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Können radikale Jugendliche als Opfer gelten? - Ein Gespräch mit dem Brüsseler Imam Mohammed Galaye Ndiaye -

In Frankreich und in Belgien fahnden die Sicherheitskräfte weiterhin nach Terrorverdächtigen. In Brüssel nahm die Polizei jüngsten Meldungen zufolge

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Können radikale Jugendliche als Opfer gelten? - Ein Gespräch mit dem Brüsseler Imam Mohammed Galaye Ndiaye -

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In Frankreich und in Belgien fahnden die Sicherheitskräfte weiterhin nach Terrorverdächtigen. In Brüssel nahm die Polizei jüngsten Meldungen zufolge neun Personen fest, nicht nur in dem als Hochburg der Radikalen geltenden Molenbeek sondern auch in den Stadtteilen Uccle, Jette und Laeken.

“Unsere Religion fordert niemanden dazu auf, Unschuldige zu töten”, sagt eine Passantin. “Das ist nicht gut, wir sind dagegen. Wir respektieren dieses Land, wie lieben es. Wir sind Einwanderer, die hier in Frieden leben wollen. Das ist alles, was wir wollen.”

Doch die Ereignisse der vergangenen Tage haben Spuren hinterlassen. Viele Bewohner Molenbeeks befürchten, dass Vorurteile zugenommen haben, wie die Leiterin einer medizinischen Betreuungsstelle sagt: “Die Angst ist insbesondere bei den aus Nordafrika eingewanderten Familien groß, dass auch die Kinder als Maghrebiner gelten werden. Sie denken, dass man alle in den gleichen Sack stecken wird. Die Menschen fühlen, dass sich die Sicht auf sie verändert hat, dass die Medien die Wahrnehmung verändert haben.”

Drei der Attentäter oder Drahtzieher der Anschläge von Paris stammen aus Belgien. Viele fragen sich, ob das Land für den Kampf gegen den Terrorismus gut vorbereitet sei.

Über die Anschläge von Paris und die Radikalisierung moslemischer Jugendlicher sprach unser Korrespondent Charles Salamé in Brüssel mit dem Imam Mohammed Galaye Ndiaye.

euronews:
“Herr Mohammed Galaye Ndiaye, Sie sind Imam der Großen Moschee in Brüssel. Was fühlen Sie nach den Anschlägen von Paris und was denken Sie darüber?”

Mohammed Galaye Ndiaye:
“Wir sind entsetzt darüber und wir empfinden doppelten Schmerz, für das französische Volk und für ganz Frankreich, dem wir unser aufrichtiges Beileid ausprechen möchten. Auch für den Islam empfinden wir Schmerz, denn er befindet sich heute auf der Anklagebank. Jedesmal wenn Anschläge dieser Art stattfinden, werden wir danach gefragt, welches unsere Gefühle im Zusammenhang mit den Ereignissen sind. Wir verurteilen sie selbstverständlich. Doch es stellt sich die Frage, was wirklich unternommen wird, um das zu beseitigen, was als Terrorismus bezeichnet wird, denn er ist heute der Feind aller menschlichen Wesen.”

euronews:
“Was unternehmen Sie konkret gegen die Welle der Radikalisierung?”

Mohammed Galaye Ndiaye:
“Heute zeigt man mit dem Finger auf den Brüsseler Stadtteil Molenbeek, doch wenn man die Fakten analysiert, wird deutlich, dass die radikalen Jugendlichen zugleich Opfer sind. Warum? Weil Jugendliche ohne Ausbildung, die zu Kriminellen werden, die ihre Arbeit verlieren oder gar keine Arbeit haben, deren Eltern geschieden sind, aus Problemvierteln kommen, aus den Vororten französischer Städte. Diese jungen Leute befinden sich in einer katastrophalen Lage. Jene, die Menschen für Anschläge anwerben, machen dort leichte Beute.”

euronews:
“Schulabbrecher, Armut gibt es überall, in allen Kulturen und Religionen. Warum findet die Radikalisierung vor dem Hintergrund des Islams statt?”

Mohammed Galay Ndiaye:
“Es geschieht nicht vor dem Hintergrund des Islams, vielmehr sind es die Menschen, die im Namen des Islams agieren und die von politischen oder anderen Zielen geleitet sind, vom Hass gegen den Westen. Es ist notwendig darauf hinzuweisen, dass die Entwicklungen in der arabischen Welt, im Irak, in den Palästinensergebieten und anderswo hier bei uns Unruhe auslösen. Die Menschen hier vermischen die Dinge, sie stellen Bezüge her und agieren im Namen des Islams.”

euronews:
“Sind Sie dafür oder dagegen, dass radikale Imame in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden?”

Mohammed Galaye Ndiaye:
“Das ist Aufgabe des Staates. Schwierig wird es, wenn es darum geht, den Begriff Radikalisierung zu definieren. Darüber gibt es heute eine Polemik. Was bedeutet es, radikal zu sein? Kann jemand, der einen Bart trägt, als radikal bezeichnet werden? Es ist notwendig, die Aufmerksamkeit auf den gewalttätigen Dschihadismus zu lenken, auf jene, die Gewalt ausüben, die den Westen und die Menschen hassen. Diese Leute halten wir für radikal. Doch ich bin nicht radikal, weil ich das Gewand eines islamischen Geistlichen, einen Bart trage oder weil ich eine Moschee besuche.”