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Nahostkonflikt: Gewalt ohne Ende

Kein Ende der Gewalt in Israel: Bei einer Serie palästinensischer Schuss- und Messerattacken sind seit Monatsbeginn sieben Israelis getötet worden

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Nahostkonflikt: Gewalt ohne Ende

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Kein Ende der Gewalt in Israel: Bei einer Serie palästinensischer Schuss- und Messerattacken sind seit Monatsbeginn sieben Israelis getötet worden. Mehr als 30 Palästinenser wurden getötet, die Hälfte davon Attentäter, die im Zuge ihrer Anschläge erschossen wurden. Der Streit um den Tempelberg in Jerusalem gilt als einer der Auslöser für die neue Terrorwelle. Die Führungen beider Seiten beschuldigen sich gegenseitig des Terrorismus.

Meinung

Wenn es uns nicht gelingt, die Welle der Gewalt rasch einzudämmen, kann sie sich zu einer echten Intifada entwickeln.

Die Polizei riegelte arabische Wohngebiete im Ostteil Jerusalems ab. Außerdem postierte die israelische Armee Hunderte Soldaten in den Großstädten des Landes, um neue Anschläge zu verhindern. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas rief die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen auf, um einen religiösen Krieg zu verhindern.

Über die derzeitige Situation in Israel sprach euronews mit dem ehemaligen israelischen Botschafter in Frankreich Elie Barnavi.

euronews-Reporter Abdel Azim in Lyon:
“Herr Elie Barnavi, als ehemaliger Diplomat des Staates Israel, können Sie uns erklären, was derzeit in Jerusalem, in Bethlehem, im Westjordanland und in Gaza passiert?”

Elie Barnavi in Tel Aviv:
“Wir erleben ein plötzliches Auflodern spontaner Gewalt, der Anfang einer Intifada, die nicht den vorhergehenden Aufständen gleicht. Denn es sind nur junge Menschen beteiligt, junge Menschen, die durch soziale Netzwerke mobilisiert werden. Die palästinensische Führung hat anscheinend keine Kontrolle über sie. Einer der Gründe ist anscheinend das Gefühl, dass Israel einen immer größeren Anspruch auf den Tempelberg erhebt. Aber die tieferen Gründe liegen in der Besatzungssituation, die wie es scheint, keine Aussicht auf eine diplomatische Lösung hat. Eine Ansammlung von Frustration und Hass.”

euronews:
“Sie sprechen von der Al-Aksa-Moschee. Ist die Moschee aufgrund der Bestrebungen der israelischen extremen Rechten in Gefahr?”

Elie Barnavi:
“Es gibt Elemente der extremen Rechten, einschließlich in der Regierung, die gerne den Status quo verändern würden. Was nicht geschehen wird, das hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mehrmals deutlich gemacht. Es gibt keine Chance, den Status quo der Al-Aksa-Moschee zu ändern. Aber Al-Aksa ist ein Reizwort, ein überaus symbolischer Ort. Und alle, die eine Identifikationsfläche suchen, ein Symbol, denen kommt Al-Aksa sehr gelegen.

euronews:
“Messer und soziale Netzwerke – hat die dritte Intifada bereits angefangen?

Elie Barnavi:
“Noch sind wir nicht so weit, aber am Ende sieht es danach aus. Wenn es uns nicht gelingt, die Welle der Gewalt rasch einzudämmen, kann sie sich zu einer echten Intifada entwickeln. Aber es ist schon eine außergewöhnliche Welle der Gewalt, in der Öffentlichkeit breitet sich Hysterie aus. Die Menschen haben Angst, auf die Straße zu gehen und die Regierung weiß augenscheinlich nicht genau, was zu tun ist. Bei den vorangegangenen Intifada-Aufständen wusste man, mit wem man es zu tun hatte, wusste man, gegen wen es ging. Heute weiß man das nicht, es sind freie Elemente, die niemand wirklich lenkt. Es ist also schwierig, etwas vorauszusehen bzw. niederzuschlagen.

euronews:
“Können die israelische Regierung und die Palästinensische Autonomiebehörde trotz der Abriegelung Ostjerusalems etwas tun, um die Verhandlungen wieder aufzunehmen?”

Elie Barnavi:
“Es gibt keine Abriegelung von Ostjerusalem. Das ist ein Slogan, das auch. Man will der Öffentlichkeit den Eindruck vermitteln, dass etwas getan wird. Aber in Wirklichkeit gibt es keine Abriegelung. Man kann die Stadt nicht abriegeln, vor allem, weil es die Ideologie eines einheitlichen Jerusalems gibt. Wie will man eine Stadt vereinen, wenn man bestimmte Viertel abriegelt?”

euronews:
“Wie erlebt die israelische Bevölkerung die derzeitige Situation?”

Elie Barnavi:
“Sie lebt in der Angst vor dem nächsten Angriff. Aber es mag zu früh sein, oder niemand macht seine Arbeit, außer einem Teil der Presse, der anfängt, die tiefer liegenden Gründe für dieses Aufflammen der Gewalt zu verstehen und was man tun kann, um es zu beenden.