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Molenbeek in Belgien: Nährboden für Dschihadisten


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Molenbeek in Belgien: Nährboden für Dschihadisten

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Belgien, Brutstätte der Terroristen?

Ausnahmezustand in Brüssel: Soldaten patrouillieren durch die belgische Hauptstadt. Es herrscht ein Klima der Angst und der Bedrohung. Viele Bewohner gehen nicht aus dem Haus. Seit den Anschlägen in Paris gibt es nur noch ein Thema: Die Terroristen und was sie womöglich planen.

Der politische Aktivist Youssek Kob erkennt seine Stadt nicht wieder: “Ich habe meine Stadt noch nie in so einem Zustand gesehen. Es erscheint einem unvorstellbar, dass Soldaten in den Straßen, wo du lebst, marschieren. Wenn man an Städte im Belagerungszustand denkt, denkt man an das Ausland, an Länder in Nahost, nicht an deinen eigenen Hinterhof. Es ist verrückt. Ich weiß nicht, wem man die Schuld geben sollte. Wie ist es möglich, dass ein paar Einzelpersonen ein ganzes Land in Geiselhaft nehmen können.”

Wer ist schuld? Viele sagen, Belgien sei eine Brutstätte für europäische Dschihadisten und Terroristen. Die Brüder Salah und Brahim Abdeslam, die an den Anschlägen in Paris beteiligt waren, kamen beide aus Molenbeek, einem Brüsseler Stadtteil. Und Abdelhamid Abaaoud, der Drahtzieher der Attentate in der französischen Hauptstadt, kam auch aus Molenbeek. Bei dem vereitelten Anschlag auf den Thalys-Zug, dem Attentat auf das jüdische Museum in Brüssel und den Terroranschlägen in Madrid gab es ebenfalls Verbindungen zu Molenbeek.

Laut Youssef Kobo kann man jedoch nicht von einer Hochburg der Dschihadisten sprechen: “Molenbeek leidet seit Jahren unter Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Polizeibrutalität und unfähigen Lokalpolitikern. Viele Menschen aus Molenbeek haben sich beschwert und haben versucht die Politiker auf die Armut, die Arbeitslosigkeit, aber auch auf die Radikalisierung aufmerksam zu machen. Aber niemand hat ihnen zugehört. Es war allen egal, alle haben weggeschaut und heute zahlen wir den Preis dafür.”

Die verlorenen Jugendlichen von Molenbeek

In den 1960er Jahren kamen viele Einwanderer, vor allem aus Marokko, nach Molenbeek, um in den Kohleminen zu arbeiten.
Heute gibt es eine Arbeitslosenrate von 30 Prozent. Manche Jugendliche flüchten sich in eine eigene religiöse Welt. Allein aus Molenbeek sind etwa 40 junge Männer nach Syrien gereist, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Das Problem geht über Brüssel hinaus. Im ganzen Land mit seinen elf Millionen Einwohnern haben sich etwa 500 Muslime radikalisiert.

Thierry Limpens ist zum Islam konvertiert. Er ist Lehrer und war Direktor der ersten muslimischen Schule in Molenbeek. Er sagt, dass 40 Prozent der Bewohner minderjährig sind. Er erzählt: “Ich habe in den vergangenen 20 Jahren bemerkt, dass sich die Jugendlichen aus dem Viertel bei manchen weltweiten Eregnissen, wenn z.B. Palästina von Israel angegriffen wird, betroffen fühlen. Sie nehmen es sich sehr zu Herzen. Das ist das eine, hinzukommt, dass sie sich sehr schnell diskriminiert fühlen und dann sind sie in der Schule ganz aufgeregt und aufgewühlt. Diese Generation, diese Jugendlichen sitzen in ihrem Zimmer und surfen im Internet. Sie sind in Molenbeek und sie radikalisieren sich, aber eigentlich sind sie schon weg, in ihren Köpfen sehen sie sich schon in Syrien. Sie sehen sich diese Propagandavideos an und stellen sich vor in Syrien zu sein. Wissen Sie, in der Propaganda ist alles immer schön, man zeigt nur die guten Seiten.”

Michael Younes Delefortrie ist aus Antwerpen, aber er hat Zeit in Molenbeek verbracht. Er ist 2013 nach Syrien gegangen. Als er nach sechs Wochen zurückkam wurde er festgenommen. Er gehörte damals der Islamistengruppe Sharia4Belgium an. Deren Anführer wird vorgeworfen junge Belgier radikalisiert und für den Krieg in Syrien rekrutiert zu haben.

Delefortrie hat ein Buch über sein Leben als Dschihadist geschrieben. Er kannte Abdelhamid Abaaoud nicht. Aber er glaubt, dass er
Salah Abdeslam schon einmal gesehen hat, als er in Molenbeek war. Während er uns Fotos zeigt, haben wir ihn nach den Anschlägen in Paris gefragt. Er sagte: “Ich werden ihnen das sagen, was ich allen sage: ich bin nicht verantwortlich für die Taten anderer. Ich bin nicht verantwortlich für das Blut, das weltweit vergossen wird. Diese Männer kamen hierher um Menschen anzugreifen, die laut den Medien unschuldig sind. Die Männer hatten einen Grund. Und der Grund ist, dass die Menschen in der Islamischen Welt, in Syrien, im Irak und in Mali angegriffen werden. In all diesen Ländern greift Frankreich militärisch ein. Die Männer kamen um Rache zu nehmen. Ist das richtig? Ich sage nicht, dass es gut ist, denn wie bereits erwähnt, wurde Blut vergossen. Aber wir müssen verstehen, dass es einen Grund gab. Es geschah nicht grundlos.”

Machtlose Imame

Freitagsgebet in der großen Moschee von Brüssel. In Belgien leben rund eine halbe Million Muslime. Viele von ihnen sind verängstigt und verunsichert. Sie haben das Gefühl, sich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen, Muslim zu sein. Sie fühlen sich diskriminiert. Die große Moschee in Brüssel stand im Kreuzfeuer der Kritik, weil sie von Saudi-Arabien finanziert wurde. Die belgischen Imame erklärten vor kurzem bei einer Pressekonferenz, dass sie in ihren Gemeinden nicht länger die Radikalen dulden werden. Und sie verurteilten die Anschläge in Paris.

Der Hauptimam Cheick Abdelhadi beklagt, dass die radikalisierten Jugendlichen nicht auf ihn hören: “Ich war in Molenbeek, ich habe mehrere Moscheen in Molenbeek besucht und ich habe dort auch schon gepredigt. Ich habe den Jugendlichen in Molenbeek und in anderen Stadtteilen geraten, dem moderaten und toleranten Islam treu zu bleiben. Aber es gibt Ausnahmen. Diese Leute informieren sich nicht in den religiösen Institutionen. Sie informieren sich auf Internetseiten. Sie hören nicht auf meine Ratschläge und auch nicht auf die Ratschläge anderer, denn sie wurden indoktriniert. Für diese Leute bin ich kein Muslim. In ihren Augen sind wir, ich und die anderen Imame in Belgien, keine Muslime.”

Viele Bewohner von Molenbeek wehren sich dagegen, dass ihr Stadtteil als Hochburg der Terroristen abgestempelt wird. Sie hielten eine Friedensdemonstration und eine Mahnwache für die Opfer von Paris ab.

Andere wie Michael Younes Delefortrie bleiben ihren Überzeugungen treu. Als wir ihn fragten, ob er es bereut nach Syrien gegangen zu sein, antwortete er: “Nein, denn ich habe nichts falsch gemacht. Ich werfe mir höchstens vor zurückgekommen zu sein, denn dort hatte ich ein Leben. Hier gebe ich nur Interviews und schreibe ein Buch, um das Ganze zu erklären. Ich versuche glücklich zu sein, aber es ist nicht einfach, denn mein Leben ist begrenzt, voller Grenzen.”

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