Eilmeldung

Eilmeldung

Mein Sohn, der Dschihadist - Mütter erzählen

Die verlorenen Söhne Ihr Sohn verschwindet von heute auf morgen, um sich den Islamisten in Syrien anzuschließen.

Sie lesen gerade:

Mein Sohn, der Dschihadist - Mütter erzählen

Schriftgrösse Aa Aa

Die verlorenen Söhne

Meinung

Man macht sich immer Vorwürfe. Man sagt sich, dass man etwas übersehen hat.

Ihr Sohn verschwindet von heute auf morgen, um sich den Islamisten in Syrien anzuschließen. Was tun, wenn das Unvorstellbare eintritt? Dominique, Saliha und Christine fragen sich ständig, was ihre Söhne zu diesem Schritt bewegen konnte. Saliha macht die islamistischen Rekrutierer verantwortlich: “Sie gehören einer Gruppe an. Sie werden manipuliert. Sie sind Teil einer Sekte und wenn sie die Augen aufmachen, sind sie plötzlich auf der anderen Seite, in Syrien.” Christine zufolge gibt es für die Radikalisierung nicht einen einzigen Auslöser oder einen einfachen Grund: “Sie sind keine Außenseiter. Es sind Kinder, die zur Schule gegangen sind, die studiert haben. Es sind keine Problemkinder.” Dominique betont: “Wir sind keine Familien von Terroristen, sondern Opfer. Wir sollten als solche anerkannt werden.”

Dominiques Sohn Nicolas ist vor zwei Jahren in Syrien getötet worden. Sie war in Frankreich eine der ersten, die darüber gesprochen hat, wie es ist, wenn der eigene Sohn sich als Dschihadist nach Syrien absetzt. Während sie uns Fotos zeigt erzählt sie: “Er war ein ganz normaler Jugendlicher. Er mochte Mädchen und machte sich schick. Das was das Jahr, als er zum Islam übergetreten ist. Das war der Anfang. Dieses Foto wurde drei Monate bevor er nach Syrien aufgebrochen ist aufgenommen. Es ist das letzte Foto.”

Dominique sah ihren Sohn in ISIL-Propaganda-Videos wieder. An seiner Seite sein Halbbruder Jean-Daniel, der mit ihm nach Syrien gegangen ist. In einem Video sagt er, Allah habe in seinem Herzen die Liebe für den Dschihad erweckt. Dominique erinnert sich noch an die seltenen Telefonanrufe: “Er hat mir immer versichert, dass es ihm gut geht. Manchmal habe ich ihm gesagt: ‘Wie kann das sein? Du bist in einem Land im Krieg. Hör auf zu sagen, dass alles gut ist. Das kann doch nicht sein.”

Dominique sagt, dass ihr Sohn von ISIL angeworben wurde. Er sei außerhalb der Moschee in Toulouse von Extremisten indoktriniert worden: “Sie sind wirklich sehr gut. Sie schaffen es, die ganze Vergangenheit dieser jungen Menschen auszulöschen. Es ist wie eine Reinigung. Alles wird von einem Dampfdruckreiniger beseitigt. Sie trichtern ihnen ein, dass der Tod nicht schlimm ist. Sie sagen ihnen, dass es schön ist zu sterben. Diese jungen Männer haben keine Angst mehr vor dem Tod. Das ist doch verrückt.”

Was bleibt? Aufklären und warnen

Dominique hat einen Verein gegründet: Syrie prévention famille. Sie will den Familien, deren Kinder sich radikalisieren, helfen. Heute trifft sie sich in Belgien mit Saliha Ben Ali. Eine Mutter, die auch ihren Sohn verloren hat. “Für sie ist es noch schlimmer. Ihr Sohn ist drei Monate nachdem er fortgangen ist, getötet worden. Er war noch sehr jung. Er war 19 Jahre alt. Ich mache alles was ich kann, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Die Menschen sollten wissen, was passiert und was wir durchmachen,” so Dominique.

Saliha hat marokkanische Wurzeln. Ihr Sohn Sabri hat sich radikalisiert und ist vor zwei Jahren in Syrien getötet worden. Seitdem versucht sie, vor den islamistischen Rekrutierern zu warnen und aufzuklären. Sie hat auch einen Verein gegründet: “Unser Verein hier in Belgien versucht die Jugendlichen zu erreichen, um zu verhindern, dass sie sich radikalisieren. Und wir unterstützen die betroffenen Familien. Wir versuchen ihnen die Hilfe zu geben, die wir gerne gehabt hätten, als wir selber dieses Drama durchgemacht haben.”

Seit den Anschlägen in Paris hat Saliha das Gefühl, dass ihre Stimme mehr gehört wird: “Vorher habe ich Kontakt mit den Schulen aufgenommen. Zwei oder drei Schulen haben akzeptiert, mich anzuhören, aber seit dem 13. November sind es die Schulen, die mich um Hilfe bitten. Sie melden sich jetzt, dabei engagiere ich mich schon seit zwei Jahren.”

Die Trauer der Mütter

In Frankreich, in Narbonne, treffen wir uns mit einer anderen Mutter, Christine. Ihr 29-jähriger Sohn ist noch am Leben. Er ist im Mai 2014 zum Islam übergetreten und neun Monate später nach Syrien aufgebrochen. Ab und zu schickt er ihr Kurznachrichten.

Aus Angst um ihn will sie uns nicht seinen Namen geben. Sie zeigt uns nur Kinderfotos. Sie erzählt: “Er war ein braver Junge, er hat sich in der Schule nie geprügelt. Er war lieb und schüchtern. Er hatte immer viel Mitgefühl. Ich glaube, er wünschte sich, dass die Gesellschaft anders wäre. Er ist aufgewachsen und nach Paris gegangen. Er führte ein normales Leben. Er hatte eine Arbeit, er liebte Hard Rock. Er war wie die anderen jungen Menschen. Und dann hat er in Paris die falschen Menschen getroffen. Er ist zum Islam übergetreten und dann ist alles sehr schnell gegangen. Er hat sich radikalisiert und dann ist er verschwunden. Es betrifft alle Gesellschaftsschichten, heile und zerbrochene Familien. Es sind Familien von Nordafrikanern und von Christen betroffen. Es kann alle sozialen Schichten treffen.”

Dominique macht sich immer wieder Vorwürfe: “Man sagt sich, dass man etwas übersehen hat. Wenn man vielleicht etwas anders gemacht hätte, aber fragen ‘Was wäre wenn…’ hilft einem auch nicht weiter. Ich habe getan was ich konnte. Ob es gut oder schlecht war, weiß ich nicht. Ich habe meine Kinder auf jeden Fall geliebt.” Christine sucht auch noch nach Antworten: “Es hängt mit der Gesellschaft zusammen. Diese jungen Menschen sind auf der Suche. Das ist ja an sich nicht falsch, oder? Wer sind die wirklichen Verbrecher, die wirklich gefährlichen Menschen? Es sind jene, die die jungen Menschen auf diesen Weg führen. Sie sind es, die man verfolgen sollte.”

Der Dokumentarfilm Dschihad: Der Kampf der Mütter erzählt das Schicksal von Saliha und ihrer Familie. Bei seiner Voraufführung in Brüssel sehen sich Saliha und Dominique den Film gemeinsam an. Viele Mütter wollen ihr Schweigen brechen. Sie wollen aufklären und verhindern, dass sich andere junge Menschen radikalisieren. “Ich bin bereit den Jugendlichen zu sagen, wie sehr ihre Familien leiden werden. Und ich würde ihnen auch sagen, dass sie, wenn sie dorthin gehen, mit Sicherheit umkommen werden,” so Dominique.

Christine macht sich Sorgen um ihren Sohn: “Die Bombardierungen haben zugenommen. Ihr Leben dort ist schwierig. Es gibt viele Tote. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Ich habe nicht mehr viel Hoffnung. Ich hoffe natürlich, dass er zurückkommt, aber ich glaube nicht daran.”