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Werden im Gefängnis Dschihadisten "gemacht"?

Die meisten von ihnen sind jung, manche stammen aus zerrütteten Verhältnissen, andere aus gutem Elternhaus. Gemeinsam haben sie, dass sie ihre Heimat

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Werden im Gefängnis Dschihadisten "gemacht"?

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Die meisten von ihnen sind jung, manche stammen aus zerrütteten Verhältnissen, andere aus gutem Elternhaus. Gemeinsam haben sie, dass sie ihre Heimat verlassen, um für die Miliz Islamischer Staat oder andere radikale Gruppierungen in den Krieg zu ziehen.

Anfang Oktober wurden in Spanien mehrere Personen verhaftet, die potentielle Kämpfer angeworben haben sollen. Nach Angaben der spanischen Behörden gehören die Verdächtigen zu einem Netzwerk, das junge Menschen systematisch nach Syrien und in den Irak schickt.

Die Islamisten versuchen Jugendliche unter anderem mit Propagandavideos anzulocken und für ihre Sache zu gewinnen.

Interpol schätzt, dass bislang 3.000 bis 5.000 Europäer in den Krieg im Nahen Osten gezogen sind. Den Daten zufolge sind 65 Prozent von ihnen jünger als 25 Jahre alt, 40 Prozent sind Frauen.

Fast die Hälfte der europäischen Kämpfer im Nahen Osten kommt aus Frankreich. Die Zahl der französischen Dschihadisten – mindestens 1.500 – ist laut Interpol im Vergleich zu vergangenem Jahr um 84 Prozent gestiegen.

Die Regierung in Paris hat deshalb mit Hilfe von Familien, deren Kinder in den Krieg gezogen sind, eine Initiative ins Leben gerufen, um auf die Radikalisierung Jugendlicher aufmerksam zu machen. Das schafft ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit, verhindern kann eine solche Kampagne den Schritt nach Syrien unmittelbar jedoch nicht.

Die Gründe, die zu einer Radikalisierung führen, sind vielfältig und nicht immer klar zu identifizieren. Mal ist es die fehlende Zukunftsaussicht, mal eine labile Psyche, mal eine romantische Verklärung des Krieges und des Islamismus. Und manchmal ist es alles auf einmal. Besonders im Blick haben die Behörden junge Häftlinge, denn die Radikalisierung in Strafanstalten gibt Experten Anlass zur Sorge. Der islamistische Attentäter beispielsweise, der im vergangenen Jahr in Brüssel zwei israelische Touristen und eine Französin tötete, radikalisierte sich im Gefängnis. Das Thema stand im Mittelpunkt einer Konferenz in Brüssel.

“Für etwa 15 Prozent der Gefängnisinsassen besteht die Gefahr der Radikalisierung”, so die französische Justizministerin Christiane Taubira. “Man sollte diese Zahlen nicht ignorieren. Was sich in den Gefängnissen zuträgt, darf nicht heruntergespielt werden. Darum setzen wir ein Programm ein, mit dessen Hilfe die Radikalisierung identifiziert wird und die Betroffenen von der Ideologie befreit werden können.”

Guillaume Denoix de Saint-Marc, der in Frankreich eine regierungsunabhängige Organisation leitet, in der sich Opfer von Terroranschlägen zusammengeschlossen haben, meint: “Man versucht, Veränderungen in dem Verhalten der Insassen auszumachen. Man beobachtet, in welcher Art und Weise er sein Verhalten anderen gegenüber, der Außenwelt, seiner Familie, seinem Arzt, einer weiblichen Person oder den Mithäftlingen gegenüber verändert. Dabei wird auf Verhaltensweisen geachtet, die auf eine Selbstisolierung oder darauf hinweisen, dass jemand seine wahren Gedanken verbergen will.”

Justizkommissarin Vera Jourova, die ebenfalls an der Konferenz teilnahm, berichtet von den Initiativen der Briten: “Wir wissen, dass in Großbritannien mit jedem Einzelnen individuell gearbeitet wird, Häftlinge sowie Personen, die wieder auf freiem Fuß sind, werden gefragt, was die Radikalisierung ausgelöst hat und was sie von der Gesellschaft erwarten, um wieder dahin zurückkehren zu können.”

Eindeutige Antworten darauf, wie sich die Radikalisierung vermeiden ließe, gibt es nicht. Viele Fragen im Zusammenhang mit der optimalen Vorgehensweise sind offen.