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Peter Maurer (IKRK): "Wir müssen nah am Geschehen sein"

Wir haben mit Peter Maurer gesprochen, dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Chris Cummins, euronews Herr Maurer

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Peter Maurer (IKRK): "Wir müssen nah am Geschehen sein"

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Wir haben mit Peter Maurer gesprochen, dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Chris Cummins, euronews
Herr Maurer, wenn Sie als humanitärer Akteur auf das Jahr 2015 zurückblicken, was sehen Sie?

Peter Maurer
Was ich als humanitärer Akteur sehe, sind die zunehmenden Nöte, die in diesem Jahr aufgekommen sind. Ich sehe mehr Konflikte, tiefergehende Konflikte, Konflikte, die wesentlich mehr Folgen für die Bevölkerung oder für Systeme wie das Gesundheitssystem, die Wasserversorgung, das Sanitärsystem haben.

Ich sehe auch eine stärkere regionale Ausbreitung von Konflikten. Die Syrienkrise ist nicht allein eine syrische Krise, sondern der Nahe Osten steckt in der Krise. Die Krise im Norden Nigerias ist die Krise um den Tschadsee. Die Krise in Somalia ist die Krise am gesamten Horn von Afrika. Es ist keine Überraschung, dass wir die Folgen dieser Krisen in Form massiver Wanderungsbewebungen erleben, die es in diesem Ausmaß seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab.

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Eine Eigenschaft dieser neuen Gewalt, dieses Nebels des Krieges, der immer dichter wird, ist die Tatsache, dass zahlreiche Akteure unfassbare Grausamkeiten begehen. Wie beeinflusst das die Arbeit des Roten Kreuzes?

Peter Maurer
Die unmittelbare Folge ist, dass der sogenannte humanitäre Raum zunehmend bedroht ist. Es ist viel schwieriger, mit 100 bewaffneten Gruppen zu verhandeln, als mit zwei gut strukturierten Armeen.

Auch wenn diese unfassbaren Gewalttaten und Verbrechen nicht nur von den 100 bewaffneten Gruppen verübt werden, so etwas kommt auch bei regulären Armeen vor, so haben wir es mit einem neuen Umfeld zu tun, in dem es viel schwieriger ist, über den humanitären Raum zu verhandeln.

Außerdem haben wir oft Schwierigkeiten zu verstehen, wen wir da vor Ort genau treffen. Wer gehört zu welcher Gruppe, wie sieht die Kommandokette aus und so weiter. Wenn man auf diese Waffenträger angewiesen ist, ist man bei diesen Themen ganz besonders sensibel.

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Es setzt Ihre Mitarbeiter sicher unter enormen Druck, unter Umständen zu arbeiten, die unvorhersehbar, unklar und sehr gefährlich sind.

Peter Maurer
Das ist eine interessante Frage, die auch zeigt, wie das IKRK als professionelle Organisation gemeinsam mit Freiwilligen aus den Ländern neue Wege des Umgangs finden muss. Wir müssen verstärkt in die Ausbildung investieren, wir müssen lernen, uns ein Gesamtbild zu verschaffen, wir müssen die einzelnen Punkte verbinden.

Was in Syrien geschieht, kann die Art und Weise, wie wir die Lage in Nordmali einschätzen, beeinflussen. Und was in Nordmali passiert, kann sich auf unser Verständnis der Lage im Jemen oder in Afghanistan auswirken.

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Das alles passiert, obwohl es Statuten und Konventionen gibt, das humanitäre Völkerrecht, das in vielen Fällen schlicht missachtet wird. Wie kann das IKRK da als Organisation funktionieren, wenn die Konventionen, an die Sie sich halten, von anderen einfach missachtet werden?

Peter Maurer
Unser Ansatz ist schon seit langem, dass wir präsent und so nah wie möglich an den Ereignissen und den Akteuren sein müssen, sowohl an denen, die Gewalt ausüben, als auch an den Opfern.

Wenn man nah am Ort des Geschehens ist, nah an der Realität, dann hat man die Möglichkeit, sich mit Opfern und Tätern auseinanderzusetzen, man schafft neue Dynamiken, man beginnt, das Umfeld zu verstehen, und manchmal findet man dann auch erste mögliche Lösungsansätze.

Wenn man versteht, was vor Ort genau passiert, kann man beginnen, bei den bewaffneten Gruppen um Verständnis zu werben. Sie können sich nicht einfach benehmen, wie sie wollen, sie haben Personen um sich, für die sie Verantwortung tragen. Man kann die Menschen ermutigen, für diese Werte einzustehen. Man kann versuchen, einflussreiche Personen zu finden, je länger man in einem Konfliktgebiet ist, man kann mit religiösen Führern sprechen, man kann sich an die zugänglicheren Teile dieser Organisationen wenden, man kann mit Führungspersonen der örtlichen Gemeinden sprechen, mit Ältesten, man beginnt, die Lage zu verstehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir in Bezug auf den humanitären Raum und die Sicherheit wesentlich deutlich mehr Erfolg haben, je länger wir in einem Konfliktgebiet sind, egal, wie kompliziert die Lage dort auch sein mag.

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Welche Folgen hat die Zerstörung von Infrastruktur für die Gemeinschaften?

Peter Maurer
Die Gewalt zerstört Lieferwege. Wir befinden uns heute angesichts der Komplexität städtischer Gewalt nicht mehr in einer Situation, in der die Gewalt in einem Stadtteil bleibt und nicht andere Stadtteile oder bestimmte Systeme in Mitleidenschaft zieht. Die Wasserversorgung, das Stromnetz, soziale Systeme, das Gesundheitswesen einer Stadt, all das ist eng miteinander verflochten. Ohne Wasser, ohne Strom funktionieren Krankenhäuser nicht, die Menschen sterben. Das habe ich in Sanaa, im Jemen, gesehen. Wenn es keinen Strom gibt, keinen Treibstoff, keine Generatoren, dann stapeln sich die Körper in den Leichenhäusern.

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Wie blicken Sie nach vorn auf das Jahr 2016?

Peter Maurer
Ich sehe da leider im Moment keine großen Veränderungen. Ich sehe nicht, dass sich das, was wir seit einiger Zeit erleben, ändern wird: In einigen der schwierigsten Konflikte der Welt fehlen politische Lösungen, es gibt weiterschwelende Konflikte, sich verschärfende Konflikte. Und selbst bei den Konflikten, bei denen sich eine politische Lösung abzuzeichnen beginnt, etwa in Syrien oder was die Friedensverhandlungen zum Jemen angeht, die demnächst in Genf beginnen, selbst in diesen Konflikten nehmen die Kriegshandlungen zu, weil die Konfliktparteien so ihre Position am Verhandlungstisch verbessern wollen.

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Es entwickelt sich hier ein apokalyptisches Szenario. Wenn man Hunderttausende Menschen sieht, die unterwegs sind, dann ist das ein Zeichen, dass sich da ein furchtbares Szenario aufbaut.

Peter Maurer
Das birgt das Potential einer noch viel schlimmeren Situation als der, mit der wir es derzeit zu tun haben. Wenn ich mir das Gesamtbild anschaue, so beängstigend die Flüchtlingszahlen und die Nöte sind, so bin ich auch ermutigt von dem, was wir leisten können. Bei allen Ängsten vor einem apokalyptischen Szenario gibt es doch auch das Gegengewicht der Gesellschaften, die solch einem Szenario entkommen wollen, und das ist ebenfalls sehr ermutigend.