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Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland: Neustart mit Hindernissen

Alle Wege führen nach Bonn. Zumindest für Tshilenge. Er lebt nun hier. Von Afrika nach Deutschland, vom Kongo in die Konditorei Gruhn: ein weiter

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Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland: Neustart mit Hindernissen

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Alle Wege führen nach Bonn. Zumindest für Tshilenge. Er lebt nun hier. Von Afrika nach Deutschland, vom Kongo in die Konditorei Gruhn: ein weiter Weg. Als Tshilenge flüchtete, war er noch ein Kind. 30.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen allein dieses Jahr nach Deutschland. Eine Herausforderung.

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"Ich sehe uns dauerhaft, auch als Gesellschaft, nicht überfordert. Wir können das leisten."

Mittlerweile ist Tshilenge erwachsen. Er hat Glück gehabt, bekam Aufenthaltserlaubnis und Ausbildungsplatz. Andere Flüchtlinge gehen leer aus: nach zehn Jahren in Deutschland haben nur 60 Prozent einen Job. Auch Tshilenges Anfänge in Bonn waren schwierig. Bäckermeister Stefan Krüger ermutigt ihn für die bevorstehenden Prüfungen.

“Die Sprache ist wie ein Schlüssel”, sagt Tshilenge, nachdem er das Blech mit dem Kastenweißbrot in den Ofen geschoben hat. “Man braucht diesen Schlüssel, damit man die Tür aufmachen kann zur deutschen Gesellschaft. Anfangs dachte ich: Oh, ich schaffe das nicht! Ich habe mir gesagt: Gott, wo bin ich? Ich war fast am Weinen, nicht richtig mit Tränen, das nicht, aber innerlich habe ich schon geweint. Ich habe mich gefragt: Eh, was für eine Entscheidung habe ich da nur getroffen? Das war schwer, der Anfang hier. – Meine Zukunft? Momentan bin ich am Überlegen. Mein Wunsch ist, dass ich eines Tages meine eigene Bäckerei haben werde. Aber was schwer ist, das sind die Prüfungen: Was die Gesellenprüfung betrifft, die ich in einigen Monaten ablegen werde, da bin ich optimistisch. Doch später dann die Bäckermeisterprüfung zu machen, nun ja, das wird richtig schwierig werden”, meint Tshilenge. Seine Muttersprache ist Französisch. “Warum nicht eines Tages eine Bäckerei auf der anderen Seite des Rheins eröffnen, in Frankreich?”, überlegt er laut. Deutsches Brot für Franzosen, gebacken von Thilenge aus der Demokratischen Republik Kongo, interessantes Geschäftsmodell, doch entschieden ist derzeit noch nichts. Denn vor dem Hürdenlauf zum Bäckermeister steht erst noch die Gesellenprüfung.

Verabredung im Jugendamt der Stadt Bonn. Amtsleiter Udo Stein begrüßt einige der jüngsten Gesetzesänderungen: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge können künftig besser verteilt werden. Das bringt Entlastung für Städte an den Verkehrsknotenpunkten. “Wir müssen ja auch sehen, dass wir von der Entwicklung, von der Masse, der schieren Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge überrollt und überrascht sind.”, meint Jugendamtsleiter Stein. “Wir haben große Schwierigkeiten inzwischen, Wohnraum zu finden. Wir haben auch eigene Schwierigkeiten damit, Personal zur Verfügung zu stellen, das sich um die jungen Menschen kümmert”, so Stein.

Derzeit bereiten er und seine Mitarbeiter eine Campagne vor, um geeignete Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu finden. Wer bereit ist und sich für geeignet hält, kann sich beim Jugendamt Bonn melden.

Eine Parkwiese im Zentrum von Bonn. Ein Dutzend Jungs spielen Fußball. Diese Jugendlichen reisten Tausende Kilometer allein ohne Eltern. Sie kommen aus Afghanistan und Syrien. Jetzt entdecken sie Bonn. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stehen unter Schutz. Gesetzliche Inobhutnahme nennt sich das. Wochenlang bemühte sich euronews deutschlandweit um eine Drehgenehmigung. Nur Bonn gab grünes Licht. Das Jugendamt diktiert die Spielregeln: Nur die Helfer dürfen mit Gesicht gezeigt werden. Alle Namen wurden geändert.

“Ich bin alleine aus Afghanistan hierhergekommen, denn ich bin jung, 17, ich kann mich gut alleine durchschlagen, kann was erreichen. Wir leben auf dem Land, meine Eltern hatten nicht genug Geld, zusammen mit der ganzen Familie den langen Weg zurückzulegen. Deswegen haben sie mich geschickt”, erzählt der 17-jährige Habibullah.

Sozialarbeiterin Yasemin aus der Türkei lebt mit den minderjährigen Jugendlichen. Ein 24-Stunden-Job. Sie regelt Papierkram und Behördengänge. Die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte für Flüchtlinge fände sie klasse:

“In unserer Wohngruppe leben Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18”, erläutert Yasemin Mentes. “Wir Sozialarbeiter übernehmen die Elternrolle. Selbst der Weg zum Arzt ist ein Hindernislauf: Die haben ja weder Krankenversicherung noch Gesundheitskarte. Wie soll man ohne all das zum Arzt gehen? Manche haben ja noch nicht einmal Ausweispapiere.” – Aber sie berichtet auch Bedenkliches: “Manche Flüchtlinge staunen über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die kennen das Konzept einfach nicht.”

Diese Treppe führt zur Notunterkunft für obdachlose Bonner Alkoholiker und Drogenabhängige. Die Evangelische Jugendhilfe Godesheim baute die Einrichtung am Bahnhof um. Jetzt leben hier unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Mourad und Taim zeigen uns die Zimmer – auch ein arabisch-deutsches Anfängerlexikon fehlt nicht. Mourads Eltern flohen von Syrien nach Jordanien. Ihren 16-jährigen Sohn schickten sie weiter nach Deutschland.

“Es ist schon ein trauriges Gefühl, von der eigenen Familie getrennt zu sein. Andererseits bin ich optimistisch: ich weiß, dass ich nun eine Chance habe, etwas aus mir zu machen, meine Zukunft in die Hand zu nehmen. Ich will hier studieren. Und hier bleiben. Für immer. Und ich will meine Familie nach Deutschland nachholen. Das ist mein größter Wunsch”, sagt Mourad.

Der Psychologe und der Leiter der Notunterkunft beraten sich. Die in Bonn elternlosen Flüchtlingskinder brauchen intensive Zuwendung. Doch die Gruppe wird größer – die Betreuung jedes Einzelnen dadurch schwieriger. Hinzu kommt das Sprachproblem, auch mehrsprachige Psychologen stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Und Beratungsgespräche mit dazwischengeschaltetem Übersetzer sind nicht gerade eine Ideallösung.

Theologe und gelernter Sozialarbeiter Klaus-Jürgen Graf gibt sich zuversichtlich, ohne die sich verschärfenden Probleme zu bemänteln:
“Wir sind im Moment überlastet, das ist gar keine Frage: Viele unserer Mitarbeiter arbeiten an ihrer Belastungsgrenze. Ich würde das aber von Überforderung durchaus noch einmal unterscheiden wollen. Ich sehe uns dauerhaft, auch als Gesellschaft, nicht überfordert. Wir können das leisten”, davon ist der Leiter der Notunterkunft Klaus-Jürgen Graf überzeugt. Einen kurzen Moment glaubt man, Angela Merkel zuzuhören. Ist das nun Zweckoptimismus oder Beschreibung der Realität?

Hasan hat kurdische Wurzeln. Soeben hat er sein Psychologiestudium abgeschlossen. Nicht alle Kinder kommen aus Kriegsgebieten, betont er. Doch diejenigen, die Blut und Bomben erlebten, sind schwer traumatisiert.

“Die haben Ängste, die weinen manchmal, das haben wir oft beobachtet, in ihren Zimmern. Manche schlafen mit Licht, in Dunkelheit können die gar nicht schlafen. Deren Welt ist zusammengebrochen. Das sind oft zerrüttete Familien: Die Mutter ist noch als Flüchtling in der Türkei, der Vater im Krieg oder verstorben, sie selber hier in Deutschland. Deren Welt existiert einfach nicht mehr”, so der Psychologe. Wenn man ihn fragt, ob ihn in den ersten Monaten seiner Arbeit hier in der evangelischen Jugendhilfe etwas überrascht hat, überlegt er kurz und bejaht: der unglaubliche Optimismus der meisten Jugendlichen, der beeindrucke ihn.

Minderjährige haben einen Anspruch auf Familienzusammenführung. Viele Eltern schicken deshalb ihre Teenager-Söhne als “Türöffner” nach Deutschland.

Taim kommt aus Aleppo. Sein Vater ist tot, seine Mutter will er schnellstmöglich nachholen aus Syrien. Er erzählt:

“Als ich in Deutschland ankam, war ich richtig froh. Hier ist alles ruhig und sicher. Die Bomben und die ganze gefährliche Situation in unserer Heimatstadt sind auf einmal weit weg. Wir lebten dort ohne Strom, ohne Wasser. Viele meiner Verwandten starben. Doch jetzt gibt es einen Neuanfang. Ich kann was aus meinem Leben machen.”

Doch die Probleme wachsen: Es fehlt an Deutschlehrern, Pflegeeltern und Betreuern. Das Pilotprojekt “Stadt grenzenlos” macht aus der Not eine Tugend: Taim, Mourad, Habibullah und Ahmad entwickeln mehrsprachige Smartphone-Apps mit Basiswissen – nicht nur über die Stadt Bonn, sondern auch über Rechte und Pflichten, Gesundheitssystem und Aufenthaltsrecht. Heute geht es um Vormundschaft. Ahmad spricht die Sprachfassung auf Dari ins Mikrofon. Er ist eben aus Afghanistan angekommen, einige seiner Reisegefährten starben.

“In Afghanistan ist viel zerstört. Hier in Deutschland möchte ich studieren, Bauingenieur werden, dann könnte ich eines Tages vieles neu aufbauen, neu gestalten in meinem Land, später einmal. Vielleicht werde ich Wiederaufbauhelfer, wer weiß”, so Ahmad.

Auch Faisal ist aus Afghanistan. Als er 15 war, vertraute sein Vater ihn einem Mann an, der ihn zu einem unbekannten Ziel brachte. Deutschland. Unlängst wurde Faisal 18. Er hilft Neuankömmlingen, sich in Bonn zurechtzufinden. Heute weiß er: Ein Paradies ist Deutschland nicht. Bislang hangelte sich Faisal von einer dreimonatigen Duldung zur nächsten. Ein Hindernislauf.

“Ich bin fast drei Jahre hier, habe schon zweimal einen Asylantrag gestellt – aber einmal wurde er bereits abgelehnt. Ich will auch einen Ausbildungsvertrag anfangen oder unterschreiben, aber ich habe mich beworben und immer eine Absage bekommen, denn ich hatte keinen gesicherten Aufenthaltstitel. Viele Unternehmer verlangen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung”, beschreibt der junge Mann seine schwierige Situation.

Stolz zeigt Faisal sein Smartphone-Foto mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Bonner Verein ““Ausbildung statt Abschiebung”“:http://asa-bonn.org/ half: Jetzt beginnt Faisal ein Praktikum in einer Autowerkstatt. Doch gerade aus der deutschen Bundeshauptstadt Berlin hört man seit einigen Tagen auch gegenteilige Signale: volljährige Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, sollen konsequenter abgeschoben werden. Die Zukunft vieler Flüchtlinge ist unklar: Viele könnten bald zurückgeschickt werden – auch nach Afghanistan.

Hans-Jürgen Graf zur Flüchtlingskrise: ‘‘Wir schaffen das’‘

Immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen derzeit nach Deutschland. Euronews sprach mit dem Leiter der Evangelischen Jugendhilfe in Bonn, Hans-Jürgen Graf. Der Theologe und gelernte Sozialarbeiter gibt sich optimistisch, die deutsche Gesellschaft sei nicht überfordert: “Wir schaffen das.” Das komplette Interview (auf Deutsch) können Sie hier hören.

Udo Stein: ‘‘Wohnraum für unbegleitete Minderjährige wird knapp’‘

In Bonn ist Udo Stein zuständig für Unterbringung, Betreuung und die gesetzlich vorgeschriebene Inobhutnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Der Leiter des Jugendamtes erklärt im euronews-Interview Herausforderungen und zunehmende Schwierigkeiten des Verwaltungsalltags: es mangelt an Wohnraum für Teenager-Flüchtlinge, an Fachpersonal, teilweise auch an Geld. Das komplette Interview (auf Deutsch) können Sie hier hören.

Hasan Akdogan: ‘‘Flüchtlingskinder schlafen mit Licht’‘

Der Psychologe Hasan Akdogan betreut in Bonn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. “Einige weinen auf ihren Zimmern”, berichtet er. Die traumatischen Erlebnisse aus den Kriegs- und Krisengebieten zu verarbeiten ist ebenso schwierig wie die Erfahrungen der oft lebensgefährlichen Flucht. Das vollständige euronews-Interview mit dem kurdischstämmigen Psychologen können Sie hier (auf Deutsch) hören.

Yasemin Mentes hilft unbegleiteten jungen Flüchtlingen

Die Sozialarbeiterin Yasemin Mentes lebt in einer Bonner Wohngruppe mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan. Manche der Jugendlichen seien mit dem Konzept der Gleichberechtigung von Mann und Frau noch unvertraut, berichtet sie. Im euronews-Interview erzählt Mentes (auf Englisch) von den Herausforderungen des Flüchtlingsalltags.

Reporter - underage refugees in Germany