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Terroranschläge: Der Kampf zurück ins Leben

Leben nach einem Terroranschlag: Wie geht es den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer? Was gibt Ihnen die Kraft weiterzumachen? Maryse

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Terroranschläge: Der Kampf zurück ins Leben

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Leben nach einem Terroranschlag: Wie geht es den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer?

Meinung

Die körperlichen Wunden verheilen relativ schnell. Die Narben bleiben, aber die seelischen Wunden brauchen viel länger, um zu heilen.

Was gibt Ihnen die Kraft weiterzumachen?

Maryse Wolinski, Daniel Bibble und Françoise Rudetzki haben eines gemeinsam. Ihr Leben hat sich von heute auf morgen dramatisch verändert. Maryses Ehemann, der Zeichner Georges Wolinski, ist bei dem Anschlag auf die Satire-Zeitung Charlie-Hebdo am 7. Januar 2015 getötet worden. Sie sagte gegenüber euronews: “Ich warte immer noch auf diese Stimme, die mir sagt: “Schatz, ich gehe in die Charlie Hebdo-Redaktion.”

Daniel Biddle ist 2005 bei den Attentaten in London schwer verletzt worden. Er erzählt: “Für mich ist der 7. Juli mit einem unermesslichen Schmerz verbunden. Ich werde es nie vergessen und unter den Folgen werde ich immer leiden.”

Françoise Rudetzki hat auch einen Terroranschlag überlebt. Sie erinnert sich noch gut daran: “Damals, 1983, sagte man mir, dass der Terrorismus zu Ende sei. Ich habe gesagt: ‘Nein, er fängt gerade erst an.”

Hilfe für die Terror-Opfer

Wie lebt man nach einem Terroranschlag weiter? Diese Frage beschäftigt Françoise Rudetzki seit langem.
Sie und ihr Mann wurden 1983 verletzt,als vor einem Pariser Restaurant, in dem sie aßen, eine Bombe explodierte. An diesem Tag begann ihr Kampf. Sie kämpfte, damit ihr Bein nicht amputiert wurde und sie kämpfte, um zu beweisen, dass die Explosion ein Terroranschlag war.

Aber vor allem setzt sie sich seitdem Tag für die Opfer von Terrorismus ein. “1986 haben wir die Gründung eines Solidaritätsfonds erreicht. Er ist einzigartig weltweit und entschädigt die Opfer von Terrorismus komplett. Unseren zweiten Sieg haben wir vier Jahre später errungen: 1990 wurde ein neues Gesetz verabschiedet. Es erkennt die Opfer als Kriegsopfer an und legt damit fest, dass der Terrorismus eine neue Form des Krieges ist,” so Rudetzki.

Françoise Rudetzki berät die Überlebenden und die Familien der Opfer der jüngsten Terroranschläge in Paris. Sie klärt sie über ihre Rechte auf. Der Prozess, um Hilfen zu erhalten, ist meist schwierig und dauert sehr lange. Rudetzki erklärt: “Es gibt diesen Fonds, in den alle einzahlen. Es handelt sich dabei um einen kleinen Solidaritätsbeitrag, den jeder in Frankreich leistet. 2016 z.B. werden 4,30 Euro über unseren Versicherungsbeitrag abgebucht. Der Fonds verfügt also über umfassende Mittel. Komplette Entschädigung der Opfer bedeutet, dass man für die ärztliche Behandlung und die psychologische Betreuung sowie falls nötig für die Umschulung aufkommt. Manchmal ist das ein sehr schwieriger Prozess, denn die Opfer müssen ärztliche Gutachten machen, um den erlittenen Schaden zu bemessen. Im ersten Moment gibt es viel Mitgefühl, doch je mehr Zeit vergeht, desto mehr neigen die Experten dazu, die körperlichen und seelischen Folgen eines Anschlags herunterzuspielen.”

Der Kampf um Entschädigungen

Der Zeichner Georges Wolinski ist vor einem Jahr bei dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo getötet worden.
Seine Frau Maryse hat versucht, ihre Trauer in einem Buch zu verarbeiten. Sie erhebt darin auch Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte. Die Redaktion sei nicht ausreichend geschützt worden. Sie und Georges waren seit 50 Jahren verheiratet.

Sie klagt: “Es gibt sehr viele Versprechen, die nicht gehalten werden. Die Verantwortlichen des Solidaritätsfonds z.B. haben mir gesagt, dass ich als erstes eine kleine Summe Geld bekomme. Normalerweise sollte ich den gleichen Lebensstandard haben wie einst mit meinem Mann. Aber mittlerweile ist ein Jahr vergangen und es ist sehr schwierig. Die Verantwortlichen des Fonds sagen, dass sie erst sehen wollen, wie sich die Bücher meines getöteten Mannes verkaufen, um diese Summe dann von meiner Entschädigung abzuziehen. Dabei hat das nichts miteinander zu tun.”

Bei den Anschlägen von London am 7. Juli 2005 sind 52 Menschen getötet worden. Hunderte wurden verletzt. Daniel Biddle befand sich nur wenige Meter von einem Selbstmordattentäter entfernt, der sich in der U-Bahn in die Luft sprengte. Der schwerverletzte Daniel musste feststellen, dass der Prozess, um Entschädigungen zu erhalten, ungeheuer schwierig ist. Statt ihm das Leben zu erleichtern, entwickelte sich der Antrag zu einem zusätzlichen Problem.

Biddle erzählt: “In so einer Situation versucht man zu verstehen, was einem passiert ist. Und man versucht sich damit abzufinden, dass man behindert ist. Man versucht sich an seinen neuen Körper zu gewöhnen, denn nichts ist mehr wie vorher. Und dann wird einem ein Buch gegeben, das einem Katalog ähnelt. Es listet im Grunde genommen Verletzungen und fehlende Körperteile auf. Und man muss das alles durchgehen und die Körperteile ankreuzen, die am meisten Geld wert sind. Für mich war das besonders qualvoll, denn ich hatte sehr viele Verletzungen. Ich hatte mehr als 100 Verletzungen, aber in dem britischen Entschädigungssystem kann man nur Geld für drei Verletzungen beantragen. Wenn man seinen Antrag gestellt hat, rechnen sie die Summe aus, die einem zusteht. Für den Verlust meiner zwei Beine habe ich 110.000 Pfund bekommen. Für den Verlust eines Auges wurde ich nur zu 30 Prozent und für den Verlust meiner Milz nur zu 25 Prozent entschädigt. Man wird also benachteiligt, wenn man mehr als eine Verletzung erlitten hat, obwohl man ja in keiner Weise für dieses Ereignis verantwortlich ist.”

Die Chance auf ein neues Leben

Wir haben Biddle gefragt, wie er sich gefühlt hat, als er im November von den Terroranschlägen in Paris erfuhr. Sein erster Gedanke galt den Opfern und ihren Familien. “Als Überlebender eines Terroranschlags weiß ich, was diese Familien durchmachen. Und ich weiß, was noch in den kommenden Monaten und Jahren auf sie zukommt. Es ist unglaublich schwierig. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die körperlichen Wunden relativ schnell verheilen. Die Narben bleiben, aber die seelischen Wunden brauchen viel länger, um zu heilen,” so Biddle.

Für Maryse Wolinski kamen nach der Trauer auch die Wut und die Frage, wie so etwas passieren konnte. Es hat ihr sehr geholfen, all das in ihrem Buch zu verarbeiten: “Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mich der Satz ‘Schatz, ich gehe zu Charlie’ verfolgt hat. Er war ständig in meinem Kopf. Das war für mich der Anfangspunkt, denn ich hörte diesen Satz und danach kam nichts. Die Redaktion der Satirezeitung war laut der Polizeipräfektur gefährdet. Wie kann es sein, dass dort trotzdem ein Anschlag verübt werden konnte und wie kommt es, dass das Gebäude nicht überwacht wurde. Ich habe nachgeforscht. Dieses Buch habe ich während des Sommers geschrieben und für mich war das der Beginn eines Neuanfangs.”

Wie kann man sich nach einem Terroranschlag ein neues Leben aufbauen? Daniel gelang der Durchbruch vor zwei Jahren, als er seine Frau Gem kennenlernte. Es hat ihm auch sehr geholfen, zurück zur Arbeit zu gehen. Er berät Firmen und Einzelpersonen, wie sie den Zugang für Menschen mit Behinderungen verbessern können.

Er erklärt, was ihm Kraft gibt: “Behindert zu sein war das Schlimmste, was ich mir je vorstellen konnte. Ich hätte nie geglaubt eines Tages in dieser Situation zu sein. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass mein Leben nicht zu Ende ist. Es ist nur der Beginn eines neuen Kapitels. Ich habe Glück, denn ich habe ein zweites Leben bekommen und ich bin wieder glücklich. Was mich bei meiner Arbeit mit meiner Firma motiviert ist, den Menschen zu sagen: Ja, schreckliche Sachen passieren und es dauert lange, bis man sich damit abfindet, aber es ist machbar. Wir können ihnen dabei ein wenig helfen, indem wir es ihnen ermöglichen in ein Restaurant oder in ein Hotel zu gehen oder ein Wochenende lang zu verreisen. Wir helfen ihnen Sachen zu machen, die einst ganz normal für sie waren.”

Dank des französischen Solidaritätsfonds konnten in den vergangenen 30 Jahren mehr als 4.200 Opfer entschädigt werden. Françoise Rudetzki hofft, dass die Opfer und ihre Familien auch in Zukunft die Hilfe bekommen, die sie benötigen: “Es darf keinen Unterschied geben zwischen den Opfern des Anschlags auf Charlie Hebdo, den Journalisten, den bekannten Menschen und den anderen. Alle Opfer werden gleich behandelt, egal ob sie bekannt oder obdachlos sind. Darauf bin ich stolz.”