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Obama vs. Juncker - Vergleich der Reden zu Lage der Nation/Union

Die Rede zur Lage der Nation könnte man in den USA fast als Großereignis bezeichnen. In Washington D.C. trifft man sich im Pub, um den Inhalt zu

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Obama vs. Juncker - Vergleich der Reden zu Lage der Nation/Union

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Die Rede zur Lage der Nation könnte man in den USA fast als Großereignis bezeichnen. In Washington D.C. trifft man sich im Pub, um den Inhalt zu diskutieren und der Aufmacher der Zeitungen am kommenden Tag steht auch schon fest. Zur Tradition ist diese Ansprache geworden, seit George Washington sich 1790 vor dem Kongress sprach. Ein Pendant dazu gibt es in vielen Einzelstaaten und auch die Europäische Union pflegt diese Praxis seit 2010.

Gibt es Parallelen zwischen der europäischen und der US-amerikanischen Version? In stilistischen Fragen mag es scheinen, als vergleiche man Äpfel mit Birnen, doch einige Unterschiede lohnt es sich, genauer zu betrachten. Wir stellen Obamas letzte “State of the Union” Ansprache der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im vergangenen September in Straßburg gegenüber.

Den kompletten Text von Obamas Rede finden Sie hier und Junckers Ansprache hier

Der Kontext

Für Obama war es die letzte Rede zur Lage der Nation; Er musste keine Wähler mehr für sich gewinnen und konnte seine Ansprach sehr generell halten. Er nutzte die Gelegenheit aber auch, um einen Rundumschlag seiner zwei Amtsperioden zu machen und seine Errungenschaften zu unterstreichen. Immer wieder sprach er vom “Fortschritt der vergangenen sieben Jahre”. Gewohnt selbstkritisch gab er jedoch auch zu, dass er einige seiner wichtigsten Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte.

Juncker hielt seine erste Rede zur Lage der Union, nachdem er am 1. November 2014 die Amtsgeschäfte übernahm. Seine Aufgabe war es, die politische Agenda seines Mandats darzulegen und offenzulegen, wie die EU verbessert werden kann.
Er konnte einfacher auf in der Vergangenheit gemachte Fehler verweisen, wenn diese Entscheidungen betrafen, die er nicht getroffen hatte. Seine Botschaft war direkt: “Unsere Europäische Union ist in keiner Guten Lage”.

Das Format

Obamas Ansprache mag einfacher zu halten gewesen sein, weil der Präsident als angesehener Redner nur eine Sprache, seine Muttersprache, sprechen muss und von einem Teleprompter abliest. In der “State of the Union” sind Versprecher generell äußert selten, auch kann sich der Präsident darauf verlassen, nicht unterbrochen zu werden. Das Resultat: Obamas Rede aus 5.481 Wörtern dauerte 59 Minuten.

Juncker steht dagegen vor einer Herausforderung: Seine Rede (oder die, die für ihn geschrieben wurde) ist doppelt so lang wie die von Obama und kommt auf stolze 10.031 Wörter. Als wäre das nicht genug, hielt er den Vortrag auf Deutsch, Englisch und Französisch und wurde von Zwischenrufen (unter anderem vom Chef der britischen Anti-EU-Partei UKIP Nigel Farage) unterbrochen. Auch Gianluca Buonnanno, Mitglied der italienischen Lega Nord, nutzte die Gelegenheit, um mit einer Merkel-Maske offenbar gegen Einwanderung in die EU zu protestieren. Aus Zeitgründen musste Juncker seine Rede letztendlich verkürzen: Nach 81 Minuten brach er ab.

Namen und Zahlen

Obama erwähnte regelmäßig historische Daten, darunter bedeutende US-Amerikaner, wie Lincoln, Washington, Roosevelt, Edison, Luther-King, die Wright Brothers und Sally Ride. Von seinen 5.481 Worten nutzt er nur etwa ein Dutzend dazu, um Statistiken vorzustellen. Zahlen werden bei ihm der Einfachheit halber auf- oder abgerundet.

Jucker listet keine großen Europäer auf oder erwähnt Personen. Die Namen, die er erwähnt sind diejenigen aktueller Mitglieder der Europäischen Kommission: Schulz, Mogherini und Timmermans. Außerhalb der Europäischen Union sind dies keine großen Namen. Zudem erwähnt Juncker viele Zahlen und Statistiken, die er alle sehr genau angibt (52 der 10.031 Wörter nutzt er dafür), darunter “122.000 Leben”, “0.11 Prozent der Bevölkerung der EU” und “3.41 Milliarden Euro”.

Sprache

Der Korpus der Wörter, die beide Männer in ihren Reden verwenden, sind ebenfalls sehr unterschiedliche: Obama benutzt sehr viele aktive Formulierungen. Die meistgenutzten Worte sind: Amerika, kann, Welt, wird, Menschen/Volk, Arbeit, Jahre, machen und fair. Auch das Wort ‘Liebe’ kommt fünf Mal vor.

Junckers Sprache ist dagegen eher fachbezogen, weniger emotional. Das Wort ‘Liebe’ kommt nicht vor, ‘müssen’ kommt zwei Mal so oft vor wie ‘können’ und die häufigsten Worte, die er verwendet sind: Europäisch, Union, Kommission, Mitglied, Europa, Staaten, Griechenland und Euro. Seine Rede beginnt mit den Worten “Die Rede zur Lage der Union ist ausdrücklich in der Rahmenvereinbarung, die die Beziehungen zwischen dem Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission regelt, vorgesehen.” Obama richtet sich dagegen an sein direktes Publikum: “Ich weiß, einige von Ihnen haben es eilig, zurück nach Iowa zu kommen”.

Rhetorik

Beide Männer sind gekonnte Redner, beide bedienen sich gewisser Techniken, wie zum Beispiel die Wiederholung.

Die folgenden Videos zeigen Obamas: “I see it in the worker…I see it in the Dreamer…I see it in the soldier…” (“Ich sehe es im Arbeiter…Ich sehe es im Träumer…Ich sehe es im Soldaten…”), der dramatische Höhepunkt seiner Rede.

Juncker dagegen wiederholt die Phrase “Wie haben vergessen…”, mit der er um Mitgefühl für Migranten bittet.