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"Hochöfen sind Individuen, da gibt es keine Zwillinge" - Fotografin Hilla Becher gestorben

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"Hochöfen sind Individuen, da gibt es keine Zwillinge" - Fotografin Hilla Becher gestorben

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Ist ein Hochofen schön? Schornsteine, Gasrohre, Laderampen und Förderbänder? Ja, sagten die Fotografen Bernd und Hilla Becher, und gingen im VW-Bus mit Plattenkamera auf Abenteuerreise, durch’s Siegerland, ins Ruhrgebiet, die Beneluxstaaten. Jetzt ist Hilla Becher mit 81 Jahren gestorben, acht Jahre nach ihrem kongenialen Arbeits- und Lebenspartner.

Meinung

Was wir abwarten wollen, ist ein schön durchgezeichneter Hochofen und ein etwas stärker beleuchteter Hintergrund, so dass sich der Hochofen immer noch dunkel gegen hell trennt


Hilla Becher, Dezember 2013 – CC/Elke Wetzig

„Es waren diese Fotografien, die unsere Vorstellung von Industriekultur prägten,” sagte der ehemalige Ministerpräsident des Landes NRW, Jürgen Rüttgers. “Wer ein Verständnis von Nordrhein-Westfalen und ein Verständnis von Moderne und Industrialisierung haben will, der muss die Bilder kennen.“


Bernd Becher hatte angefangen, auf den Auslöser zu drücken, als die Eisenerzgrube Eisenhardter Tiefbau Ende der Fünfziger Jahre stillgelegt und abgerissen wurde.


2014-08-10 München, Pinakothek der Moderne 152 Bernd und Hilla Becher, Hochöfenköpfe. CC/Allie_Caulfield

Er begeisterte Hilla, die er an der Düsseldorfer Kunstakademie traf – und fortan zeichneten sie gemeinsam als Autoren für ihre Aufnahmen – wer schließlich abdrückte, war unerheblich. Industriebauten – Hochöfen, Wasser-, Förder- und Kühltürme, Silos und Fabrikhallen – waren seit den 1960er Jahren ihre Welt. Das Paar verstand sich als Archäologen der Industriearchitektur – bedroht, wenn sie keinen Profit mehr bringt.


Daraus wurde die «Düsseldorfer Fotoschule». Mit ihrer sachlich-kühlen Schwarz-Weiß-Fotografie in der Tradition der dokumentarischen Objektivität des Amerikaners Walker Evans und des Deutschen August Sander dokumentierten sie eine untergehende Industrie und gingen in die moderne Kunstgeschichte ein. Tausende von Fotoarbeiten entstanden, die als Negative archiviert wurden. Für ihre wegweisendes fotokünstlerisches Lebenswerk wurden Bernd und Hilla Becher vielfach ausgezeichnet – vom Goldenen Löwen der Biennale in Venedig bis zum Goslarer Kaiserring.

Nicht zuletzt dank der Becher-Bilder sind einige der Industrie-Urgesteine em Abriss entkommen. Die Völklinger Hütte, 1879 in Betrieb genommen, wurde 1986 stillgelegt. Acht Jahre später ernannte die UNESCO das Hochofenwerk als Denkmal der Industriegeschichte zum Weltkulturerbe. Das Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich gehört seit Anfang der 90er-Jahre zum Freizeitpark “Landschaftspark Duisburg-Nord”. Zum Industriedenkmal ernannt, steht die ehemalige Hochofenanlage seit 2004 unter Denkmalschutz.


«Wir haben diese Arbeit aus schierer Lust an Bildern begonnen», sagte Hilla Becher im Jahr 2005. Und weitergemacht mit dem nötigen langen Atem: “Beide warten wir sehr lange, es gibt entweder grelle Sonne oder ganz schwarze Wolken. Was wir abwarten wollen, ist ein schön durchgezeichneter Hochofen und ein etwas stärker beleuchteter Hintergrund, so dass sich der Hochofen immer noch dunkel gegen hell trennt.” Und: “Die Hochöfen waren chaotisch mit ihrem Dschungel aus Röhren. Sie hatten mit herkömmlicher Architektur nichts zu tun. Dennoch waren sie monumental und wucherten in eigenen Formen. Hochöfen sind Individuen, da gibt es keine Zwillinge, jeder ist sein eigener Typus und sie lassen sich mit nichts assoziieren.”