen Job.”

Marianne Thyssen:
“Wir müssen da sehr vorsichtig sein. Wenn junge Menschen nur einen befristeten Vertrag nach dem anderen haben, dann ist das nicht die richtige Lösung. Es wird immer am Anfang einer Karriere so eine prekäre Phase geben, aber es sollte nur eine Etappe sein, bevor man dann einen besseren Job findet. Deswegen sagen wir, seid vorsichtig, wir sollten uns nicht mit so einen Arbeitsmarkt zufrieden geben, wenn er die jungen Menschen zur Prekarität verdammt und nur die älteren in einer guten, gesicherten Situation sind.
Nächstes Jahr werden wir uns in unserer Qualifikationen-Agenda anschauen, welche Qualifikationen in welchen Regionen in Zukunft gebraucht werden. Denn die Lage ist von Region zu Region unterschiedlich. Zudem wollen wir mit dem System dafür sorgen, dass Qualifikationen besser anerkannt werden.”

Fifteen: Eine Chance für junge Arbeitslose

Eine Prise Salz, viel Arbeit, gute Ausbilder und sehr motivierte Schüler, das ist das Rezept von Fifteen. Fifteen Cornwall im Süden Großbritanniens ist nicht nur ein renommiertes Restaurant, sondern auch ein soziales Unternehmen, das jedes Jahr junge Arbeitslose im Alter zwischen 16 und 24 zu Köchen ausbildet.

Der Leiter des Ausbildungsprogramms Karl Jones erzählt: “Während meiner Zeit hier haben mehr als 100 Lehrlinge an unserem Programm teilgenommen. 80 Prozent von ihnen arbeiten immer noch als Koch. Sogar jene, die unsere Ausbildung abgebrochen haben, arbeiten oft in Restaurants oder Hotels.”

Die Jugendarbeitslosigkeit in der EU ist doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. 11 Prozent dieser 18 bis 24-Jährigen sind frühe Schulabgänger. Europa fördert Ausbildungen und Lehrlingsprogramme, damit diese jungen Menschen die Anforderungen des Arbeitsmarktes erfüllen und eine feste Anstellung finden.

Das Rezept geht auf Jamie Oliver zurück, den britischen Fernsehkoch. Die EU würde dieses erfolgreiche Ausbildungsprogramm gerne auch in anderen europäischen Ländern sehen.

Das Cornwall Fifteen wurde mit finanziellen Hilfen aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gegründet. Seit 2006 hat es rund 2,5 Millionen Euro bekommen sowie nationale Förderung.

Hinzukommt noch das Jobgarantie-Programm. Es wurde ins Leben gerufen, um jungen Menschen zu helfen, die in Regionen leben, in denen die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch ist.

Jack hat als Lehrling bei Fifteen angefangen. Mittlerweile ist er Ausbilder: “Für jemanden wie mich ist eine Ausbildung viel besser. Ich bin schulisch nicht sehr begabt. Ich war an der Universität, aber das lag mir nicht. Das Ausbildungsprogramm war für mich eine riesige Chance, denn so konnte ich einen Karrieresprung machen.”

Nicht nur die Auszubildenden profitieren von Fifteen. Das Restaurant kurbelt auch die lokale Wirtschaft an, da sie jedes Jahr für mehr als eine Million Euro Produkte aus der Region bezieht.