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"Gezwungen zu heiraten" oder das Schicksal eines Aktivisten in Russland

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"Gezwungen zu heiraten" oder das Schicksal eines Aktivisten in Russland

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Es wird keine “normale Hochzeit”. Keine Blumen, keine Musik, keine Gäste, keine Geschenke, kein Festessen, kein Hochzeitsreise, keine Hochzeitsnacht. Die Braut und der Bräutigam wollen nur ein paar Minuten Händchenhalten, bevor sie wieder getrennt werden.
Anastasia Zotova und Ildar Dadin müssen heiraten, brauchen den entsprechenden Stempel im Pass, damit sie sich in den kommenden drei Jahren überhaupt sehen können.

“Es ist, als würde ein Teil von mir abgeschnitten”

Ildar Dadin ist kein gewöhnlicher Bräutigam, er ist der erste Russe, der nach der 2014 eingeführte Verschärfung des Versammlungsrechts verurteilt wurde – zu drei Jahren Gefängnis in einer Strafkolonie. Dadin war am 7. Dezember 2015 von einem Moskauer Gericht wegen wiederholter Verstöße gegen das Versammlungsgesetzt verurteilt worden. Wer zwei Mal an einer nicht genehmigten Versammlung teilnimmt, wird dem verschärften Gesetz zufolge mit Gefängnis bestraft. Auch das Auswärtige Amt in Berlin hat seine Verurteilung kritisiert.
Im Gefängnis besucht werden dürfen Verurteilte nur von ihrer Familie – nicht von Freunden oder Kollegen, nich einmal von der Verlobten.

“Eine Heirat ist die einzige Möglichkeit, sich weiterhin zu sehen,” sagte Anastasia Zotova zu euronews. Was sie bei ihrer Hochzeit anzieht, ist Anastasia egal, sie kümmert sich um die notwendigen Papiere und hofft, dass die Hochzeit in diesem Januar stattfinden kann.

Auf Facebook hat Anastasia die offizielle Erlaubnis zur Heirat veröffentlicht, die ihr aber kein Besuchsrecht im Gefängnis einräumt.

Судья Дударь дала разрешение на брак Ильдар Дадин

Posted by Anastasia Zotova on Wednesday, December 23, 2015


Anastasia Zotova schreibt auch ein Tagebuch im Internet, sie nennt es “Gefängnistagebuch von Ilar Dadins Freundin”. Es wird von der Menschenrechtsorganisation “Russia Sitting” publiziert. Auf diese Weise kann die Welt vom Schicksal der Menschenrechtsaktivisten in Russland erfahren.

“Natürlich hat mir Ildar gesagt, dass ich mein Leben ruinieren würde, wenn ich eine Beziehung zu einem Kriminellen unterhalt. Aber er hat sich über die Unterstützung sehr gefreut, darüber, dass ich ihm Briefe und Päckchen schicke. Vielleicht sind materielle Dinge gar nicht so wichtig, sondern eher die Tatsache, dass Du nicht allein bist. Im Gefängnis bist Du mit neun Mitgefangenen zusammen, aber draußen ist niemand, für den Du wichtig bist, der an Dich denkt und für Dich kämpft und darauf wartet, dass Du rauskommst.”

Anastasia Zotovas Mutter teil die Meinung ihrer Tochter nicht, sie ist gegen die Heirat, aber Anastasia hofft, dass ihre Mutter sie eines Tages verstehen wird.

“Noch nie habe ich einen so guten Menschen wie Ildar gesehen. Ohne ihn kann ich nicht leben. Es ist, als würde ein Teil von mir abgeschnitten.”

Der Verurteilte

Der 33 Jahre alte Iljar Dadin kommt aus einem kleinen Ort der Region Moskau. Er hat dort bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet, und er hat sich an friedlichen Protestaktionen beteiligt. Als Wahlbeobachter hat er die russischen Parlamentswahlen 2011 verfolgt. Und er hat mehrmals gegen die Regierung protestiert – auch für Rechte von Homosexuellen und für andere Menschrechtsaktivisten.

Zwischen August 2014 and Januar 2015 – so lautet die Anklage – hat Dadin an vier Ein-Mann-Protesten teilgenommen, nämlich am 6. August, am 23. August, am 13 . September und am 15. Dezember 2014. Das juristische Verfahren gegen Iljar Dadin wurde eingeleitet, nachdem er am 15. Januar 2015 an einer Solidaritätsdemonstration für den Blogger und Regierungskritier Alexei Nawalny und dessen Bruder Oleg in Moskau teilgenommen hatte. Deswegen wurde Dadin zu 15 Tagen Haft verurteilt.

Vor dem verschärften Artikel 212.1 vom Juli 2014 hätte Dadin eine Geldstrafe und eine Bewährungsstrafe gedroht. Bemerkenswerterweise hatte der Staatsanwalt nur zwei Jahre Gefängnis gefordert – während Dadin dann zu drei Jahren verurteilt wurde.

Freunde von Iljar Dadin rufen vor dem Gericht “Schande!” – davon gibt es auch ein Video, das “Grani.ru” veröffentlicht hat:

Ildar Dadin verlässt nach dem Urteil das Gericht

In Russland hat die Menschenrechtsgruppe “Memorial” Iljar Dadin als politischen Gefangenen eingeordnet Ildar Dadin as a “political prisoner”. Amnesty International erklärte: “Ildar Dadin muss sofort und bedingungslos freigelassen werden und Russland muss dieses repressive und ungerechte Gesetz wieder abschaffen.”

#FREEDADIN

Nur einmal in ihrem Leben hat Anastasia Zotova an einer Protestaktion teilgenommen. “Ich bin eher Journalistin als Aktivistin. »

Jetzt aber organisiert sich eine globale Kampagne für die Freilassung ihres Freundes. Sie will die Welt mobilisieren – durch Demonstrationen, Diskussionsrunden und eine Kampagne in den sozialen Medien. Der Hashtag #FreeDadin wird im russischen Internet weitergereicht.

“Unser Hauptziel ist es, darüber zu informieren, dass Artikel 212.1, ist repressiv und nicht verfassungskonform”, sagt Anastasia Zotova.

Auch Aktivisten aus Sankt Petersburg fordern Dadins Freilassung.


Anastasia Zotova hat am 19. Dezember eine Solidaritätsdemo für Ildar Dadin organisiert


Seit sie ihre gesamte freie Zeit, der Unterstützung von Iljar Dadin widmet, kann Anastasia Zotova kaum etwas essen und sie schläft schlecht.

“Vorher dachte ich, das wichtigste im Leben sei, Karriere zu machen. Ich wollte eine gute Journalistin sein, hervorragende Artikel schreiben. Jetzt merke ich, dass diese Dinge nicht so wichtig sind.”

Ildar Dadins Rechtsanwälte haben Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Wenn dieser Einspruch angenommen wird, kommt der Fall vor das nächsthöhere Gericht.

Ähnliche Fälle sind der Unternehmer Mark Halperin, die Mutter Irina Kalmykova und der Rentner Vladimir Ionov, der sich entschieden hat, Russland zu verlassen und in die Ukraine zu gehen.
Das Interview mit Anastasia Zotova