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"Russland hat sich zum Verhandlungstisch gebombt"

Estnischer Präsident traut Russlands Vermittlerrolle nicht

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"Russland hat sich zum Verhandlungstisch gebombt"

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Euronews: Vielen Dank, dass Sie hier sind. Russlands Präsident Wladimir Putin wird als jemand, der Risiken eingeht, eingeschätzt. Was erwarten Sie in diesem Jahr von ihm?

Toomas Hendrik Ilves, Präsident der Republik Estland: “Das ist sehr schwer zu sagen. Vor zwei Jahren gab es die Invasion der Ukraine, die das Machtverhältnis veränderte und es folgte die Annexion von Gebieten. Vergangenes Jahr dann das Engagement in Syrien, das war ja eine einseitige Initiative. Im Grunde genommen bombte er sich ja an den Verhandlungstisch. Also, wenn ich mir die vergangenen zwei Jahre anschaue, dann würde ich nichts voraussagen wollen.”

euronews: Und wie ist die Lage in Estland? Sie haben doch einmal Wladimir Putin als eine militärische Bedrohung für ihr Land wahrgenommen? Ist das immer noch der Fall oder fühlen sie sich inzwischen ausreichend geschützt?

Toomas Hendrik Ilves, Präsident der Republik Estland: “Sagen wir es so, die Situation am Boden oder mehr noch in der Luft hat sich nicht verändert. Vor zwei Jahren gab es einen dramatischen Anstieg von Militärflügen ohne Transponder. Das ist eine enorme Bedrohung für die zivile Luftfahrt und könnte potentiell enorme Schäden anrichten. Es wurden alle Arten von Manövern und Übungen direkt hinter unserer Grenze durchgeführt und das auf eine ziemlich bedrohliche Art und Weise, nicht nur für uns, aber für die Region allgemein. Es geht nicht nur um Estland, sondern auch um Schweden, Dänemark, Lettland, Litauen – sie alle haben Erfahrungen mit diesem dramatischen Anstieg gemacht. Was das Gefühl der Sicherheit betrifft, haben wir in den vergangenen zwei Jahren mehr Aufmerksamkeit von der NATO bekommen. Wir sind ja NATO-Mitglied, alle waren wie eingelullt und dachten, es gebe keine Bedrohung. Die NATO hat nun ihre Meinung geändert.”

euronews: Wie sieht es denn bei der Sicherheit Ihrer Server aus, Estland war ja 2007 Zielscheibe eines massiven Cyberangriffs. Sind sie da nun ausreichend geschützt?

Toomas Hendrik Ilves, Präsident der Republik Estland: “Die Cyberattacke stammt aus einer Zeit vergleichbar mit den Höhlenmenschen im Vergleich zu dem, was wir heute haben. Was unsere Cyber-Sicherheit betrifft, gehören wir zu den führenden Ländern der Welt. Auf der anderen Seite will das aber nicht viel heißen.”

euronews: OK, letzte Frage, ich weiß, dass Sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin als eine Bedrohung wahrnehmen. Aber ist er nicht auch ein Friedensvermittler? So möchte er sich zumindest momentan gern darstellen. Glauben Sie, dass das möglich ist? Vertrauen Sie ihm in dieser Position?

Toomas Hendrik Ilves, Präsident der Republik Estland: “Sie fallen in die Ukraine ein, bombardieren Syrien und dann bomben sie sich ihren Weg bis zum Verhandlungstisch. Wie können Sie also ein Friedensvermittler sein, wenn Sie derjenige sind, der das Problem überhaupt erst geschaffen hat? Sie werden zwangsläufig ein Partner, sie haben das Problem ja geschaffen und dann sagen Sie: Ich habe das Problem kreiert, jetzt redet mit mir. Den Begriff “Friedensvermittler” würde ich da nicht verwenden.”