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Doping Skandal - Interview Professor Barrie Houlihan

Ein ganzes System des Betruges scheinen die Ermittler der Welt-Anti-Doping-Organisation WADA aufgedeckt zu haben, als sie russische Leichtathleten

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Doping Skandal - Interview Professor Barrie Houlihan

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Ein ganzes System des Betruges scheinen die Ermittler der Welt-Anti-Doping-Organisation WADA aufgedeckt zu haben, als sie russische Leichtathleten näher unter die Lupe nahmen. Ein System, das bis in staatliche Sicherheitsbehörden hineinreichen soll. Die Beteiligten, so die Vorwürfe, hätten Dopingtestergebnisse vertuscht, Proben zerstört und Laborpersonal unter Druck gesetzt.

“Die Vorwürfe sind schockierend; herauszufinden, dass der Mann, der mich in London geschlagen hat, wahrscheinlich schon 2011 hätte gesperrt werden sollen”, kommentierte
der australische Leichtathlet Jared Tallent den Fall. Der Russe Sergei Kirdyapkin hatte bei den Olympischen Spielen 2012 die Goldmedaille im Gehen über 50 Kilometer erhalten, Tallent gelang nur ein zweiter Platz. Kirdyapkin ist einer jener Athleten, der jetzt wegen Doping gesperrt wurde. Tallent fordert nun die ihm rechtmäßig zustehende Goldmedaille ein.

Auch unschuldige russische Sportler betroffen

Der Skandal könnte aber auch russische Sportler, die nicht wegen Doping unter Verdacht stehen, ihre sportliche Zukunft kosten. Der Leichtathletikverband IAAF überlegt, Russlands Verbandsmitgliedschaft zu suspendieren und russische Leichtathleten damit von den Olympischen Sommerspielen 2016 komplett auszuschließen.

Auslöser für die Ermittlungen war eine Dokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland, die das russische Doping-System nach den Olympischen Spielen im russischen Sotschi näher beleuchtet hatte.

Barrie Houlihan, Professor für Sportpolitik an der Universität Loughborough, legt der Umfang der Vorwürfe nahe, dass man schon früher etwas hätte wissen müssen?

“Ich denke sie haben recht, aber das Problem war wohl Beweise zu sammeln um den Verdacht zu bestätigen. Ich bin sicher, es gab bereits seit geraumer Zeit Vermutungen über den russischen Leichtathletikverband. Auf der Website des Internationalen Leichtathletik Werltverbandes waren die suspendierten russischen Athleten immer in der Mehrzahl, vor anderen Nationen.

Die Probleme waren bekannt, aber wie ich schon sagte, es war schwierig Beweise zu sammeln. Das ist eine Herausforderung in einem Land in dem Sie ein Visum benötigen, um Zutritt zu erlangen. Die Arbeit der Dopingkontrolleure ist dort schwierig. Es ist eigentlich unmöglich die Athleten zu testen, ohne das sie vorher gewarnt wurden”.

Natürlich hat die Auseinandersetzung mit dem Thema gerade erst begonnen. Der Sprecher des Kremels sagte, dass die Beweise und die Anschuldigungen über die wir sprechen haltlos sind. Aber was wir hier vergessen, ist die Rolle der Athleten sowohl derjenigen die gedopt haben, als auch derjenigen, die sauber sind.

“Ich denke, dass die Frage im Hinblick auf die russischen Athleten ist, ob sie überhaupt die Möglichkeit hatten, sich dem Doping Programm zu entziehen. Wir wissen aus der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, dass die Athleten kaum eine Wahl hatten und sich dem Doping nicht verweigern konnten”.

Lassen wir die Politik kurz beiseite. Dieser Skandal ist sicher der Beweis dafür, dass der Sport völlig unfähig ist, selbst Aufklärungsarbeit zu leisten. Sind Reformen überhaupt möglich?

“Sie haben völlig recht. Die internationalen Verbände sind eigenartige Organisationen. Nirgendwo sonst wird es zugelassen, das solch ein Monopol besteht. Wenn Sie Fußball spielen wollen, wenn sie Leichtathletik betreiben wollen, müssen sie sich mit den einschlägigen internationalen Verbänden auseiandersetzen. Aber wem gegenüber sind sie rechenschaftspflichtig? Gegenüber ihrem Staat? Das ist eine Fiktion. Sie sind unkontrolierbar und der beste
Nährboden für Korruption”.

Auch die Athleten sind gefragt. Sie müssen unser Vertrauen zurückgewinnen.

“Wenn wir jetzt nach Lösungen suchen, dann werden diese auch von den Sposoren kommen, die sich jetzt zurückziehen. Was am Sport und speziell der Leichtathletik bisher so anziehend erschien, war die Assoziation mit Fairness und sauberem Wettkampf.

Wenn der Sport als Marke erhalten bleiben soll, müssen sich auch die Sponsoren und die Rechteinhaber Gedanken darüber machen, wie man in Anti-Doping investiert. Sie werden erkennen, dass das gut für das Geschäft ist.”

Professor Houlihan, vielen Dank für ihren Besuch.