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Arbeitslosigkeit in Spanien: Ein Leben ohne Hoffnung?

Eine Generation ohne Zukunft Jerez de la Frontera, in der südspanischen Region Andalusien: Die Arbeitslosenquote hier liegt bei vierzig Prozent. Bei

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Arbeitslosigkeit in Spanien: Ein Leben ohne Hoffnung?

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Eine Generation ohne Zukunft

Jerez de la Frontera, in der südspanischen Region Andalusien: Die Arbeitslosenquote hier liegt bei vierzig Prozent. Bei den Jugendlichen sind es 60 Prozent. Miguel Angel lässt trotzdem nicht locker. Er probiert es wieder und wieder. Die Lage des 27-Jährigen ist verzweifelt. Er erzählt: “Ich bin seit dreieinhalb Jahren arbeitslos und habe kaum noch Hoffnung. Irgendwann fängst Du an zu glauben, dass es immer so weitergeht:lebenslänglich arbeitslos. Man schlägt sich halt irgendwie durch. Doch es gibt Tage, da schaffst Du es nicht mehr, aus dem Bett zu kommen. Und wenn doch, dann weisst Du, dass es nichts bringt.”

Jetzt versucht er einen neuen Anlauf. Er bereitet sich auf die Eingangsprüfung der Polizei vor, da muss er auch körperlich fit sein. 1.300 Polizisten wurden in diesem Jahr eingestellt – es gab 58.000 Bewerber. – Ein Riss geht durch die spanische Gesellschaft: es ist ein Bruch zwischen den Generationen. “Meine Eltern erinnern mich öfter daran, dass sie in meinem Alter bereits Kinder hatten, dass ich schon auf der Welt war. Da muss ich gelegentlich dran denken – und es ist ein Gedanke, der schmerzt. Auch ich würde gerne eine Familie gründen. Doch unter diesen Umständen, ohne feste Arbeit, kann man so ein Lebensprojekt nicht verwirklichen,” so Miguel Angel.

Der arme Süden Spaniens

Auch Miguel Angels Schwester Maribel ist arbeitslos – so wie weitere 34.000 Männer und Frauen in Jerez. Als die Regionalverwaltung von Andalusien 69 Stellen ausschrieb, kamen 23.015 Kandidaten zum Auswahltest. Die Konkurrenz ist gnadenlos.

Zwar ist Spaniens Wirtschaft wieder auf dem Wachstumspfad. Doch die Lage auf dem Arbeitsmarkt verbessert sich nur langsam und die regionalen Unterschiede bleiben riesig. Vor allem im Süden stehen die Zeichen auf “rot”: in der Extremadura sind 29, in Andalusien 32 Prozent arbeitslos. Und in Jerez, wie gesagt, vierzig Prozent.

Korruption und Misswirtschaft

Miguel Angels Schwester Maribel ist 30. Sie studierte Tourismus, arbeitete am Flughafen, jobbte hier und da. Trotz guter Referenzen ist sie seit vier Jahren arbeitslos. Maribel schloss sich der Facebook-Gruppe “Arbeit in Jerez” and. Die Idee ist einfach: Jobs suchen – und teilen: “Morgens sehe ich zuerst meine elektronische Post durch. Neue Job-Angebote teile ich mit meiner Facebook-Gruppe. Anschließend durchkämme ich die Internetseiten von Firmen und Verwaltungen. Ich suche auch auf anderen Arbeitsbörsen im Internet. Finde ich Angebote, dann veröffentliche ich die auf unserer Facebook-Seite.”

Die Idee stammt von José Ramon. Als der Möbeldesigner nach Jerez zog, begriff er, dass Jobs hier sozusagen “unter der Hand” weitergegeben werden. Ohne Beziehungen läuft nichts. Als er vor drei Jahren die lokale Facebook-Gruppe “Arbeit in Jerez” gründete, meldeten sich fast 9000 Mitglieder an.- Wie erklärt er sich die extrem hohe Arbeitslosigkeit? “Ich will nicht sagen, dass das kulturell bedingt ist, obwohl, man sollte nicht vergessen, dass es einige tief verwurzelte Gründe gibt, das hängst zusammen mit dem staatlichen Protektionismus. Für Politiker ist es oft einfacher, Subventionen zu verteilen, als Hilfe-zur-Selbsthilfe zu ermöglichen. Anders formuliert: die Parteien verteilen Fische statt Angelruten,” so José Ramón.

Die Rundfunkjournalistin Ana Huguet argumentiert ebenfalls historisch: der frühere Diktator Franco habe die Industrialisierung im Norden gefördert, den Süden vernachlässigt. Nach der Demokratisierung erlag so manch Politiker der Versuchung des schnellen Geldes, öffnete Korruption und Misswirtschaft Tür und Tor. Ana Huguet erklärt:
“Wenn ein Bürgermeister öffentliche Gelder – und zwar Millionensummen – in überdimensionierte Prunk- und Protz-Projekte steckt… und diese dann niemals verwirklicht werden, dann ist klar, dass Geld verschwendet wird, das an anderer Stelle fehlt: da bleibt nichts, um eine nachhaltige, wirtschaftliche Entwicklung mit positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt anzustoßen. Die Stadtverwaltung von Jerez ächzt unter einer Schuldenlast von über einer Milliarde Euro, für Investitionen ist kein Geld mehr da.”

Schlechte Aussichten

Ruinen säumen das Stadtzentrum. 1980 produzierten hier 22.000 Arbeiter den weltberühmten Sherry, heute sind es nur noch wenige hundert. Veränderte Verbrauchergewohnheiten, Firmenzusammenschlüsse und Automatisierung waren die Totengräber der lokalen Süssweinindustrie.

Maribel und José Ramon treffen sich mit Manuel, einem arbeitslosen Autolackierer. Auch er ist Mitglied der Facebook-Gruppe. Die Stimmung ist gedrückt: Es gibt nur wenige befristete Mini-Jobs als Verkäufer, Reinigungskraft oder Haushaltshilfe, nichts Langfristiges, nichts Festes. “Manche Mitglieder der Facebook-Gruppe glauben, ich sei ein Arbeitgeber und schicken mir ihren Lebenslauf”, erzählt Maribel. “Dabei helfe ich doch nur, Job-Angebote zu finden und weiterzureichen. Manche der Lebensläufe sind grottenschlecht formuliert und voller Schreibfehler. Na ja, und dann setze ich mich halt hin, verbessere das – und schicke denen ihren Lebenslauf korrigiert wieder zurück,” so Maribel. Sie engagiert sich jetzt politisch, hat sich für die Kommunisten aufstellen lassen.

Auch Facebook-Gruppenmitglied Manuel leidet sehr darunter keine Arbeit zu haben: “Für die Zukunft hoffe ich, dass ich mich irgendwann wieder einmal als vollwertige Person fühlen kann. Als Arbeitsloser fühle ich mich nicht anerkannt, je länger das dauert, umso schwächer fühle ich mich irgendwie wertlos.”

Und dann ist da noch das Problem mit der Schwarzarbeit: ein Drittel der Wirtschaftsaktivitäten wird sozusagen im Untergrund abgewickelt, vorbei an den Steuerbehörden. Der Unternehmerverband der Provinz Cadiz hat eine Studie in Auftrag gegeben, um ein paar fundierte Fakten zu dem grassierenden Übel zu haben: 29 Prozent Schwarzarbeit, so das vor wenigen Wochen veröffentlichte Ergebnis…

Manuel, der arbeitslose Autolackierer aus Jerez, bestätigt das Phänomen: “Nun ja, klar, Schwarzarbeit ist üblich, hier in der Gegend. Das weiss jeder. Nicht nur hier in der Stadt – auch anderswo in Andalusien ist illegale Beschäftigung weitverbreitet. Nun, wie soll ich sagen, wir wursteln uns irgendwie durch. Manchmal arbeiten wir mit einem offiziellen Vertrag, manchmal ohne, so ist das halt bei uns.”

Zusammenhalt und Solidarität

Arbeitslosigkeit erzeugt Armut. Doch noch funktioniert die Nachbarschaftshilfe in Jerez de la Frontera. Zahlreiche Bürger der Stadt machen mit in einer der vielen religiösen Bruderschaften, auch Miguel Angel. An Ostern trägt er zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern der “Sagrada Lanza de Jerez” tonneschwere, vergoldete Heiligen-Statuen auf opulent geschnitzten und verzierten Throngebilden durch die Stadt – heute, kurz vor Weihnachten, sind es Lebensmittelpakete für Menschen in Not, die er trägt.

Juan Carlos Ruiz Becerra, Präsident der Sagrada Lanza de Jerez, sagt: “Wir müssen noch mehr Nahrungsmittel sammeln. Vergangenen Freitag waren es 800 Kilo, kommende Woche sollten wir die dreifache Menge schaffen. Und dann ist ja am Samstag auch noch die Zambomba, das Wohltätigkeitssingen, da wird wohl einiges an Spendengeldern zusammenkommen. Zusammen mit der Lebensmittelhilfe schaffen wir es, die acht Familien in Not, die wir unterstützen, durch das Jahr zu bringen.”

Der arbeitslose Bauarbeiter Manuel Ferreira Cordero erzählt: “Auch die armen Leute, die selber fast nichts in der Tasche haben, spenden, wenn sie wissen, dass es für einen guten Zweck ist. Ein Kilo Lebensmittel, soviel spendet fast jeder.” Die Sagrada Lanza de Jerez gibt ihm Halt, seit Jahren ist er schon dabei, bekleidet das Amt mit dem altertümlichen Titel “Haushofmeister”. Auch sein Sohn macht mit.

Miguel Angel kommt gerne hierher: “Wenn ich hier im Verein bin, kann ich abschalten, diese ganzen persönlichen Probleme treten in den Hintergrund, für ein paar Augenblicke vergesse ich meine Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Ich muss nicht dauernd an mein verpfuschtes Leben denken. Die Freunde geben mir Kraft, weiterzumachen.”

Solidarität – in Jerez hat das Wort noch eine Bedeutung. In Europa auch: bis 2020 fließen 1,4 Milliarden Euro zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in die Provinz Cadiz, in der auch Jerez de la Frontera liegt. Doch welchen Weg wird Spanien nach der Wahl einschlagen, um für nachhaltiges Wachstum zu sorgen?

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